Amalia Pica — Bürokratie durch die Linse eines Kaleidoskops

Round table (and other forms), Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Die Konferenztische werden täglich zu neuen geometrischen Arrangements zusammengestellt. Foto: Stefan Altenburger

Round table (and other forms), Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Die Konferenztische werden täglich zu neuen geometrischen Arrangements zusammengestellt. Foto: Stefan Altenburger

Round table (and other forms), Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Die Konferenztische werden täglich zu neuen geometrischen Arrangements zusammengestellt. Foto: Stefan Altenburger

Round table (and other forms), Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Die Konferenztische werden täglich zu neuen geometrischen Arrangements zusammengestellt. Foto: Stefan Altenburger

Round table (and other forms), Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Die Konferenztische werden täglich zu neuen geometrischen Arrangements zusammengestellt. Foto: Stefan Altenburger

Round table (and other forms), Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Die Konferenztische werden täglich zu neuen geometrischen Arrangements zusammengestellt. Foto: Stefan Altenburger

Joy in Paperwork: The Archive, 2016, Druckertinte-Kopien von 1000 Stempelzeichnungen auf Papier in Zeigetaschen, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Foto: Stefan Altenburger

Joy in Paperwork: The Archive, 2016, Druckertinte-Kopien von 1000 Stempelzeichnungen auf Papier in Zeigetaschen, Ausstellungsansicht Museum Haus Konstruktiv, 2020. Foto: Stefan Altenburger

Amalia Pica, Zurich Art Prize 2020

Amalia Pica, Zurich Art Prize 2020

Fokus

Bereits vor einem Jahr war im Haus Konstruktiv eine Begegnung mit Amalia Picas Werk möglich – und zwar im Rahmen der Ausstellung ‹Konkrete Gegenwart›. Nun bespielt die diesjährige Gewinnerin des Zurich Art Prize hier zwei Stockwerke, was eine vertiefte Annäherung an eine faszinierende, teils spröde, teils spielerisch agierende Künstlerin bietet.

Amalia Pica — Bürokratie durch die Linse eines Kaleidoskops

Die nüchterne, doch auch grosszügige Raumsituation im Museum Haus Konstruktiv kommt den installativen Dimensionen von Amalia Picas Arbeiten entgegen: So kann sich ‹Rearranging the conference table›, 2020, ungehindert im Erdgeschoss ausbreiten, und die zur besseren Übersicht bereitstehenden Leitern beeinträchtigen auch nicht das Arrangement der vierzehn Tische auf Rädern. In Form und Mobilität dem zeitgenössischen Büromobiliar – konkret Konferenztischen – verwandt, sind diese Elemente doch alles andere als farbenfrohere und formal vielfältigere Varianten ­eines solchen Modells. Es sind Massanfertigungen aus hochwertigen Werkstoffen und ihre Farbigkeit zitiert vielmehr die heitere, lebensnahe Ästhetik des Neo-Konkreten, wie sie von Hélio Oiticica, Lygia Pape oder Lygia Clark vertreten wurden. Aber auch die performative Handhabung der Tische liest sich als durchaus ironisch-spielerischer Rückbezug auf das Movimento Neo-Concreto, das seine formale Anlehnung an die Geometrie viel stärker mit sozialen Wirkungsfeldern verband als die Zürcher Konkreten. Mit ‹Rearranging the conference table› übernehmen die Museumsaufsichten die Aufgabe, die Tische gemäss einer von Pica festgelegten Notation zu bewegen und neu zusammenzustellen. Sie dürfen also das tun, was sie normalerweise verhindern sollen: Hand anlegen an die Kunstwerke.
Dass die für Zürich konzipierte Installation zugleich auch ein Kommentar auf die zunehmende Virtualisierung der Arbeitswelt durch Homeoffice und auf das Ausstellungsgeschehen mit Online-Viewings als Antwort auf die globale Pandemie sein kann, führt die Künstlerin an der Pressekonferenz aus: «Ich glaube, dass man in der Kunst die reale Erfahrung braucht. Es ist wichtig, dass man einander begegnet, und darum geht es in dieser Arbeit.»

Ambiente und Effizienz
Während der in Zusammenarbeit mit Rafael Ortega Ayala realisierte Film ‹Rehearsing the conference table›, 2020, alle Konfigurationen der Tische in Zeitraffer vorführt und dadurch quasi auch einen zeitlichen Vor- und Rückblick Revue passieren lässt, berührt der Soundtrack im Erdgeschoss nochmals andere Facetten von Büroalltag und Privatsphäre, von durchstrukturierten Arbeitsabläufen und individueller (Inter-)Aktion. Grundlage der Audioarbeit ‹The 40-hours week›, 2020, ist ein im Internet verfügbares Soundfile, das Geräusche eines «noch belebten» Büros versammelt und im Homeoffice dazu gedacht ist, ein Substitut des sonst vertrauten und akustisch beruhigenden Ambientes zu liefern. In der Ausstellung ist dem Soundtrack ein chronologischer Ablauf unterlegt, der am Ende einer Arbeitswoche von Betriebsamkeit zum «Eigenklang» von menschenleeren Büroräumen wechselt: zum Surren von Servern, zum verhaltenen Beepen von Geräten in Standby und den unzähligen Ventilatoren, die die Arbeitsmaschinerie kühlen und bei guter Gesundheit halten.

