Kunst und Klima — Was auf dem Spiel steht

Monica Ursina Jäger · Rete mirabile (counter-current), 2020, HD, Farbe, Ton, 6’55’’ (Sound: Michael Bucher), Filmstill

Monica Ursina Jäger · Rete mirabile (counter-current), 2020, HD, Farbe, Ton, 6’55’’ (Sound: Michael Bucher), Filmstill

Fokus

Monica Ursina Jägers Video ‹Rete mirabile (counter-current)› lädt uns ein, über die Komplexität und Schönheit natürlicher Systeme und unsere Rolle darin nachzudenken. Ich tue dies mit einem Blick auf das Klimasystem, gespickt mit Informationen aus dem aktuellen Bericht des Weltklimarats IPCC und anderen Erkenntnissen aus diesem Bereich. 

Kunst und Klima — Was auf dem Spiel steht

‹Rete mirabile (counter-current)› eröffnet uns ein eigenes Universum. Wir sehen ein komplexes System, das sich laufend verändert, aber dennoch von einer erstaunlichen Konstanz und Stabilität durch Strömung und Gegenströmung geprägt ist. Ohne dieses konstante Strömungsmuster wäre das Universum, das uns Monica Ursina ­Jäger zeigt, ein komplett anderes.
Auch unser Klimasystem ist geprägt von Veränderung und Stabilität. In den letzten 10’000 Jahren hat es eine nie vorher dagewesene Beständigkeit aufgewiesen. Diese begünstigte das Enstehen vieler einzigartiger Ökosysteme der heutigen Erde, beispielsweise tropische Regenwälder, Savannen und Korallenriffe. Aber auch der Mensch verdankt die Entstehung der heutigen Zivilisation diesem in der Erdgeschichte aussergewöhnlich stabilen Klima auf angenehmem Niveau. Nur weil der Meeresspiegel stabil blieb, konnten Küstenstädte entstehen. Weil Regenzeiten verlässlich wiederkehrten und die Temperaturverhältnisse mehrheitlich konstant blieben, war Landwirtschaft im grossen Stil möglich. Diese Epoche auffallender klimatischer Stabilität, in welcher die menschliche Zivilisation, wie wir sie kennen, entstand, wird Holozän genannt. Wärend des ganzen Holozäns schwankte die durchschnittliche Erdoberflächentemperatur im Bereich um plus, minus 0,5 °C relativ zum Durchschnitt der Periode 1850–1900, und die atmosphärische CO2-Konzentration blieb ziemlich konstant im Bereich von 260–280 ppm (parts per million).

