Claudia und Julia Müller — Lösung aus dem Bildgewebe

Une brève histoire de baskets sales, 2021, Detailansicht mit Hand, CCSP, Wandmalerei und Sticker.Foto: Tristan Savoy

Une brève histoire de baskets sales, 2021, Detailansicht mit Hand, CCSP, Wandmalerei und Sticker.Foto: Tristan Savoy

Une brève histoire de baskets sales, 2021, Detailansicht mit Fuss, CCSP, Wandmalerei und Sticker. Foto: Tristan Savoy

Une brève histoire de baskets sales, 2021, Detailansicht mit Fuss, CCSP, Wandmalerei und Sticker. Foto: Tristan Savoy

Une brève histoire de baskets sales, 2021, Wandmalerei, CCSP, 63 Sticker und 5 Lichtobjekte. Foto: Tristan Savoy

Une brève histoire de baskets sales, 2021, Wandmalerei, CCSP, 63 Sticker und 5 Lichtobjekte. Foto: Tristan Savoy

Foto: Anne-Frédérique Fer

Foto: Anne-Frédérique Fer

Fokus

Seit 1991 arbeiten Claudia und Julia Müller zusammen. Zuerst ge­meinsam in Basel, seit Julias Wegzug nach Berlin auch über Distanz. Ihre kleine, engführende Ausstellung im Centre culturel suisse Paris gibt Anlass, das kollaborative Zeichenwerk der beiden Schwestern auf seine gemeinschaftsbildende Dimension hin zu betrachten. Eine Arbeit am Zeichnen, die im Zug durch die Bilder Handlungsräume öffnet. Dazu gehören auch bemalte Leuchtkörper, die als bunte Lampions Aussen- und Innenraum bevölkern. Eine Verkörperung der Zeichnungen, die immer mehr an Bedeutung gewinnt.

Claudia und Julia Müller — Lösung aus dem Bildgewebe

Wenn beide über ihre Arbeit reden, wird die Begeisterung spürbar, mit der sie ihren Gegenstand immer wieder neu wenden: Bilder. «Wir sammeln sehr viele davon, das ist Grundlage für unsere gemeinsamen Projekte», erklärt Julia. Und Claudia setzt hinzu: «Mich interessieren besonders Machtstrukturen der Bilder, wie sie auf den Menschen, den Körper wirken und wie sie durch Blicke ermächtigt werden.» Der Körper steht im Zentrum ihrer installativen Projekte, für die sie oft grosse Wandzeichnungen mit Objekten oder Collagen und anderen Bildtechniken verbinden. Körper nicht als Motiv, sondern als Position in einem Raum, den sie mit ihren Streifzügen durch Bildwelten und deren Transformationen erzeugen.

Horizontale Züge
Die Bewegungen durch das Bild unternehmen sie nicht hierarchisch, sondern horizontal – Schwesternschaft als Methode. Manchmal scheint beim Gespräch auf, dass sie wohl haben lernen müssen, einander das Wort zu geben, sich aufeinander abzustimmen. Zumindest wirkt es so, als gingen sie unterschiedlich an Gegenstände heran: besonnener, vielleicht empirischer die eine, energischer, theoretisch ausgreifender die andere. «Der Lockdown hat uns dazu geführt, wieder intime Themen aufzugreifen, wie am Anfang unserer Zusammenarbeit», erklärt Julia. «Wir waren viel mit unseren adoleszenten Kindern zusammen, angesichts der starken Nutzung von Instagram und Co. beschäftigt uns weiter die Entmächtigung durch Bilder», fährt Claudia fort, «was macht es mit einem Körper, wenn man ihm ein Smiley ins Gesicht klebt?» Die entsprechende Zeichnung gibt es in der Ausstellung, auf einem kleinen runden Aufkleber inmitten einer als Tapete ausgeführten grossen Wandzeichnung ­eines liegenden Körpers. Die Zeichnung gibt keine Antwort, stellt die Frage nach den Auswirkungen der Bilder eher dringlicher.

