Brigham Baker — Der ewige Reiz der Vergänglichkeit

Brigham Baker · Apples, 2019, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Winterthur

Brigham Baker · Apples, 2019, Ausstellungsansicht Kunstmuseum Winterthur

Weaving House, 2018 (Detail), Honigwaben, Honig, Wachs, Bienenzucker, Metall, 184 x 49 x 49 cm

Weaving House, 2018 (Detail), Honigwaben, Honig, Wachs, Bienenzucker, Metall, 184 x 49 x 49 cm

Embedded Landscapes, 2016 (Detail), Fussmatten, LED, Bewässerungssystem, Tisch, 1 x 2 x 7 m

Embedded Landscapes, 2016 (Detail), Fussmatten, LED, Bewässerungssystem, Tisch, 1 x 2 x 7 m

Hive, 2015, gefärbtes Zeitungspapier, Glas, elektrischer Erreger, Backsteine, je 70,6 x 50,8 x 42,2 cm, Detail oben: Corriere della Sera, gefärbt, zerfressen von Bienen

Hive, 2015, gefärbtes Zeitungspapier, Glas, elektrischer Erreger, Backsteine, je 70,6 x 50,8 x 42,2 cm, Detail oben: Corriere della Sera, gefärbt, zerfressen von Bienen

Hive, 2015, gefärbtes Zeitungspapier, Glas, elektrischer Erreger, Backsteine, je 70,6 x 50,8 x 42,2 cm, Detail oben: Corriere della Sera, gefärbt, zerfressen von Bienen

Hive, 2015, gefärbtes Zeitungspapier, Glas, elektrischer Erreger, Backsteine, je 70,6 x 50,8 x 42,2 cm, Detail oben: Corriere della Sera, gefärbt, zerfressen von Bienen

Brigham Baker

Brigham Baker

Fokus

Der diesjährige Manor Kunstpreis des Kantons Zürich geht an Brigham Baker. Aufgefallen mit reduzierten Objekten und Installationen, die Bezüge zu unserer Lebenswelt und zum ­Verhältnis von Mensch und Natur zeigen, überrascht er im Kunstmuseum Winterthur mit Fotografien, die sich um ein klassisches Motiv der Malereigeschichte drehen: den Apfel. 

Brigham Baker — Der ewige Reiz der Vergänglichkeit

Äpfel, elf an der Zahl, hängen in kahlem Geäst und an der Wand. Ein jeder in seinem eigenen, massigen Rahmen und der Dimension eines menschlichen Kopfs angenähert, gewinnen die Früchte eine Monumentalität und Musealität, ja eine bedeutungsschwangere Erhabenheit, die beim Betreten des Raums fast ein bisschen erdrückt. Und überrascht: weil dieses fotografische Sujet – abgenutzt für herbstliche Grusskarten und zur Genüge gesehen auf Stillleben aus dem Fundus der Malereigeschichte – heute noch so inszeniert werden kann, dass es interessiert, einen zweiten und dritten Blick einfordert. Es überrascht auch, dass Brigham Baker die Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur anlässlich des Manor Kunstpreises des Kantons Zürich mit einer Fotoserie bestreitet. Der gebürtige Kalifornier hat zwar vor seinem Fine-Art-Studium in Basel einen Bachelor in Fotografie an der Zürcher Hochschule der Künste erlangt, bereits diesen aber mit einer installativen Arbeit abgeschlossen und seither vornehmlich mit reduzierten Objekten und Installationen auf sich aufmerksam gemacht.

