Die dunkle Seite des Löwen — Agonie des Imaginären

Jeremias Altmann & Andreas Tanzer, Barbara Kiener, Olga ­Georgieva · Die dunkle Seite des Löwen, Ausstellungsansicht Kunsthalle Luzern 2020 © ProLitteris. Foto: Kilian Bannwart

Jeremias Altmann & Andreas Tanzer, Barbara Kiener, Olga ­Georgieva · Die dunkle Seite des Löwen, Ausstellungsansicht Kunsthalle Luzern 2020 © ProLitteris. Foto: Kilian Bannwart

Jeanne Jacob & Mirjam Ayla Zürcher · J’ai des privilèges, donc je peux, 2020, ­Die dunkle Seite des Löwen, Ausstellungsansicht Kunsthalle Luzern 2020. Foto: Michel Rebosura

Jeanne Jacob & Mirjam Ayla Zürcher · J’ai des privilèges, donc je peux, 2020, ­Die dunkle Seite des Löwen, Ausstellungsansicht Kunsthalle Luzern 2020. Foto: Michel Rebosura

Besprechung

Was gibt es eigentlich zu feiern? Zum 200-Jahr-Jubiläum des Löwendenkmals legt die Kunsthalle Luzern zugeschüttete Konfliktlinien frei – und konfrontiert uns mit Realitäten, vor denen wir gerne die Augen verschliessen. Denn öffentliche Kunst findet in einem umkämpften Raum statt.

Die dunkle Seite des Löwen — Agonie des Imaginären

Luzern — Unbehagen macht sich breit. Maskiert betreten wir in der Kunsthalle Luzern die ‹Höhle des Löwen› und streifen durch eine Trümmerlandschaft aus Schutt und Asche. Düstere elektronische Klänge durchdringen die raumgreifende Installation von Jeremias Altmann und Andreas Tanzer. Befinden wir uns in einem postapokalyptischen Film? Wer zerstörte das Löwendenkmal? War es ein Krieg oder eine Naturgewalt? Die Dystopie war für Karin Mairitsch, diesjährige Kuratorin des Projekts ‹Löwendenkmal 21›, Ausgangspunkt und kollaborativer Rahmen für die weiteren acht gezeigten Positionen. In ihren Werken zeigt sich die Haltung, dass der Zugriff auf die Kunst im öffentlichen Raum nur ein politischer sein kann – gerade bei einem Denkmal, das bis zum touristischen Kitsch geschleift worden ist. Schicht um Schicht muss abgetragen werden, damit die spannungsvollen Verwerfungen der Rückseite ans Licht kommen. Etwas, das jüngst durch die Black-Lives-Matter-Bewegung und die Kolonial­geschichte von Denkmälern ikonoklastische Züge annahm. Wiedererinnerung durch Repolitisierung, Repolitisierung durch Wiedererinnerung. Was nun? In der Ausstellung überblendet der Konsum künstlicher Alpträume die Gewalt realer Katastrophen.
Dem immersiven Spektakel von Altmann & Tanzer steht der nüchterne Dokumentarismus von Claudia Schildknecht gegenüber. In ‹How We Might Be› legt sie mittels Darknet-Recherchen Zeugnis ab vom anthropogenen «Sechsten Sterben». Bilder und Videos etwa von Elefantenkadavern, die von Wilderern ausgebeutet und zurückgelassen wurden, lassen uns erstarren. Die Utopie befindet sich im Untergrund: Einen Stock tiefer möchten Jeanne Jacob und Mirjam Ayla Zürcher uns mit ‹J’ai des privilèges, donc je peux› zu einer subversiven Blickveränderung bewegen, indem sie «die dunkle Seite der Macht» erhellen, die unsere Wahrnehmung verzerrt. Ihre Arbeit fordert ein Bekenntnis zu den Dimensionen und Positionen der Identität ein, die Befragung der eigenen Privilegien und Diskriminierung «Anderer» und am Ende die Revolution der Alltagspraxis und Beziehungsweisen. Beim Verlassen der schattenreichen Höhle fragt sich, was eine engagierte Ausstellung politischer Kunst bewirken kann. Wird Kritik zur Geste, kann dann die Geste als Ereignis kritisch sein? Etwa als Performance radikal demokratischer Zusammenarbeit? Als Fluchtlinie zu einer Utopie? Kunst kann uns wiedererinnernd aus der Gleichgültigkeit herausreissen. Vielleicht muss es sogar weh tun. Tätig werden aber müssen wir selbst.

Until 
13.12.2020

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