Narrative Kunst aus Japan

Szenen am Flussbett der Shijō-Strasse, Edo-Zeit, erste Hälfte des 17. Jh., zweipaneeliger Stellschirm; Tusche, Farben und Gold auf Papier, 164 x 190 cm. Foto: Adrian Sauer

Szenen am Flussbett der Shijō-Strasse, Edo-Zeit, erste Hälfte des 17. Jh., zweipaneeliger Stellschirm; Tusche, Farben und Gold auf Papier, 164 x 190 cm. Foto: Adrian Sauer

Hinweis

Narrative Kunst aus Japan

Zürich — Beim zweiten Mal ist einem alles schon ein wenig vertraut: die tausend Jahre alte ‹Geschichte vom Prinzen Genji›, ein Klassiker der japanischen und der Weltliteratur, der bis heute, auch in Manga-Adaptionen, fortlebt; die ‹Erzählungen von den Heike›, ein Mittelalter-Klassiker, in dem es hauptsächlich um den Kampf zwischen den Taira (Heike) und den Minamoto geht; ‹Die Geschichten von Ise›, dem nicht weniger berühmten und noch älteren Werk, höfisch, romantisch und rätselhaft, auch dieses durch die Jahrhunderte anregend für Künstler, die in den verschiedensten Materia­litäten arbeiten, wie es die Ausstellung im Museum Rietberg eindrücklich belegt. Man weiss dann die unglaubliche Feinheit der Malereien zu schätzen, die atmosphärische Dynamik und Eleganz etwa des ‹Illuminierten Kannon-Sutra›, in dem Kannon, der Bodhisattva des Mitgefühls, offensichtlich oder verborgen in Erscheinung tritt und seine Anbeter bewahrt vor Gift, Feuer, Ertrinken oder dem Angriff eines Drachen, der Arcimboldo-haft aus vielen kleineren Drachen zusammengesetzt ist. Beim zweiten Rundgang – denn einer allein reicht bei dieser unglaublich reichen Ausstellung nicht aus – sind die Augen geschärft, und man erkennt im fantastischen Gewimmel mit detailgetreuen ‹Szenen von Spektakeln am Flussbett der Shijō-Strasse› je zwei Träger mit einer Sänfte. Erzählende Malerei auf einem wertvollen Stellschirm, der im ersten der acht Kapitel umfassenden Schau mit dem klingenden Titel ‹Liebe, Kriege, Festlichkeiten› zu sehen ist. Drei Kapitel später – wir haben Kannon-Sutra und ikonische Momente aus den Ise-Geschichten bereits hinter uns – stehen wir in ‹Kabale und Liebe› erneut vor einer Sänfte, nun in natura. Mit fast fünf Metern Länge ist sie das grösste Objekt dieser Schau, die auch Gefässe, Behältnisse oder Gewänder zeigt: eine Brautsänfte, wunderprächtiges Beförderungsmittel für eine junge Frau aus bester Familie, die Innenwände glückverheissend mit Episoden aus der ‹Geschichte vom Prinzen Genji› geschmückt. Gut hundert Exponate, jedes von einem literarischen Text inspiriert und mit eigener Erzählstimme, vergegenwärtigen in acht Kapiteln die faszinierende Vielfalt der narrativen Kunst, die in Japan als höchste Kunst gilt. Das früheste Werk stammt aus dem 13., das jüngste aus dem 20. Jahrhundert. Insgesamt dominiert die Edo-Zeit (1615–1868) und mit ihr Holzschnitte, vor allem aber Querrollen, deren längste, auf Seide gemalt, 23 Meter misst. Auch wenn die Querrollen «nur» ausgestellt sind, teilt sich ihre geradezu moderne Dynamik mit, durch die der Betrachter oder die Betrachterin selbst in den Erzählfluss gerät. Das ist bezaubernd, unterhaltsam und hinreissend schön.

Until 
05.12.2021

→ Museum Rietberg, bis 5.12.
→ parallel: Flow – Erzählen im Manga, bis 30.1.
www.rietberg.ch

Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Liebe, Kriege, Festlichkeiten 10.09.2021 to 05.12.2021 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Flow – Erzählen im Manga 10.09.2021 to 30.01.2022 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Author(s)
Angelika Maass

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