Auf direktem Weg aus der Klimakomfortzone
Die menschlichen Emissionen haben dazu geführt, dass die CO2-Konzentra­tion in den letzten etwas mehr als 100 Jahren auf 410 ppm (so hoch wie seit mind. 2 Mio. Jahren nicht mehr) und die Temperatur um 1,2 Grad angestiegen ist (0,2 Grad davon im letzten Jahrzehnt). Wir sind also dabei, die klimatisch konstante und für die menschliche Zivilisation sehr angenehme Ära des Holozäns zu verlassen. Oder in den Worten des Klimawissenschaftlers Mojib Latif: «Wir verlassen als Menschheit gerade den Wohlfühlbereich.»1 Als Resultat davon erfahren wir immer intensivere und häufigere Hitzewellen, Trockenperioden und Starkniederschläge. Polareis und Gletscher schmelzen, und der Meeresspiegel steigt. Diese raschen klimatischen Veränderungen bringen bereits jetzt nie dagewesene Herausforderungen für die menschliche Zivilisation und werden ohne konsequenten Klimaschutz in Zukunft noch viel grösser. Sie bedrohen unsere Infrastruktur, Küstenregionen und ganze Inselstaaten, unsere Wasserressourcen, die landwirtschaftliche Ernte, das Funktionieren diverser natürlicher Ökosysteme und dadurch am Ende auch die weltpolitische Stabilität. Es geht um die Bedrohung der Bewohnbarkeit unseres Planeten.
Der Sommer 2021 stand in vielerlei Hinsicht im Zeichen dieser Bedrohung. Da waren die intensiven Niederschläge und Überschwemmungen in Westeuropa, welche nicht nur Menschenleben gefordert und Infrastruktur zerstört, sondern auch zu massiven Ernteausfällen geführt haben.2 Solche Ereignisse werden mit fortschreitender Klimaerwärmung häufiger.3 Dann gab es die verheerenden Waldbrände in Nordamerika, Südeuropa und der russischen Arktis sowie die nie vorher dagewesene Hitzewelle im Westen Nordamerikas. Eine solche Hitzewelle ist im heutigen Klima (welches bereits 1,2 °C Erwärmung beinhaltet) einmal in 1000 Jahren zu erwarten.4 Wenn die globale Erwärmung auf 2 °C fortschreitet, ist alle 5 bis 10 Jahre mit einer solchen Hitzewelle zu rechnen.
Die gute Nachricht ist: Noch ist es möglich, die globale Temperatur auf einem Niveau zu stabilisieren, das die Auswirkungen in Grenzen hält. Dafür braucht es ein entschlossenes Vorgehen und ein möglichst rasches Erreichen von netto null Treibhausgasemissionen. Dass wir eine Erwärmung um 1,5 °C in den nächsten 10 bis 20 Jahren überschreiten werden, wird immer wahrscheinlicher. Aber jedes Zehntelgrad Erwärmung, das wir verhindern, zählt.

Wir brauchen eine positive Vision
Für mich symbolisiert ‹Rete mirabile (counter-current)› die Schönheit, aber auch die Fragilität eines komplexen natürlichen Systems – vom menschlichen Körper bis zum Klima. Das Erdsystem hat das stabile Klima des Holozäns hervorgebracht. Doch unsere aktuelle Lebens- und Wirtschaftsweise führt uns schnurstracks aus diesem segenreichen klimatischen Zustand hinaus. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch auf diesem Planeten die Trauer und die Wut über den drohenden Verlust dieses Segens in der Brust spürt – und das Feuer, welches ihn ermutigt, alles in seiner Macht stehende zu tun, um gegen dieses Unheil anzukämpfen. Dieses Feuer können wir nähren durch die Vision einer menschlichen Zivilisation, die ihren Teil zum einzigartigen und wunderschönen Zustand unserer Erde beiträgt, anstatt ihn zu zerstören.

Raphael Portmann, Postdoc, Institut für Atmosphäre und Klima, ETH Zürich. raphael.portmann@env.ethz.ch

1 Neue Allianzen gegen Klimakonflikte, Andrew Gilmour und Ottmar Edenhofer, FAZ, 12.8.2021
2 Zeno Geisseler, 2021 könnte ein Jahr der negativen Rekorde werden, NZZ, 6.8.2021
3 www.worldweatherattribution.org/heavy-rainfall-which-led-to-severe-flooding-in-western-europe
4 www.worldweatherattribution.org/western-north-american-extreme-heat-virtually-impossible-without-human-caused-climate-change/

→ Kunst und Klima: ein Klimaforscher kommentiert eine visuelle Vorlage seiner Wahl.
→ Bericht Weltklimarat, IPCC, 6.8.2021 ↗ ipcc.ch/report/sixth-assessment-report-working-group-i/
→ Monica Ursina Jäger, ‹Rete mirabile (counter-current)›, 2020, zu sehen in: ‹Kollektive Resonanz› ­Shedhalle Zürich 10.11.–2.1. ↗ www.shedhalle.ch
→ ‹Fluid Resonances – Embodying Life on Earth and Earth’s Life›, Gespräch (deutsch) mit Monica ­Ursina Jäger, Lucia Gugerli (The Field) und Raphael Portmann, Tanzhaus Zürich, 12.11., 18.30 Uhr

Advertisement