Körper unter Bild-Einfluss
Die Ausstellung im Centre culturel suisse Paris stellt die Betrachtenden nicht vor, sondern in die Bilder. Darin schrumpfen sie. Oder wachsen. «Wir haben während des Lockdowns weiter gearbeitet», erklärt Julia, «Paris war ja verschoben worden. So entwickelten wir auf Distanz die Zeichnungen, eine fing analog an, die andere zeichnete digital weiter. Dann wurde das Ganze auf Papier gedruckt.» Antikisierend liegt eine Figur überlebensgross auf die Wand gezeichnet. Hingeräkelt, nicht seitlich gekippt wie 2015 in der Ausstellung ‹Umkehrschub› in der New Yorker Maccarone Gallery. Ausserdem kleben in Paris Sticker darauf mit kleinen Zeichnungen: eine Gruppe lachender Menschen auf dem Sofa, ein paar Turnschuhe, die der Ausstellung den Titel gaben. Schwarz-weiss bringen die Zeichnungen die Bilder auf Distanz, von denen sie abgenommen sind, entfernen sie als reproduzierbare Aufkleber noch einmal mehr. Wie zum Ausgleich beleuchten bunte Lampions mit warmem Licht heimelig die Szenen. «Wir haben auf dem iPad gemalt», erläutert Claudia, «eine Praxis, die wir in letzter Zeit intensivieren. Die abstrakten Bilder wurden dann auf Stoff gedruckt und als Lampions aufgezogen.» Wie grosse rundliche Figuren weisen sie den Weg vom Hof nach innen. Verrücken die Seherfahrung, wie bei Alice im Wunderland. Damit spielten die Schwestern schon 2009, gaben in der Galerie im Taxispalais Innsbruck mit einem grossen Zylinder Rätsel auf: ‹Rebus (Lehrling ohne Meister)› hiess damals die Ausstellung, in der auch heimische Tierpräparate auf einem Gestell oder eine grosse gerahmte Zeichnung mit Menschen ohne Gesicht den Raum prägten.

Intim und einsam?
Zwölf Jahre später ist Leitmotiv der Pariser Inszenierung das unablässig transformierte, gepostete, gelikte Bild. Eine «kurze Geschichte» des Coming of Age der Bilder wie der Menschen, die sie darstellen. Handelt es sich um eine Rückkehr zur intimen Welt, von den Schwestern Müller um die Jahrtausendwende intensiv bearbeitet? Intimität heisst in den Blick nehmen, ohne von Fremden gesehen zu werden. Die kleinen Zeichnungen liefern den familiären Innenraum wie das Bild hinter dem Guckloch inMarcel Duchamps ‹Étant donné …›, weisen den Betrachtenden einen Platz zu. Statt sie jedoch in der Voyeur-Pose zu bannen, fordern die über die Wand verteilten Sticker zum Umhergehen auf, entfalten durch Bewegung ihre Erzählung. Es gehe, erläutern beide, weiterhin darum, was Bilder mit den Menschen machen. Doch liege der Schwerpunkt auf Individuation. Nicht Individualisierung, die vereinzelt, sondern das, was unterscheidet, um mündiges Miteinander zu ermöglichen. Hier bleiben die Bilderfahrungsangebote der beiden doppelbödig. 2008 stand im MOCA in Miami eine schneemannähnliche Figur einer braunen Wandzeichnung gegenüber, deren im Afrolook frisierter Kopf falsch herum auf den Schultern sass. ‹Dark Continent› hiess diese Ausstellung – Anspielung auf das Seelenleben der Frau, von Freud als «dunkler Kontinent» bezeichnet und damit der exotisierten Vorstellung eines Afrika anverwandelt, das als Europas Schatten sein Dasein fristet.

Schwesternbund statt Brüdergemeinde
Den Schwestern gehe es, wird oft geschrieben, um das «optische Unbewusste». Betreiben sie zeichnend Bilderpsychoanalyse? Genau vor hundert Jahren versuchte Sigmund Freud in seinem Essay ‹Massenpsychologie und Ich-Analyse› miteinander zu verschränken. Er kam auf die «Urhorde» zurück, die nach dem Vatermord zu einer Brüdergemeinde wird. Hier erscheine wieder «das vertraute Bild des überstarken Einzelnen inmitten einer Schar von gleichen Genossen». Freuds Beobachtungen zur Psychologie der Masse übersetzen die Künstlerinnen so, dass der Masseneffekt der Bilder in einem neuen, persönlichen Gewebe aufgehoben wird. Statt ihn mit starkem Griff behandelbar auf Distanz zu bringen, fädelt ihre künstlerische Praxis die Bilder zu neuen Handlungsmöglichkeiten. Diese liegen nicht in der Gemeinde derer, die sich gierig in jedem Selfie scheinbar als individuell mächtig wiedererkennen wollen. Der Wiederholungszwang solcher Bilder wickelt ein, wie die Spinne ihre Beute. Die Schwestern Müller weben zwar mit an den Verstrickungen zwischen Bildern und Leben. Doch sie halten auch ein Band bereit, das Lösung verspricht: das der gezeichneten Linie. Es mag jene leiten, die es für einen bedachtsamen Augenblick ergreifen, seinem flatternden Zug folgen.

