Menschen. In Stein gemeisselt — Stelen aus der Jungsteinzeit

Weibliche Stele mit U-förmigem Gesicht, Brüsten und Armen, Sandstein, 3000–2000 v. Chr. Italien, Toskana, Fivizzano, Courtesy Museo delle Statue Stele Lunigianesi. Foto: Angelo Ghiretti

Weibliche Stele mit U-förmigem Gesicht, Brüsten und Armen, Sandstein, 3000–2000 v. Chr. Italien, Toskana, Fivizzano, Courtesy Museo delle Statue Stele Lunigianesi. Foto: Angelo Ghiretti

Besprechung

Zugegeben, mit der etwa 30’000 Jahre alten Venus von Willendorf kommen die vierzig im Landesmuseum gezeigten Stelen nicht mit. Aber sie sind teilweise älter als die ägyptischen Pyramiden und einiges älter als die griechischen Kouroi. Es handelt sich um die frühesten Denkmäler Europas.

Menschen. In Stein gemeisselt — Stelen aus der Jungsteinzeit

Zürich — Vor 6000 Jahren begannen Menschen Stelen, grosse bearbeitete Steine, aufzustellen. Das geschah nicht aus «heiterem Himmel». Die mit der neolithischen Revolution einhergehenden gravierenden Veränderungen waren die Ursache. Eine neue Gesellschaft mit neuen Hierarchien, neuen Machtverhältnissen und auch – über die Stelen – neuen Kommunikationsmodellen entstand. Ähnlich einschneidend wie die Erfindung des Buchdrucks oder die heutige Digitalisierung müsse man sich das vorstellen, sagt das Kuratorenteam. Mit den Stelen wurde eine Ideologie, ein «sinngebender Horizont» vermittelt. Die Menschen begannen, sesshaft zu werden, sie betrieben Ackerbau, Viehzucht und Vorratshaltung, das Rad und der Pflug wurden erfunden. Das Leben war hierarchischer als vorher strukturiert und diejenigen, welche die Macht innehatten, waren bestrebt, diese zu sichern und deutlich zu verkünden. Mächtige Verstorbene wurden in Stein gehauen, sie lebten weiter in überdimensionierten Ahnengestalten, und vor ihrer versteinerten Präsenz fanden festliche und rituelle Versammlungen statt. Auf ihren Bäuchen aus Muschelkalk, Sandstein oder Schiefer wurde wie auf einer Art menschlicher Litfasssäule verkündet, wer jemand ist und wer das Terrain beherrscht. Eine Person wird mit einem «Stab zum Regieren» oder mit den neuen prestigeträchtigen Pflügen und Wagen vorgestellt, oder sie ist eingekleidet in die mit den neu erfundenen Webstühlen gewebten Stoffe.
Allerdings ging das Sesshaftwerden mit letztlich mehr Nach- als Vorteilen einher, schreibt Yuval Noah Harari, der die landwirtschaftliche Revolution «den grössten Betrug der Geschichte» nennt. Unter anderem deshalb, weil die Gewalt zunahm, denn es gab nun etwas zu verteidigen beziehungsweise zu erkämpfen. Zunehmend war man in der Lage, vor allem aus Kupfer nicht nur Werkzeuge und Schmuck, sondern auch Waffen herzustellen, und diese sind auf vielen Stelen dargestellt. Sie dienten nicht nur dem Kampf, sondern wurden auch als Statussymbole genutzt. Die einst wohl knallig bemalten Stelen weisen je nach Region spezifische Eigenarten auf. Ab etwa 2200 v. Ch., mit Beginn der Bronzezeit, war die Ära der anthropomorphen Stelen vorbei, nun wird die Macht der Sonne und der Gestirne verkündet. Erst in der Eisenzeit gibt es wieder grossformatige Menschendarstellungen. Das «Gipfeltreffen der Jungsteinzeit» ist unbedingt sehenswert! Kuratiert von Luca Tori und Jacqueline Perifanakis. Mit Katalog.

Until 
16.01.2022
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Menschen — In Stein gemeisselt 17.09.2021 to 16.01.2022 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Author(s)
Brita Polzer

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