Spiel und Resistenz
‹Joy in Paperwork: The Archive›, 2016, wiederum kreist um Erfahrungen mit der staatlichen Bürokratie. Picas erster Versuch zur Einbürgerung in Grossbritannien scheiterte, da sie während des Verfahrens zu häufig reiste. Sichtbares Zeichen dafür waren die vielen Stempel in ihrem Pass. Beim zweiten Anlauf hielt sie sich also konstant in ihrer Wahlheimat auf und begann währenddessen, mit Stempeln zu experimentieren. Kopfreise, rebellische Geste, zeichenhafte Umkodierung: Die teils gekauften, teils aus dem Freundeskreis erhaltenen Stempel überziehen weisse A4-Bögen in ornamentaler, aber auch streng geometrischer Anordnung; was sich aus der Ferne wie eher kindliche Zeichnungen ausnimmt, entpuppt sich bei näherem Blick als ein vielschichtiges Blätterwerk, dessen Botschaft nicht im einzelnen Element, sondern im arrangierten Aufeinandertreffen von Zeichen und Sprache sowie der Aufhebung der intendierten Funktion besteht. Die Ambivalenz ist gewollt, wie Amalia Pica in Zürich ausführt: «Ich wollte die zwei Seiten der Bürokratie zeigen. Zum einen gibt es die Seite von Reglementierung aufgrund der einschränkenden Regeln; zum anderen liefern diese Strukturen aber auch eine Stütze, die einem wiederum Stabilität verleiht.»
So ist den im Haus Konstruktiv gezeigten Installationen von Amalia Pica eine aktuelle Brisanz zu eigen. Doch die performative Aktivierung von geometrischen Elementen prägt auch schon frühere Arbeiten wie beispielsweise ‹ABC›, 2013: Performer*innen präsentieren farbige, geometrische Plexiglasscheiben in wechselnden Konstellationen, die stets Überschneidungen der transparenten Formen enthalten. Mit dem mathematischen Symbol für Schnittmenge im Titel setzt Pica ein deutliches Signal, ist doch die Mathematik, insbesondere die Mengenlehre mit ihren Zeichen und Diagrammen, ein wichtiger Referenzpunkt ihres künstlerischen Vokabulars: zum einen als Metapher für gruppendynamische Prozesse, zum anderen als abstraktes, stark kodiertes, semantisches System.

Produktives (Miss-)Verständnis und subtile Widerständigkeit
Damit verwandt ist sicherlich auch Picas Interesse für andere Sprachen und linguistische Forschung, das in den vergangenen Jahren mehrere Werkgruppen angestossen hat. Bei ‹please open hurry (in memory of Wahsoe)›, 2018, sind es die fünf Gebärden, die die Schimpansin Washoe (1965–2007) – neben vielen anderen Sprachbausteinen – von ihren «Pflegeeltern» in einer Studie der Central Washington University gelernt hatte und mit denen sie ihren Wunsch ausdrückte, nach draussen gehen zu können. Abgesehen von der wissenschaftlichen Kontroverse, ob Primaten nicht einfach die ihnen vorgeführten menschlichen Gebärden ohne Verständnis ­ihrer Bedeutung imitieren würden, legt diese Arbeit ihren Finger auf die Facetten des zwischenmenschlichen Agierens, auf basalen sprachlichen Austausch und auf den ­Kanon von Verständnis und Irrtum, von Botschaft und Rezeption.
Fragen nach sozialer Interaktion, Exklusion und Inklusion sowie nach kommunikativen und partizipativen Praktiken ergeben sich in der Begegnung mit Picas Werk als selbstverständliche Lesarten, die jedoch immer von historischen, autobiografischen oder theoretischen Bezügen begleitet werden. So stossen die Arbeiten gerade wegen ihres leichten, durchaus unbeschwerten Erscheinungsbildes komplexe Zusammenhänge der Lebensorganisation durch Gesten und (sprachliche) Codes an und führen Möglichkeiten vor Augen, Strukturen durch einfache Aktionen zumindest aufzulockern. Sie bergen eine erfrischende Widerständigkeit in sich, die sich ohne revolutionäres Pathos entfaltet und unserer nicht unkomplizierten Gegenwart frischen Wind einhaucht.

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt und arbeitet in Zürich. muellersbuero@gmx.ch

Until 
17.01.2021

Amalia Pica (*1978, Neuquén, AR), lebt und arbeitet in London
2003 Bachelorabschluss in bildender Kunst, Escuela Nacional de Bellas Artes in Buenos Aires

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 Centro Andaluz de Arte Contemporaneo, Sevilla
2019 ‹Private & Confidential›, The New Art Gallery Walsall, UK
2018 ‹(un)heard, Cc Foundation, Shanghai
2017 ‹please open hurry›, PICA – Perth Institute of Contemporary Arts, Perth; ‹ears to speak of›, The Power Plant, Toronto; ‹A un brazo de distancia›, NC-arte, Bogotá
2016 ‹Katachrese›, Kunstverein Freiburg
2013 Museo Nacional de Bellas Artes, Neuquén; Museum of Contemporary Art, Chicago
2012 ‹Chronic Listeners›, Kunst Halle Sankt Gallen

Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
AMALIA PICA: Zurich Art Prize 2020 29.10.2020 to 17.01.2021 Exhibition Zürich
Schweiz
CH

Advertisement