Nora Turato — Volle Worte, leere Worte, geflüstert und geschrien

eeeexactlyyy my point., 2021, Emulsionsfarbe auf Wand, Ausstellungsansicht ‹Post-Capital – Art and the Economics of the Digital Age›, MUDAM, Luxemburg, 2021, Courtesy Galerie Gregor Staiger, Zürich. Foto: Rémi Villaggi

eeeexactlyyy my point., 2021, Emulsionsfarbe auf Wand, Ausstellungsansicht ‹Post-Capital – Art and the Economics of the Digital Age›, MUDAM, Luxemburg, 2021, Courtesy Galerie Gregor Staiger, Zürich. Foto: Rémi Villaggi

let the mosquito finish, 2021, LED-Leuchtkasten, bedruckter Stoff, 200 x 300 x 6,6 cm (oben); everything you hoped for and everything you feared, 2021, LED-Leuchtkasten, bedruckter Stoff, 200 x 300 x 6,6 cm (unten), Courtesy Galerie Gregor Staiger, Zürich

let the mosquito finish, 2021, LED-Leuchtkasten, bedruckter Stoff, 200 x 300 x 6,6 cm (oben); everything you hoped for and everything you feared, 2021, LED-Leuchtkasten, bedruckter Stoff, 200 x 300 x 6,6 cm (unten), Courtesy Galerie Gregor Staiger, Zürich

let the mosquito finish, 2021, LED-Leuchtkasten, bedruckter Stoff, 200 x 300 x 6,6 cm (oben); everything you hoped for and everything you feared, 2021, LED-Leuchtkasten, bedruckter Stoff, 200 x 300 x 6,6 cm (unten), Courtesy Galerie Gregor Staiger, Zürich

let the mosquito finish, 2021, LED-Leuchtkasten, bedruckter Stoff, 200 x 300 x 6,6 cm (oben); everything you hoped for and everything you feared, 2021, LED-Leuchtkasten, bedruckter Stoff, 200 x 300 x 6,6 cm (unten), Courtesy Galerie Gregor Staiger, Zürich

transgression is arresting, 2022, Zweikomponenten-Screenprint auf Aluminium, 156 x 110 cm

transgression is arresting, 2022, Zweikomponenten-Screenprint auf Aluminium, 156 x 110 cm

tired dog happy dog, 2022, Zweikomponenten-Screenprint auf Aluminium, 156 x 110 cm

tired dog happy dog, 2022, Zweikomponenten-Screenprint auf Aluminium, 156 x 110 cm

poor babies so scared of themselves and others, 2022, Ausstellungsansicht Galerie Gregor Staiger, Zürich; Wandarbeit: but but but, 2022, Emulsionsfarbe auf Wand, 477 x 292,85 cm, alle Werke Courtesy Galerie Gregor Staiger, Zürich

poor babies so scared of themselves and others, 2022, Ausstellungsansicht Galerie Gregor Staiger, Zürich; Wandarbeit: but but but, 2022, Emulsionsfarbe auf Wand, 477 x 292,85 cm, alle Werke Courtesy Galerie Gregor Staiger, Zürich

pool #5, 2022, Performance, MoMA, New York. Courtesy Gregor Staiger, Zürich. Foto: Julieta Cervantes

pool #5, 2022, Performance, MoMA, New York. Courtesy Gregor Staiger, Zürich. Foto: Julieta Cervantes

Fokus

Je nachdem, wie ein Wort klingt, werden unterschiedliche Assoziationen wach. Doch ein Wort kann auch sinnentleert sein und der kapitalistischen Logik dienen. Diesem Spannungsfeld wid­met sich die Künstlerin und Performerin Nora Turato. Derzeit ist bei Gregor Staiger ihre ortsspezifische Installation ‹poor babies so scared of themselves and others› zu sehen. 