Abfall als Lebensraum und die Wunderwelt der Bienen
Kurz vor Beginn des Fotografiestudiums habe sein Interesse an dem Medium nachgelassen, sich verändert, erzählt Baker. Zunehmend verspürte er das Bedürfnis, mit Prozessen zu arbeiten, anstatt Situationen in unverrückbare Bilder zu bannen. Sein beobachtender Blick richtete sich fortan auf Mikrosysteme und auf Kuriositäten im Zusammenspiel von Mensch und Natur. Auf ausgediente Autopneus etwa, die, in trockener Landschaft «entsorgt», zu Brutstätten für Insekten und zu Lebensräumen für Spinnen werden, da ihre spezielle Form sie zu äusserst effizienten Feuchtigkeitsspeichern macht. Als eine Art Readymade transferierte Baker diese ‹Environs› in den Ausstellungsraum. Sein Fokus fiel zudem auf Bienen, die er seit zwei Jahren auch selber hält und denen er eine Saison lang blau und rot eingefärbten «Bienenzucker» zur Verfügung stellte, sodass die Waben seines ‹Weaving House› am Ende bunte Füllungen in allen Schattierungen des Regenbogens bargen. Theorien über die Farbwahrnehmung der Tiere und die konzeptuelle Absicht, die menschlichen Primärfarben in ihr emsiges Tun einzuspeisen, standen bei diesem Werk Pate. «Heute sind meine Bienen von der Kunst pensioniert», sagt der Künstler, ohne Ironie in seinem amerikanisch wattierten Deutsch, um dann von den verschiedenen Imker-Ratgebern zu sprechen, die er in chronologischer Reihenfolge ihrer Erscheinung gelesen habe – davon, wie die philosophischen Betrachtungen, aber auch die praktischen Tipps rund um die Bienenhaltung den Weltenwandel der letzten hundertfünfzig Jahre spiegeln. Entdeckungen und Erkenntnisse dieser Art, persönliche oder kollektive Geschichten und zuweilen auch Studien aus spezialisierten Randdisziplinen der Wissenschaft ranken sich als einnehmendes Gewebe von Bezügen um die formal pointierten Arbeiten des Künstlers. Schon Bakers besagte Abschlussarbeit bei der Fotoklasse drehte sich etwa um die verblüffenden Eigenmechanismen der Bienenvölker und deren Haltung, namentlich um die Tatsache, dass Zeitungsblätter dafür sorgen, dass zwei unterschiedliche Völker zu einem einzigen werden können: Als schützende Membran zwischen zwei aufeinandergestapelten Stöcken gespannt, werden die Tagesmeldungen von den unbekümmerten Immen langsam zerfressen und die Völker dadurch prozessual vermischt. Blau getünchte, löchrige Zeitungsüberreste zwischen Glasquadern zeugten in ‹Hive› von dieser friedlichen Völkervereinigung und verdeutlichten, wie mangelhaft der gern zitierte Vergleich zwischen Bienenvölkern und menschlichen Gesellschaftsstrukturen doch ist. Zwischen seinen Apfelfotos in Winterthur stehend, erzählt mir der Künstler die Legende von Johnny Appleseed als ein Beispiel dafür, welch unterschiedliche Narrative und Symboliken in verschiedenen Erdteilen mit der biblischen «Frucht der Erkenntnis von Gut und Böse» verbunden sind. In der Schweiz wurde sie tradiertes Ziel eines Armbrustschützen, in Bakers Heimat Amerika kursiert die Erzählung vom nomadischen Johnny, der mit einem Kochtopf auf dem Kopf durchs Land zog, verschiedenste Apfelkerne aus Keltern sammelte und sie anpflanzte, um daraus zufällige Gewächse erwachsen zu lassen (– die ihm nebenbei Landanspruch sicherten). Die Geschichte erinnert ein wenig an Bakers ‹Embedded Landscapes›: Zusammengetragene, ausgediente Türvorleger liess er in einem Luzerner Gewächshaus während zweier Monate bewässern, sodass sich zeigte, welch vielfältige, willkürliche Saat sich mit dem Schmutz der Schuhe in den Fussabtretern eingenistet hatte. Es wuchsen Gräser und Disteln, Löwenzahn und Malven, und sogar eine Tomatenpflanze. Eine Umkehrung von Wertvorstellungen ist ein wiederkehrendes Moment im Werk von Brigham Baker – Abfallmaterial erweist sich als neuer Lebensraum und unbeachtet Zurückgelassenes entfaltet eine eigene Ästhetik. So auch, wenn ungleichmäs­sig ausgebleichte Sonnenstoren eines Abbruchhauses, auf kreisrunde Keilrahmen gespannt, zu minimalistischen «Gemälden» werden, vielleicht gar zu glühenden, sinkenden Sonnen. Die schlicht betitelten ‹Shades› visualisieren eindrücklich die Kraft des feurigen Gestirns und unsere behelfsmässigen Schutzmassnahmen dagegen. Wertumkehrung passiert auch, wenn nicht gepflückte Äpfel, in der kalten Jahreszeit noch am Baum hängend, als Schauspiel der Vergänglichkeit betörend schön ins Bild gerückt werden. Denn die Früchte, die Baker in Winterthur zeigt, haben den Zenit ihrer Reife überschritten und weisen in dem blätterlosen Astwerk baumelnd unterschiedliche Grade der Fäulnis auf. Die meist goldfarbenen Kugeln vor der nur vage erkennbaren Kulisse des kahlen Baums haben etwas Anachronistisches, um nicht zu sagen Anarchisches – und Stolzes. Auch diese Äpfel unterliegen offensichtlich dem Lauf der Zeit, aber auf ihre Weise und ohne menschlichen Zugriff. Auf Letzteren verweist die unordentliche Szenerie einer Abstellkammer mit Gärfass – Hort eines kontrollierten, nutzbringenden Zersetzungsprozesses –, die als kleiner Fotodruck die erhabene Szenerie der «Apfelporträts» in Winterthur wohltuend stört und uns fast ein wenig aufatmen lässt: Der konzeptuelle Ansatz, den man hinter der Schönheit der Fotos nicht sofort erkennt, aber bei Baker stets vermutet, ist bestätigt.

