Lokaltermin Schwamendingen — Ein urbanes Langzeitprojekt

Ruth Erdt · Chilbi Schwamendingen, 2019, Courtesy KiöR Zürich

Ruth Erdt · Chilbi Schwamendingen, 2019, Courtesy KiöR Zürich

Ruth Erdt · Frohburgstrasse Schwamendingen 2015, Courtesy KiöR Zürich

Ruth Erdt · Frohburgstrasse Schwamendingen 2015, Courtesy KiöR Zürich

Fokus

Die Einhausung des knapp einen Kilometer langen Autobahnabschnitts zwischen Zürich-Ost und Schöneichtunnel nimmt die KiöR Zürich – die städtische Arbeitsguppe Kunst im öffentlichen Raum – seit 2009 zum Anlass, um im Langzeitprojekt ‹Lokaltermin Schwamendingen› lokale Bevölkerung und zeitgenössische Kunst miteinander bekannt zu machen. 

Lokaltermin Schwamendingen — Ein urbanes Langzeitprojekt

Die Transformation des peripheren Zürcher Stadtquartiers beschleunigt sich durch das urbane Mammutprojekt der Einhausung zwar merklich, doch wird sie unabhängig davon durch weitere Gründe vorangetrieben. Die Expansion der Stadt, die Raumknappheit und der damit verbundene Preisanstieg von Immobilien machen aus dem ehemals belächelten bis verachteten Zürich-Schwamendingen eine Alternative, wo sich multikulturelle Vielfalt und lokale Besonderheit auf eine interessante und durchaus zeitgemässe Art verbinden.
Das ausserordentlich langfristig angelegte Projekt ‹Lokaltermin Schwamendingen›, das bei der geplanten Fertigstellung im Jahr 2024 ganze 15 Jahre alt sein wird, strebte von Beginn weg einen Austausch in beide Richtungen an: Die Bevölkerung sollte für die Belange der zeitgenössischen Kunst sensibilisiert werden, die Kunstschaffenden sich wiederum von den Besonderheiten des Orts und seiner Einwohnerinnen und Einwohner inspirieren lassen. Die punktuelle Einladung von Künstlerinnen und Künstlern wurde nach einem eher holprigen Start von Pamela Rosenkranz um eine Langzeitperspektive erweitert. So hält die Künstlerin und Fotografin Ruth Erdt seit 2012 Jahr für Jahr die Folgen des Bauverlaufs und seine mannigfaltigen Facetten fotografisch fest. Der Auftrag an Erdt umfasst dabei explizit nicht ausschliesslich die Dokumentation, sondern darüber hinaus eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Veränderungen vor Ort. Als Resultat liegen mittlerweile ‹Schwamdings Part 1› bis ‹Schwamdings Part 7› vor sowie ganz aktuell eine Installation an der Fassade der SERA Stiftung, die sich unter anderem für die Integration türkischer Jugendlicher und Kinder einsetzt. Quasi als letzte Aufmerksamkeit für ein Haus, das in wenigen Wochen dem Erdboden gleichgemacht wird, organisierte Erdt ein Fotoshooting mit Kindern der Nachbarschaft und fertigte eine 7 mal 9 Meter grosse Fotoblache an, die das Abbruchobjekt an der Winterthurerstrasse 340 ein letztes Mal zum Blickfang macht.

Aufbruch im Abbruch
Der langfristig angelegte Auftrag an Ruth Erdt erwies sich in Schwamendingen als Glücksfall. Als Bewohnerin des Quartiers ist sie einerseits mit sämtlichen lokalen Besonderheiten und der sich über die Jahre verändernden Sozialstruktur vertraut; andererseits sorgt sie mit ihrem künstlerischen Anspruch, so nahe wie möglich bei den Leuten zu sein – seien es die Bewohnerinnen und Bewohner, deren Umgebung radikal verändert wird, seien es die Projektleitenden und Bauarbeiter, welche die Veränderungen realisieren – dafür, dass hier eine Serie von Werken entsteht, die eindeutig über die nüchterne ­fotografische Dokumentation hinausgeht. Neben einer personellen Konstante gibt es beim ‹Lokaltermin Schwamendingen› auch eine örtliche; und zwar die bemerkenswerten Ausstellungsräume der Tenne, die bereits seit den 1970er-Jahren von der Galerie ­Tenne verwaltet werden. Die Galerie Tenne verwirklicht hin und wieder eigene thematische Sonderausstellungen, stellt die durch schwere dunkelbraune Holzbalken strukturierten Räume jedoch vor allem verschiedenen Kunstschaffenden gegen Bezahlung als Ausstellungsort zur Verfügung. Die KiöR erkannte in der Tenne einen charmanten, lokal bestens verankerten und etablierten Ausstellungsort und quartierte sich als regelmässige Veranstalterin dort ein. Die Qualität des Ausstellungsprogramms hat davon mit Sicherheit profitiert, so haben hier mittlerweile renommierte Künstler wie Michael Meier und Christoph Franz, David Renggli oder gerade erst im September Cristian Andersen ausgestellt, zudem war die Tenne 2018 im Grossprojekt ‹Neuer Norden Zürich› involviert. Eine noch erfreulichere Langzeitfolge des frischen Winds ist eine 2018 gegründete Gruppe aus jüngeren Quartierbewohnern, die unter dem Namen anTenne viermal jährlich die Räume nutzen. anTenne besteht aus derzeit fünf ehrenamtlichen Mitgliedern, die programmatische Besonderheit aus dem Verzicht auf eine Laufzeit der Ausstellung zugunsten einer Konzentration auf einen einzigen Tag. Wenngleich das Programm von der Gruppe kuratiert wird und eine Vertrautheit mit dem zeitgenössischen Kunstdiskurs verrät, so fühlt es sich vor allem den Bewohnerinnen und Bewohnern des Quartier verpflichtet und investiert kaum in die Vernetzung und Vermarktung innerhalb des zeitgenössischen Kunstbetriebs.

Eine Ortsbestimmung der Professionalität
Die Nutzung durch verschiedene Formate mag für einige nach Profillosigkeit klingen: Haben wir an den Hochschulen nicht gelernt, dass für den Erfolg eines jeglichen Unternehmens ein Alleinstellungsmerkmal notwendig ist? Die Pluralität der Nutzerschaft bei gleichzeitigem Verzicht auf eine übergeordnete Rahmung, wie sie sich normalerweise jeder neue Kunstraum hinsichtlich der ästhetischen Gesinnung, des qualitativen Anforderungsprofils und des eigenen Erscheinungsbilds sofort gibt, ist nichtsdestotrotz belebend: Sie lässt eine Vielzahl von Präsentationen und Auseinandersetzungen zu, grenzt niemanden aus und führt ganz real zu einer Durchmischung verschiedener Bevölkerungsschichten. Die Auseinandersetzung und Positionierung innerhalb des professionellen Bezugssystems ist für jedes Kunstprojekt unerlässlich geworden; und doch hat sich deren Bedeutung in den letzten Jahren ein wenig dadurch relativiert, dass offenkundige Mechanismen von strategischer Kommunikation und Manipulation die Professionalität bisweilen fragwürdig erscheinen liessen. Den realen Menschen vor Ort ins Zentrum zu stellen, ist so gesehen folgerichtig, zeitgemäss und ausgesprochen weltläufig.

Oliver Kielmayer (*1970, Zürich) ist Kurator der Kunsthalle Winterthur. kielmayer@gmx.net

Artist(s)
Ruth Erdt
Author(s)
Oliver Kielmayer

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