Nora Turato — Volle Worte, leere Worte, geflüstert und geschrien

Linien reihen sich der Wand entlang, ziehen sich von unten bis ganz nach oben, grau und unterschiedlich breit. Orientierungslosigkeit stellt sich ein; der Blick versucht den Linien zu folgen, sie zu zählen, rutscht ab, wird abgelenkt. Die grauen Flächen werden von der Konjunktion «but» überlagert, riesig, rot und schemenhaft. Ein Wort, das Sätze verbinden sollte, hier aber allein im Raum steht, nutzlos und zweckentfremdet. An den Wänden der Galerie Gregor Staiger hängen zudem verschiedene Druckgrafiken, die an Werbeplakate denken lassen, diesmal aber nicht das Versprechen von Glück durch den Kauf eines bestimmten Produkts enthalten, sondern Sprüche wie «claim your throne». Sie kommen uns seltsam vertraut vor, könnten sie doch auf jener Tasse stehen, aus der wir morgens unseren Kaffee trinken; uns motivieren sollend, erfolgreich in den Tag zu starten. Dieser Satz wird gleich von einem weiteren flankiert, von «the enthusiast / somewhere between expert and amateur». So gross die einzelnen Buchstaben auch gedruckt sind, so leer an Bedeutung bleibt er dennoch.

Wie Worte klingen
Diese Worte und Sätze findet Nora Turato im Netz, in journalistischen Artikeln oder literarischen Werken, in Magazinen und Zeitschriften, in Memes und Videos. Jene, die etwas in ihr auslösen, hält sie chronologisch in einem umfangreichen Dokument fest. Sie zeigt es mir, als wir in einem Café sitzen, scrollt mit ihrem Daumen runter und runter und runter. Die schwarzen Buchstaben ziehen an mir vorbei, die vielen Sätze, die ihrem eigentlichen Kontext entrissen wurden. Wer spricht hier? Und zu wem? «Wenn mich ein Satz fasziniert, notiere ich ihn. Das kann alles Mögliche sein, auch so was», sagt Turato und zeigt auf meine Tabakpackung, die vor uns auf dem Tisch liegt. Dort sind Schlagworte wie «innovate» und «transparency is key» fett markiert. «Diese Formulierungen sind doch absurd», sagt sie, schmunzelt, schüttelt ihren Kopf. Seit 2017 entstanden fünf Bücher, sogenannte pools, in denen Turato ihre Notizen sammelt. «Sie sind wie grosse Container, die ich fortlaufend fülle. Sie sind persönliche Journale.» Die Serie setzte sie gemeinsam mit dem Grafiker und Künstler Sabo Day um, den sie während ihres Studiums an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam kennenlernte.
Auf diesen Publikationen basieren denn auch ihre Performances, die dieses Jahr unter anderem im Museum of Modern Art in New York zu sehen waren. Im Rahmen von ‹what is dead may never die› rezitierte Turato Passagen unter anderem aus ‹pool #5›, ihrem letzten Buch. Allerdings geht es in ihren Performances nicht um eine inhaltliche Bedeutung, sondern darum, wie ein Satz klingt. «Je nachdem, wie ich ihn betone, wie laut oder leise ich ihn ausspreche, entsteht eine Energie, die ich an das Publikum weitergeben kann.» So löst sich der künstlerische Prozess von der Künstlerin, verselbstständigt sich, je nach Publikum, das sich gerade im Raum befindet. «Ich will nicht zu besitzergreifend mit meiner Arbeit sein, mit der Bedeutung, die ihr innewohnt. Ich möchte sie loslassen können.»
Eine Weiterführung der Performance ‹what is dead may never die› ist aktuell – verbunden mit einer Online-Präsentation im ‹digilab› der Institution – im Kunsthaus Zürich zu sehen. Aus dem Off einer Vier-Kanal-Videoprojektion hüllt die Stimme von Turato den Raum ein. Liegt in ihren Performances der Fokus auf der akustischen Ebene, so spielt in ihren gedruckten Werken das Visuelle eine wichtige Rolle. Ein Beispiel dafür sind die Druckgrafiken, die bei Gregor Staiger zu sehen sind. Diese hat Turato in einer eigens entworfenen Schrift umgesetzt, wobei ein Buchstabe in verschiedenen Variationen vorkommen kann. So etwa das O in «tired dog / happy dog»; mal ist es schmal und oval, dann breit und klein, fast schon kantig. «Ich versuche Worte auf ihre Form zu reduzieren, auszuprobieren, was es auslösen kann.» Unweigerlich knüpft die Form eines Wortes wieder an seinen Klang an. Während ich das ovale O eher als «dóg» aussprechen möchte, klingt das platt gedrückte O eher wie ein «dòg» in meinem Kopf.

