Korakrit Arunanondchai — Stimmen aus dem Off

Korakrit Arunanondchai · Songs for dying, 2021, Videostills, Courtesy Bangkok CityCity Gallery, Carlos/Ishikawa, London, Clearing, New York/Brussels, Kukje Gallery, South Korea

Korakrit Arunanondchai · Songs for dying, 2021, Videostills, Courtesy Bangkok CityCity Gallery, Carlos/Ishikawa, London, Clearing, New York/Brussels, Kukje Gallery, South Korea

Korakrit Arunanondchai · Songs for dying, 2021, Videostills, Courtesy Bangkok CityCity Gallery, Carlos/Ishikawa, London, Clearing, New York/Brussels, Kukje Gallery, South Korea

Korakrit Arunanondchai · Songs for dying, 2021, Videostills, Courtesy Bangkok CityCity Gallery, Carlos/Ishikawa, London, Clearing, New York/Brussels, Kukje Gallery, South Korea

Besprechung

Die dreiteilige Ausstellung von Korakrit Arunanondchai im ­Migros Museum für Gegenwartskunst ist sanft und disruptiv zugleich. Die raumgreifenden Videoarbeiten des thailändischen Künstlers kreisen um einseitig verteilte Machtverhältnisse und vielstimmige Erzählungen, die oft ungehört bleiben.

Korakrit Arunanondchai — Stimmen aus dem Off

Zürich — Wir hören Klänge, die mal laut, mal sanft und sphärisch sind; rumorende Geräusche, als ob sie tief unter der Erde lägen. Sie nehmen unsere Sinne ein, während wir im mittleren von drei Ausstellungsräumen stehen. Er ist mit rotem Teppich ausgelegt, seine Wände sind tapeziert, mit feuerartigen Mustern versehen, mit Silhouetten in roten und gelben Farben, deren Arme in die Luft ragen. Vielleicht ist es das Ende, vielleicht aber auch der Anfang. In diese Installation dringen die Geräuschkulissen aus dem linken und dem rechten Raum ein; und je nachdem, in welche Richtung wir gehen, treten wir in feuchte Erde oder tauchen in blaues Licht.
In ‹Songs for dying› und ‹Songs for living›, den dort zu findenden Videoarbeiten, kreiert Korakrit Arunanondchai (*1986, Bangkok) ein vielstimmiges Narrativ. Mal lädt er seine Aufnahmen mit fiktionalen, spirituell anmutenden Elementen auf, mal verwendet er dokumentarisches Material. Dabei gehen persönliche Erlebnisse nahtlos in gesellschaftspolitische Ereignisse über, stehen sie doch in wechselseitiger Beziehung zueinander. In ‹Songs for dying› etwa thematisiert er den Tod seines Gross­vaters, mit dem er die letzten Augenblicke am Sterbebett verbrachte. Hände halten sich auf weissen Laken; danach folgen Proteste in Thailand gegen Militärherrschaft und Monarchie. Aktivistinnen und Demonstranten werden von gewaltigen Wasserstrahlen verdrängt, um in einer nächsten Szene ein Lichtmeer mit ihren Smartphones zu bilden. Hoffnung und Resignation fliessen ineinander, gesellschaftliche Erfahrungen schreiben sich in einzelne Körper ein; in Körper, die mit Gefühlen gefüllt sind, die der Vergangenheit angehören, in der Gegenwart aber fortbestehen. Dabei wird auf historische und koloniale Traumata verwiesen und gefragt, ob diese erinnert und anerkannt werden. So wird etwa das Massaker auf der südkoreanischen Insel Jeju thematisiert, dessen Aufarbeitung über Jahrzehnte der staatlichen Zensur unterlag.
Lassen wir die gesehenen Szenen Revue passieren, so können wir uns fragen: Wie wird Unrecht in der Schweiz aufgearbeitet? Kolonialismus? Die Geschichte migrantischer Familien? Welche Rolle sprechen wir Erinnerungskultur, Trauer, Wut oder der damit verbundenen Sorgearbeit zu, die mit westlichem Pragmatismus unvereinbar scheint? Korakrit Arunanondchai reiht eine Fülle von Themen aneinander, wodurch sich ein Gedankenraum nach dem anderen öffnet, der vielstimmig und assoziativ ist und sich eindimensionalen Interpretationen entzieht. 

Until 
09.01.2022
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Korakrit Arunanondchai 18.09.2021 to 09.01.2022 Exhibition Zürich
Schweiz
CH

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