Monica Bonvicini — Die Katastrophe nimmt Gestalt an

Sandy Mantoloking 2012, 2020, Tempera und Sprühfarbe auf Fabriano-Papier, 200 x 150 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Sandy Mantoloking 2012, 2020, Tempera und Sprühfarbe auf Fabriano-Papier, 200 x 150 cm, Courtesy Galerie Peter Kilchmann, Zürich © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

© ProLitteris. Foto: Stefan Emsenhuber

© ProLitteris. Foto: Stefan Emsenhuber

Mountain Town 2015, 2017, Tempera und Sprühfarbe auf Wabenplatten, 255 x 570 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien © ProLitteris

Mountain Town 2015, 2017, Tempera und Sprühfarbe auf Wabenplatten, 255 x 570 cm, Courtesy Galerie Krinzinger, Wien © ProLitteris

Wildfire Kern 2010, 2016, Tempera und Sprühfarbe auf Fabriano-Papier auf Leinwand kaschiert, 197 x 307 cm, Courtesy Galleria Raffaella Cortese, Mailand © ProLitteris. Foto: Roman März

Wildfire Kern 2010, 2016, Tempera und Sprühfarbe auf Fabriano-Papier auf Leinwand kaschiert, 197 x 307 cm, Courtesy Galleria Raffaella Cortese, Mailand © ProLitteris. Foto: Roman März

Neck Beach 2018, 2020, Tempera und Sprühfarbe auf Fabriano-Papier, 200 x 150 cm, Courtesy König Galerie, Berlin © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Neck Beach 2018, 2020, Tempera und Sprühfarbe auf Fabriano-Papier, 200 x 150 cm, Courtesy König Galerie, Berlin © ProLitteris. Foto: Jens Ziehe

Fokus

Monica Bonvicini gehört seit den 1990er-Jahren zu den international bekanntesten Künstlerinnen. Der in unterschiedlichen Medien wie Video und Installation, Skulptur und Performance arbeitenden Wahlberlinerin gelingt es, gesellschaftspolitische Fragen mit ästhetisch wohlkalkulierten Formulierungen so intelligent wie beinahe plakativ zu diskutieren. Jetzt zeigt sie im Kunst Museum Winterthur in ihrer ersten institutionellen Einzelausstellung in der Schweiz über sechzig grossformatige Zeichnungen aus ihrer Werkreihe ‹Hurricanes and Other Catastrophes›.

Monica Bonvicini — Die Katastrophe nimmt Gestalt an

Monica Bonvicinis Zeichnungen der Serie ‹Hurricanes and Other Catastrophes›, die in den letzten 14 Jahren entstanden ist, schreiben sich ein in die Bilderflut unserer postkapitalistischen Medienwelt und kommentieren diese oftmals sensationslüsternen Bilder überaus kritisch. All diese Zeichnungen beziehen sich nämlich auf Medienbilder, vor allem auf Aufnahmen aus den Print- und TV-Medien, die anlässlich von Natur- und Umweltkatastrophen, wie etwa dem Hurrikan ‹Katrina›, der 2005 besonders die Armenviertel von New Orleans zerstörte, entstanden sind. Diese erschreckenden Bilder werden von der Künstlerin übersetzt in grossformatige, expressive schwarz-weisse Darstellungen, welche die medialen Konstruktionen zugleich individualisieren und emotionalisieren. Bonvicini selbst beschreibt dies so: «Die Zeichnungen müssen schwarz sein, konfrontativ und gross. Da ist Ärger und Wut in den Zeichnungen, denn das ist, was ich in New Orleans gesehen habe, als ich Menschen traf, die alles verloren haben. Und das auf Grund von Rassismus und politischen Entscheidungen, die bestimmte Stadtteile gegenüber anderen Stadtteilen bevorzugt behandelt haben. Da ist Schmerz in den Zeichnungen, da ist Liebe in den Details und eine Dringlichkeit der schnellen Striche, denn genau so trifft dich eine Katastrophe.»