Vanitas-Moment eines Kunstpreises
Dennoch bleibt die Frage: Warum die Rückbesinnung auf die Fotografie just zu diesem Zeitpunkt, zu dieser Gelegenheit? Schreit die feudale Ausgangslage eines Förderpreises, der mit einem Einzelauftritt in einer angesehenen Institution verbunden ist, nicht nach mehr Extravaganz? Natürlich, und genau das machte den Künstler nachdenklich. Der Erwartungshaltung der Situation begegnete er nicht mit Übermut, sondern mit Schlichtheit. Die eigenwilligen Verfallsstudien, die er im letzten Winter während drei, vier Monaten vor seinem Atelierfenster beobachtet und abgelichtet hatte, schienen ihm zunehmend passend für diese Präsentation. Beim mehrwöchigen Umrunden der planetenhaften Erscheinungen im Geäst erfuhr Baker auf fast körperliche Weise die Zusammenhänge von Schönheit als intentional herbeigeführtem Zustand, Anziehung als natürlicher Folge und Vergänglichkeit als unumstösslicher und erhabener Tatsache. Rund 300 Apfelbilder hat er gemacht, elf davon für die Ausstellung ausgewählt und gute 100 in dem begleitenden Künstlerbuch abgebildet. Darin enthalten ist auch eine wundersame Novelle aus der Feder von Brigham Baker, die, im Ausstellungsraum ebenfalls aufgelegt, einen eigenen Sog entfaltet. Auch sie handelt von Zeit und Erinnerung und ist, wie Bakers Kunst, voller zurückhaltender Poesie und gespickt mit der Vorliebe für das Kuriose im Alltäglichen.

Derborah Keller ist Redaktorin des Kunstbulletins, freie Autorin und Kuratorin. keller@kunstbulletin.ch

→ ‹Brigham Baker – 11. Manor Kunstpreis des Kantons Zürich›, Kunstmusem Winterthur, bis 5.1.; mit Künstlerpublikation ‹Only Apples›, Zürich: Edition Taube 2019; Führung mit Brigham Baker und Konrad Bitterli, 17.12., 18.30 Uhr ↗ www.kmw.ch

Until 
05.01.2020

Brigham Baker (*1989, Nipomo, USA), lebt und arbeitet in Zürich
2012–2015 Bachelor Fotografie, ZHdK, Zürich
2016–2019 MA Fine Arts FHNW, Basel

Einzel- und Doppelausstellungen (Auswahl)
2018 ‹Slow Slow Kinesis›, DOC!, Paris (mit Marie Griesmar)
2017 ‹Phaenomena Materiae›, Kunstverein Friedrichshafen (mit Esther Mathis); ‹Stones land where they are thrown›, Galerie GMK, Zagreb; ‹Surely Many Very Early Men Just Sat Under Native Palms›, La Rada, Locarno (mit Alan Bogoda)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Protect me from what I want – 15+1 Jahr Helvetia Kunstpreis›, Kunst Halle Sankt Gallen; ‹Cette question qui vous brûle les lèvres›, Centre d’art, Neuchâtel
2018 ‹The Photographic›, Museum Folkwang, Essen; ‹On the Road›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2017 ‹Arresting Fragments of the World›, Kunsthaus Langenthal
2016 ‹Meaning Can Only Grow out of Intimacy›, Les Urbaines, Espace Arlaud, Lausanne
 

Exhibitions/Newsticker Date Type Citysort descending Country
Brigham Baker 25.10.2019 to 05.01.2020 Exhibition Winterthur
Schweiz
CH

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