Corsin Fontana — Verbindungen in die Tiefe

Corsin Fontana · Ohne Titel, 2020, Ölkreide auf Papier, 38 x 30 cm, Privatsammlung

Corsin Fontana · Ohne Titel, 2020, Ölkreide auf Papier, 38 x 30 cm, Privatsammlung

Besprechung

Das Bündner Kunstmuseum fokussiert in einer Schau auf ­Corsin Fontanas Schaffen der letzten zehn Jahre. Darin finden die in Zyklen angelegten Werke zur grossartigen Entfaltung. ‹Scalafundas›, eine romanische Wortschöpfung des Künstlers, verweist auf Tiefe oder Abstufungen – auf Vielschichtigkeit.

Corsin Fontana — Verbindungen in die Tiefe

Chur — Die grossformatigen Bilder in Schwarz zu Beginn der Schau im Bündner Kunstmuseum mögen einen ersten Eindruck von kompositorischer Gleichform und formaler Geschlossenheit erwecken – er wird sogleich widerlegt. In stets neuen Variationen sind Gitterformen zu sehen, die die Anmutung eines Flechtwerks haben. Manchmal sind deren Streifen hermetisch aneinandergefügt, manchmal leuchtet dazwischen das weisse Leinengewebe des Malgrunds hervor. Die unterschiedlichen Gittergewebe versetzen die schwarzen Bilder in Schwingung. Diese Werkgruppe in Ölkreide, die seit 2003 entsteht, stellt die Einschreibung von Corsin Fontanas (*1944) reduktiver Malerei in kunsthistorische Kategorien wie die konkrete Kunst oder die Minimal Art in Frage. Wohl hat er hier Referenzpunkte, doch sein künstlerischer Weg führte ihn weiter. Es gilt, auf die Haptik seiner Bilder zu achten, die Materialität, die in den Vordergrund drängt. Die Ölkreide führt im Arbeitsprozess zu Verwerfungen an den Rändern der Farbbahnen, die die Bildstruktur bestimmen. Nahe am Bild lässt sich der Arbeitsprozess unmittelbar nachvollziehen: der schichtweise Farbauftrag, die Überlagerungen der Kreidebahnen zu dichten orthogonalen Strukturen oder die transparenten Schichtungen sowie die weissen Leerstellen – kleine Quadrate oder Schlitze, die zum Bildgrund führen. Fontanas Bildschöpfungen sind keine starren Kompositionen, sondern lebendige Strukturen, wie von Atem durchpulst.
Organisches hat Fontanas früheres Schaffen geprägt, mit sogenannt kunstfremden Materialien hat er in den 1970er-Jahren Objekte geformt, Spinnengewebe­gegenstände oder Stäbe mit Schweinsblasen umwickelt, in der Anmutung von ­rituellen Gegenständen aus der Tiefe der Zeit. Von diesen frühen Arbeiten in der Ausstellung führt eine stringente Linie zu Fontanas aktuellem Schaffen. Klarheit der Form und sinnliche Ausstrahlung verbindet Objekte, Bilder und Zeichnungen.
Und da ist noch eine weitere Ebene: Mit der Präsentation von Fontanas Sammlung von Musikkassetten aus dem arabischen Raum, insbesondere dem Maghreb, erhält sein Werk, wie dies das brillante zur Ausstellung erschienene Künstlerbuch illustriert, eine weitere Dimension. Auf vielen Reisen ist Fontana der arabischen Musik nahegekommen. Er hat sie eingewoben in sein Werk. Rhythmus und Klang erweisen sich als das Verbindende. Schon 1968 hat Fontana eine Serie von Aquarellen als ‹Scalafundas› betitelt. In seinem aktuellen Schaffen ist er mit den dunklen Farbklängen und vielschichtigen Strukturen weiter eingetaucht in die Tiefe. 

Until 
21.11.2021
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Corsin Fontana — Scalafundas 28.08.2021 to 21.11.2021 Exhibition Chur
Schweiz
CH
Artist(s)
Corsin Fontana
Author(s)
Gabriele Lutz

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