Die Gestalt der Zerstörung
Zu sehen also sind auf den berührenden und zugleich aufrüttelnden Blättern unter Naturkatastrophen kollabierte Gebäude. In nicht enden wollender Reihung geben sie Auskunft über das Ausmass an Zerstörungen, für welche die Klimakatastrophe schon jetzt verantwortlich ist. Um welche Häuser es sich handelt und in welchen Ländern – meist der USA – sie standen, wird in den Titeln der Zeichnungen nicht deutlich gemacht, so gewinnen diese Darstellungen einen gleichsam modellhaften Charakter. Gezeichnet sind die ‹Hurricanes and Other Catastrophes› von Bonvicini mit Temperafarbe gemischt mit schwarzer Sprayfarbe, einem längst klassischen Medium der Street Art. Die vermeintliche Präzision der fotografischen Vorlagen wird durch das Verlaufen der Farbe gezielt unterwandert, die expressive Anmutung des Destruktiven tritt so an deren Stelle. Der Kunsthistoriker Colin Lang beschreibt diese künstlerische Strategie folgendermassen: «Zwischen den tiefenscharfen Fluchtpunkten des fotografischen Ausgangsmaterials läuft an der Oberfläche Bonvicinis Tempera herunter, an manchen Stellen so dick aufgetragen, dass sie aus den kleinen Fenstern in der eingesackten Wand des Beauregard-Hauses zu quillen scheint. Der Kollaps ist somit sowohl bildhafter als auch formaler Natur.» Manche der über sechzig Blätter sind von der Künstlerin zudem mit textlichen Inserts versehen, wie zum Beispiel «come on baby light my fire», ein Zitat aus dem weltberühmten Song ‹Light my ­Fire› der Doors. Diese meist zynisch-lakonischen, aber vor allem emotionsgeladenen Einschübe grenzen sich so deutlich von den eher sachlichen Bildunterschriften ihrer medialen Vorlagen ab.

Ein kurzer Flashback
Übrigens: Im Kunsthaus Graz zeigte Bonvicini gerade in ihrer Ausstellung ‹I Don’t Like You Very Much› die Installation ‹As Walls Keep Shifting›, 2019–2022. Im Massstab 1:1 ist da die Hälfte eines Einfamilienhauses in drei Teile zerlegt und zerstört, zerstreut wie nach einem Hurrikan liegen diese Zeugen einer Naturkatastrophe dann auf dem Boden des Ausstellungsraums herum. Das Haus als (familiärer) Lebensraum erweist sich auch hier als Memento mori, das im Spannungsfeld von Dokumentation und Fiktion seine nachdenklich-provokante Kraft entwickelt.
Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Architektur setzt bei Bonvicini bereits in den 1990er-Jahren ein, etwa in der Videoinstallation ‹Wallfuckin’›, 1995/96. Da steht ein schlichter schwarzer Monitor in einem ansonsten leeren weis­sen Raum. Auf dem Monitor läuft ein Video, das eine nackte Frau zeigt, die sich an einem Mauervorsprung selbst befriedigt. Die Frau, deren Kopf nie zu sehen ist, masturbiert hier, auf und ab geht dabei ihre Lust generierende Bewegung, und stellt so eine «erotisch-libidinös ansprechende» (Joshua Decter) Beziehung zu der kargen Architektur her. Ein wenig erinnert diese Szenerie an eine Szene aus dem Film ‹Der letzte Tango von Paris›, 1972, in der die Schauspielerin Maria Schneider die «Männerehre» des ihr beim Masturbieren an einer Wand zuschauenden Marlon Brando kränken will. Doch Bonvicinis Inszenierung fügt dieser, wenn man so will, «feministischen Selbstermächtigung» noch einen weiteren Aspekt hinzu, nämlich den der Kritik am Betriebssystem Kunst und der männlichen Dominanz in diesem. Das gelingt der Künstlerin, weil der hier gefilmte Raum und der Raum, in dem der Monitor steht, sich derart ähneln, dass der gezeigte und der zeigende Raum kritisch kurzgeschlossen werden.

