Neueröffnung MCBA — Eine Spurenlese

Giuseppe Penone · Luce e ombra, 2011, Bronze, Gold und Granit, 1450 x 470 x 490 cm, Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, Schenkung Alice Pauli, 2016. Foto: Etienne Malapert

Giuseppe Penone · Luce e ombra, 2011, Bronze, Gold und Granit, 1450 x 470 x 490 cm, Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne, Schenkung Alice Pauli, 2016. Foto: Etienne Malapert

Besprechung

Kartografieren schafft Übersicht und reüssieren wird, wer systematisch verfährt. Ebenso zielführend ist es jedoch manchmal, weitläufiges Terrain mit purer Entdeckerlust und allein mittels Sichtnavigation anzugehen, wie die grosse Eröffnungsschau des neuen Musée cantonal des Beaux-Arts in Lausanne zeigt.

Neueröffnung MCBA — Eine Spurenlese

Lausanne — Rund 3200 m2 Ausstellungsfläche stehen dem Musée cantonal des Beaux-­Arts (MCBA) in seinem neuen, von Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga errichteten Domizil zur Verfügung. Seit Oktober ist es dem Publikum übergeben; bei der Eröffnung wurden 19’000 Eintritte gezählt. Zum Auftakt auf die Sammlung zu fokussieren, dürfte alternativlos gewesen sein. Dabei knüpft man quasi an die 2011 gezeigte Ausstellung ‹Passions privées, trésors publics› an, indem man in einer Geste des Danks und der Wertschätzung mehrheitlich Schenkungen und Deposita präsentiert. Gut 350 Werke und über 140 Namen listet der Katalog, wobei vieles in jüngster Zeit eingetroffen ist. Schon im Foyer findet sich mit Giuseppe Penones Bronzebaum ‹Luce e ombra› ein starkes Sinnbild für diesen gewichtigen Zuwachs und dessen inhaltliche Verzweigungen. Aus der Fülle einzelne Exponate hervorzuheben, scheint vermessen. Mit Penone ist jedoch bereits ein Künstler genannt, dem man dank einer bedeutenden Schenkung der Lausanner Galeristin Alice Pauli gleich mehrfach begegnet, begleitet von ebenso renommierten Positionen wie etwa Jim Dine, Anish Kapoor, William Kentridge, ­Louise Nevelson oder Pierre Soulages. Von ähnlicher Stossrichtung ist die versprochene Schenkung von Alain und Suzanne Dubois, die weitere Vertreter der Arte Povera, aber auch Wegmarken von Richard Artschwager, Franz Gertsch, Alex Katz oder Rémy Zaugg einbringen wird. Die Achse Lausanne – Paris wiederum findet unter anderem Ausbau mit Werkgruppen von Félix Vallotton und Jean Dubuffet; der Wahlwaadtländer Balthus ist fortan ebenfalls breiter präsent. Mehr als neunzig Donatorinnen und Donatoren ehrt die das ganze Haus füllende Schau. Wie bemisst man nun einen solchen Quantensprung? Mit akribischen Indizes wie im Begleitatlas? Peu à peu per Sammlung Online oder Künstler-App? Museums­direktor Bernard Fibicher schlägt beim Ausstellungsparcours einen Mittelweg ein, der Akademisches wie Landschaft oder Historienbild in Subthemen mit ansprechenden Titeln erschliesst und diese mit Schlagwörtern aus der Kartografie verquickt. Jeder Saal vereint Disparates und setzt – mit allen Vor- und Nachteilen – auf das Besucherauge für das Konstituieren von Sinn. Nur Thomas Hirschhorn und Marcel Broodthaers durchbrechen als konträre Extreme mit monografischen Räumen das kuratorische Prinzip. Ersterer räumt in der multithematischen Installation ‹Swiss Army Knife› mit helvetischen Mythen auf. Letzterer entkartiert die Welt im wohl kleinsten Atlas, den es gibt. Dafür lohnt es sich, in den hintersten Winkel vorzudringen.

Until 
12.01.2020

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