Resisting Images, Images Responding — Erzählräume

Rahima Gambo · Tatsuniya II, 2019, C-Print, Courtesy die Künstlerin

Rahima Gambo · Tatsuniya II, 2019, C-Print, Courtesy die Künstlerin

Eric Baudelaire · Also Known As Jihadi, 2017, Filmstill, Courtesy der Künstler und Galerie Barbara Wien, Berlin © ProLitteris

Eric Baudelaire · Also Known As Jihadi, 2017, Filmstill, Courtesy der Künstler und Galerie Barbara Wien, Berlin © ProLitteris

Besprechung

Welche dokumentarischen Strategien eignen sich, um gesellschaftspolitische Realitäten zu beleuchten? Damit befassen sich vier künstlerische Positionen in der Coalmine, indem sie bestehende Narrative hinterfragen und Raum für neue schaffen, ohne zu behaupten, klare Antworten zu kennen.

Resisting Images, Images Responding — Erzählräume

Winterthur — Dieser Ausstellungstitel spricht, fragt: Sollten wir der Versuchung widerstehen, auf Bildern nur das zu erkennen, was wir zu erkennen gewohnt sind? Oder sind es just diese Bilder, die uns widerstehen, sich weigern, uns ein simples Narrativ offenzulegen? Diesem Wechselspiel widmet sich die Ausstellung ‹Resisting Images, Images Responding› in der Coalmine. Darin erproben Eric Baudelaire, Rahima Gambo, Judith Kakon und belit sağ verschiedene Strategien, um von Konfliktgebieten und Traumata zu berichten, ohne Klischees zu reproduzieren, ohne die jeweiligen Prot­agonistinnen und Protagonisten in eine feste, vorgefertigte Rolle zu pressen.
Ein Beispiel hierfür ist die Serie ‹Tatsuniya› von Rahima Gambo (*1986, London). Seit rund drei Jahren dokumentiert die nigerianische Künstlerin den Alltag einer Gruppe von Schülerinnen im Norden ihrer Heimat. Eine Region, in der die islamistische terroristische Miliz Boko Haram aktiv ist, die westliche Bildung abschaffen will. Davon betroffen ist auch die Schule in Maiduguri, wo die Serie von Gambo entstand. Sie wirft kein weiteres Schlaglicht auf den Konflikt, sondern widmet sich der Alltagsrealität der Schülerinnen und lässt sie selbst zu Wort kommen. ‹Tatsuniya› besteht aus Fotografien und Videos, wobei die Künstlerin eng mit den Schülerinnen zusammenarbeitete. Statt sie vor der Kamera auszustellen, eine Grenze zwischen Fotografierende und Fotografierte zu ziehen, baut Gambo eine Beziehung zu ihnen auf, konzipiert gemeinsame Workshops, die auf Schulaufgaben oder Erinnerungen basieren. So entsteht ein partizipativer, künstlerischer Prozess, den Gambo dann festhält. Die Serie bewegt sich irgendwo zwischen Alltagsrealität und Improvisation. Sie öffnet einen Raum, in dem sich sowohl das Reale als auch das Imaginierte entfaltet. Daran lehnt auch der Titel der Serie an: ‹Tatsuniya› bedeutet Fabel oder Rätsel auf Hausa.
Die Ausstellung in der Coalmine hinterfragt nicht nur die künstlerische Produk­tion, sondern auch unsere Rezeption, was durch die Präsentation von ‹Tatsuniya› verdeutlicht wird. Fotografien in unterschiedlichen Formaten hängen in verschiedenen Höhen nebeneinander und betonen so, wie vielschichtig und fragmentarisch die Erzählungen sind. Gleichzeitig werden zwei Videos auf Screens gezeigt, die unterhalb der Fotografien auf dem Boden stehen, wodurch man nicht umhinkommt zu fragen: Wie gewichtet man die gezeigten Bilder? Aus welcher Perspektive blickt man auf sie? 

Until 
31.10.2020

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