Klimakatastrophe politisch
Architektur wird in ‹Hurricanes and Other Catastrophes› kaum noch mit feministischen Fragestellungen in Verbindung gebracht, stattdessen mit der weltweiten Klimakatastrophe, die derzeit verharmlosend immer öfter als «Klimakrise» bezeichnet wird. Dazu sei noch einmal die Künstlerin selbst zitiert: «In meiner künstlerischen Praxis untersuche ich den Klimawandel und die zerstörerischen menschengemachten Einwirkungen auf die Umwelt. Die Architektur dient mir dabei als ‹Linse›, durch die Ideologien und Machtverhältnisse sichtbar werden.» Über ihre Werkreihe ‹Hurricanes and Other Catastrophes› ergänzt sie: «Die Zeichnungen der Häuser in der Serie ‹Hurricanes and Other Catastrophes› sind also nicht nur eindrucksvolle Repräsentationen von Naturkatastrophen, sondern auch subtile Reflexionen über die Stadt als Ort sozialräumlicher Segregation, über die Effekte des Klimawandels auf unterschiedliche Lebensräume und über die politischen Entscheidungen, die Architektur und städtebaulicher Entwicklung ihre Funktionen zuweisen.» Entscheidend bei dieser Auseinandersetzung ist nicht zuletzt, dass Bonvicini eben nicht den jetzt oft herbeibemühten «positiven Visionen» vertraut, dafür aber die desaströsen Momente der Klimakatastrophe ins Spiel bringt. Und so hoffentlich warnend-aufklärerisch ein Bewusstsein dafür schafft, dass die Klimakatastrophe nur noch durch eine politische Strategie des Verzichtens gerade in den westlichen «Wohlstandsstaaten» einzudämmen ist, also durch weniger Wachstum, weniger Energieverbrauch, weniger CO2-Ausstoss, weniger Konsum, ja: weniger Wohlstand.

Raimar Stange lebt und arbeitet als freier Kurator und Kunstpublizist in Berlin. Bassist im Art Critics ­Orchestra. raimarstange@gmx.de

→ ‹Monica Bonvicini – Hurricanes and Other Catastrophes›, Kunst Museum Winterthur, bis 13.11.; ­Publikation in Kooperation mit dem Kunsthaus Graz, Verlag Walther König ↗ www.kmw.ch

Until 
13.11.2022

Monica Bonvicini (* 1965, Venedig) lebt in Berlin
Studium an der HdK Berlin und am CalArts, Los Angeles
Seit 2003 Professur an der Akademie der Bildenden Künste, Wien
Seit 2017 Professorin an der UdK Berlin

Einzelausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Monica Bonvicini›, Neue Nationalgalerie, Berlin; ‹I Don’t Like You Very Much›, Kunsthaus Graz
2021 ‹Power Joy Humor Resistance›, Italian Cultural Institute, Stockholm
2019 ‹I Cannot Hide My Anger›, Belvedere 21, Wien
2013 ‹Wall Works›, Hamburger Bahnhof, Berlin

Biennale-Beteiligungen (Auswahl)
2020 Busan Biennale
2017, 2003 Istanbul Biennale
2015, 2011, 2005, 2001, 1999 Biennale Venedig
2014, 2003, 1998 Berlin Biennale
 

Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Monica Bonvicini 10.09.2022 to 13.11.2022 Exhibition Winterthur
Schweiz
CH
Artist(s)
Monica Bonvicini
Author(s)
Raimar Stange

Videos

Ausgehend von den medialen Bildern der Zerstörung durch Waldbrände oder Wirbelstürme hat die Künstlerin eine eindrückliche Werkserie geschaffen.

Das multimediale künstlerische Schaffen von Monica Bonvicini ist von gesellschaftlicher Brisanz; es umfasst neben Skulptur und Installation auch Videos, Performance, Fotografie und insbesondere die Zeichnung. Mit über sechzig grossformatigen Arbeiten aus der Serie «Hurricanes and Other Catastrophes», kombiniert mit einer gezielten Auswahl an skulpturalen Werken, vermittelt die Ausstellung erstmals einen umfassenden Einblick in das bedeutende Oeuvre der Künstlerin.

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