Gestimmtes Zeichnen
Die Lösung aus der vereinzelnden Bildersucht gelingt dem Künstlerinnenduo durch gemeinsames Zeichnen. Schrieb einst Schiller vom «Starken», er sei «am mächtigsten allein», so fliesst die Energie der Schwestern aus dem Miteinander, dem steten Austausch mit anderen. Die Lehre in Kunsthochschulen spielt dabei – wie übrigens auch bei Anni und Josef Albers, denen gerade eine grosse Retrospektive im Musée d’art moderne de la Ville de Paris gewidmet ist und deren Praxis Resonanzen aufweist – eine zentrale Rolle: «Sie ist längst nicht mehr nur Job, sondern Bestandteil der künstlerischen Arbeit», sagt Julia, seit 16 Jahren Professorin an der Staatlichen Kunstakademie Karlsruhe. «Es geht um das, was vermittelt wird, und um das, was zurückkommt – die Auseinandersetzung mit den Studierenden beeinflusst wie und worüber wir arbeiten», ergänzt Claudia, nach zwölf Jahren an der Genfer HEAD gerade nach Basel gewechselt. Austausch als gegenseitiges Lernen, als Einstimmen auf Gewusstes und Gewordenes – wie wichtig das ist, bestätigt ein Blick auf andere Kollektive von Zeichnenden wie das schwedische ‹Teckningsklubben›, die kanadische ‹Royal Art Lodge› oder die französische Gruppe ‹Qubo Gas›, die alle durch koordinierte Abstimmung gemeinsamen Arbeitens funktionieren.

Wirken als Chor
Die künstlerische Praxis von Claudia und Julia Müller bietet über die ästhetische Erfahrung des Gemeinschaftswerks hinaus eine Öffnung auf mögliches gesellschaftliches Handeln. Ihr Aufgreifen privater Bilder, deren gezeichnete Ausstellung, wirkt wie der Chor der antiken Komödie: Bürgerinnen und Bürger der Polis traten maskiert auf, konnten, aufeinander eingestimmt, Wahrheiten aussprechen – ohne ihre «Persona», ihre Maske, wäre das unmöglich gewesen. So gesehen, richten die Installationen der Schwestern Müller ein «Theatron» ein, ein Theaterrund, in dem Zeichnen Handlungsräume eröffnet, eine von Bildern animierte Gemeinschaft im politischen, verantwortlichen, bindenden Sinn. Darin liegt ihre Kunst, das ist das Potenzial ihres Zeichnens: zugewandt handeln, trotz all der Bilder.

«In unserer Arbeit am Untergrund der Bilder, an den Macht- und Beziehungs­strukturen, die sie tragen, geht es auch darum, wie sich Blicke positionieren, im
Bild, gegen Bilder. Das versuchen wir durch Überlagerungen und Verschiebungen zu verdichten – als ob wir ein Fenster öffnen aus der engen Welt der Bilder.»
Claudia und Julia Müller, Centre culturel suisse Paris, 10.9.2021

J. Emil Sennewald, Kunstkritiker in Paris, Philosophiedozent an der École supérieure d’art Clermont Metro­pole, verantwortete in der Zeitschrift ‹Roven› 2009 ein umfangreiches Dossier zum ‹Dessin accordé›. Emil@weiswald.com

Until 
14.11.2021

Claudia & Julia Müller, Zusammenarbeit als Duo seit 1992, leben in Berlin und Basel

Julia Müller (*1964): Kurse an der Kunstakademie Düsseldorf
seit 2005 Professorin an der Staatlichen Kunstakademie Karlsruhe

Claudia Müller (*1965): Lehrgang Textildesign an der Schule für Gestaltung Basel
2007–2019 Professorin an der HEAD, Genf
seit 2020 Dozentin an der FHNW Hochschule für Gestaltung und Kunst, Basel

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Der weiche Blick›, Musée des Beaux-Arts, La Chaux-de-Fonds
2015 ‹Umkehrschub›, Maccarone, New York
2010 ‹Claudia & Julia Müller›, Museum Franz Gertsch, Burgdorf
2004 ‹Europäische Fantasien›, Grazer Kunstverein, Graz; ‹Human Territories›, Württembergischer Kunstverein, Stuttgart; ‹Claudia & Julia Müller›, Kunstmuseum Thun
2003 ‹¿Con quién dejamos a nuestros hijos e hijas?›, Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofía, Madrid
1996 ‹Restgefühl›, Kunsthalle Fri-Art, Fribourg
1994 ‹Es ist offengestanden sehr beruhigend›, Museum für Gegenwartskunst, Basel

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