Nur noch Hülsen
Der künstlerischen Praxis von Nora Turato wohnt nicht zuletzt eine gesellschaftskritische Ebene inne. «Im Netz sehen wir täglich so viele Dinge. Irgendwo habe ich mal den Satz ‹a wealth of information creates a poverty of attention› gelesen. Ich glaube, das stimmt.» Was also passiert mit unserer Wahrnehmung, wenn Informationen ständig verfügbar sind, im Sekundentakt aktualisiert werden? Dass sich unsere Sehgewohnheiten längst verändert haben, mag uns die ortsspezifische Installation von Turato vor Augen führen; die schnell getakteten Linien im Raum, die übereinander gelagerten Inhalte. Doch nehmen wir uns Zeit, diese Inhalte genauer zu betrachten, so fragen wir uns: Was wird uns hier eigentlich vermittelt? Wer spricht in ‹claim your throne› eigentlich? Wem gehört diese Stimme, die einem ins Ohr zu flüstern scheint: Nimm dir deinen Platz in dieser Welt, sei mutig, sei effizient, arbeite hart, dann wirst du dein Ziel erreichen.
Sprache kann ermächtigend sein. Sie kann ein Werkzeug sein, um Dinge zum Ausdruck zu bringen, für die uns lange die Worte fehlten. Sie kann aber auch instrumentalisiert und entleert werden, zum werberischen Spruch verkommen, der einer kapitalistischen Logik dient. Das Versprechen, Bedeutung zu finden, liegt sogleich im Kauf des nächsten Produkts.

Giulia Bernardi ist freischaffende Kulturpublizistin und lebt in Zürich. giulia.bernardi@outlook.com

→ ‹Nora Turato – poor babies so scared of themselves and others›, Galerie Gregor Staiger, bis 22.10.  ↗ www.galerie.gregorstaiger.com
→ ‹Kunsthaus Digilab – Nora Turato›, Kunsthaus Zürich, Chipperfield-Bau, bis Februar 2023  ↗ www.kunsthaus.ch ↗ digilab.kunsthaus.ch

Until 
22.10.2022

Nora Turato (*1991, Zagreb) lebt in Amsterdam
2009–2013 Bachelor in Graphic Design, Gerrit Rietveld Academie, Amsterdam
2014–2016 Master in Typografie, Werkplaats Typografie, Arnhem
2017–2019 Residency an der Rijksakademie van beeldende kunsten, Amsterdam

Einzelausstellungen (Auswahl)
2022 ‹pool #5›, Studio Now, Museum of Modern Art, New York; ‹govern me harder›, 52 Walker, New York
2021 ‹ri-mEm-buhr THuh mUHn-ee›, Vereinigung bildender KünstlerInnen, Wiener Secession, Wien
2020 ‹That’s the only way I can come›, Museo d’arte della Svizzera italiana, Lugano; ‹Move 2020. Vulnérabilités, jeter son corps dans la bataille›, Centre Pompidou, Paris
2019 ‹Explained Away›, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz; ‹Someone Ought to Tell You What It’s Really All About›, Serralves Museum of Contemporary Art, Porto; ‹warp and woof›, Galerie Gregor Staiger, Zürich; ‹Explained Away›, Kunstmuseum Liechtenstein, Vaduz

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Aus den Fugen – Momente der Störung›, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich; ‹Front International 2022›, Cleveland Triennial for Contemporary Art
2021 ‹Post-Capital – Art and the Economics in the Digital Age›, MUDAM, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg; ‹Information (Today)›, Kunsthalle Basel; ‹The Dreamers›, 58th October Salon, Belgrad
2020 ‹It’s Urgent!›, Luma Westbau, Zürich
2018 ‹The Planetary Garden. Cultivating Coexistence›, Manifesta 12, Palermo

Institutionen Country City
Kunsthaus Zürich Switzerland Zürich
Gregor Staiger Switzerland Zürich
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Nora Turato 27.08.2022 to 22.10.2022 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Author(s)
Giulia Bernardi
Artist(s)
Nora Turato

Advertisement