Gästeatelier Krone — Willkommenskultur seit 25 Jahren

Eröffnung Arjun Das, Forum Schlossplatz Aarau, 2019, mit Wenzel Haller und ­Josiane Imhasly (vormals Schlossplatz, jetzt Pro Helvetia), dem Künstler und Ateliergästen.

Eröffnung Arjun Das, Forum Schlossplatz Aarau, 2019, mit Wenzel Haller und ­Josiane Imhasly (vormals Schlossplatz, jetzt Pro Helvetia), dem Künstler und Ateliergästen.

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Werke: Jumana E. Abboud, 2002, Piyali Sadukhan, 2015, Inas Halabi, 2016. 

Gruppenfoto: T. Kern

Gruppenfoto: T. Kern

Fokus

Als der Freigeist Wenzel Haller ab 1995 in Aarau ein Netzwerk von Gästeateliers aufbaute, assoziierte man Kunst von ausserhalb des westlichen Koordinatensystems gern mit Folklore oder Krieg. Das war im Aargau nicht anders. Dass dort trotzdem zahlreiche Verbindungen etwa nach Indien oder Palästina gewachsen sind, verdankt sich Hallers Engagement.

Gästeatelier Krone — Willkommenskultur seit 25 Jahren

Aarau ist nicht der Nabel der Welt und auch nicht ein anerkanntes Zentrum internationalen Kunstgeschehens. Aber Aarau hat seit 25 Jahren ein Atelier für Gäste, deren Anwesenheit dem einseitig weiss und westlich orientierten Kunstbegriff selbstverständlich und unbeugsam Widerstand geleistet hat. Aus Indien, Palästina, der Republik Kongo und aus Burkina Faso beziehen immer wieder Künstlerinnen und Künstler das Atelier in der Kronengasse, vertiefen sich in lange geplante Arbeit und lassen sich inhaltlich wie sozial auf neues Terrain ein. Die Auswahl der Künstlerinnen und Künstler trifft der Aarauer Trägerverein ‹artists in residence ch› nicht selbst, sondern er verlässt sich auf Empfehlungen durch Partnerorganisationen vor Ort. «Wer kommt, ist interessant», bilanziert Wenzel Haller, der eigentlich Andreas Haller heisst und von allen nur Wenzel genannt wird. Wenzel ergänzt, dass sich sein Interesse nicht an Kriterien internationaler Anerkennung messe, sondern an der Qualität von Begegnungen, am niederschwelligen Aufprall anderen Denkens in unseren Breitengraden.

Ein Kämpfer für Freiräume
Jede Vereinnahmung, sei es im Namen von Forschung oder als Export mustergültiger Kulturproduktion, wie die offizielle Schweiz sie pflege, ist dem Streiter für Freiräume ein Dorn im Auge. So mussten ihn seine Handlungsdevisen vor Jahren von der Unterstützung durch Pro Helvetia trennen. «Anarchist, vielleicht Situationist, ein politischer Flaneur» hat ihn die WOZ vor zwei Jahren genannt. Auch mit seinem Gastro- und Barbetrieb ‹Garage› opponiert Wenzel Haller in Aarau gegen jedes normierte Modell von Stadt- und Standortmarketing: Direkt neben der Stadtkirche bietet er seit fünfzehn Jahren einem sympathischen Wildwuchs Raum.
Die Künstlerin Jumana Emil Abboud besuchte Aarau 2002 zum ersten Mal. Dass sie über Wenzel Hallers Netzwerk adressiert und empfohlen worden sei, hiess für sie auch, dass sie in gewissem Sinn als Vertreterin ihrer Heimat in die Schweiz reisen konnte. Und nachdem sie das Städtchen an der Aare kennengelernt hatte, konnte sie selbst Kunstschaffende nennen, für die eine solche Auszeit wertvoll erschien. Für die damals junge Künstlerin war Aarau vor allem eine produktive Zeit. Der gemässigte Puls der Kleinstadt relativiert den Sog grosser, urbaner Zentren. Ohne die herausfordernde Dichte an Ausstellungen und Events und ausserhalb des kompetitiven, von Erfolg getriebenen Kunstbetriebs habe sie sich im Krone-Atelier ganz ihrer Arbeit widmen können. Für sie sei der Aussenraum wichtig geworden – Aaraus Wald ist in einer Video­arbeit inzwischen mehrfach in Ausstellungen gezeigt worden. Auch als sie Jahre später noch einmal zurückkehrte, hat Abboud gemerkt: «It’s necessary to slow down.»

Die Welt ist nach Aarau gekommen
Wenn die Künstlerin und Kuratorin Sadhyo Niederberger die letzten Jahrzehnte in Aarau Revue passieren lässt, nimmt das Atelier Krone eine besondere Stellung ein. «Seine Präsenz macht einen Unterschied.» Die Szene der Kunst sei Mitte der 1990er-Jahre karg gewesen und die Abwanderung der Jungen nach Basel und Zürich spürbar. «Mit Leuten aus anderen Kontinenten ist die Welt hierhergekommen. Das ist ein wahnsinniger Gewinn.» Niederberger nennt sich selbst eine «Zugewandte» in Bezug aufs Krone-Atelier – eine «temporäre Ersatzmutter, Freundin und vor allem auch Netzwerkerin». Die Begleitung der oft jungen Gäste zum ersten Einkauf bei Migros oder zu einem Schalter der SBB stärkten ihr eigenes Selbstverständnis als Kulturvermittlerin – und stifteten auch bleibende Freundschaften.
In Aaraus Altstadt steht ein ausgedienter, himbeerroter Saab 900. Wenzel Haller hat ihn hierherschleppen lassen, seine Ausstattung entsorgt und den Wagen mit Erdreich gefüllt. Seither ist die Karosse eine Brache: Ein Ahorn wurzelt an der Stelle des ehemaligen Beifahrersitzes, im Sommer schlagen Brombeerstauden aus. «Ist das Kunst oder kann das weg?» Auch die Etikette, die vorübergehend an einer Hintertür klebte, konnte kein definitives Urteil fällen über den Status des ungewöhnlichen Blumentopfs. Wenzel Haller ist das gerade recht. Seine friedfertige Selbstermächtigung kann so ganz unabhängig weiterleben, während die ehrenamtliche Trägerschaft des Krone-Ateliers sich über eine Nachfolge Gedanken macht.
Ende Oktober war noch nicht entschieden, in wessen Hände Wenzel Haller zum Jahresende die Geschäfte weitergeben kann. Das Vokabular jedes Kulturmanagements, das einer so informell operierenden Initiative eine robuste Struktur und erfolgreiche Zukunft in Aussicht stellt, muss diesem Freigeist unbehaglich sein. Er hofft natürlich auf eine ebenso engagierte Truppe, wie er sie mit Marianne Kuhn, Thomas Kern, Christoph Storz, Susanna Keller, Daniel Furter, Ueli Röthlisberger und Elsbeth Bircher am Anfang und bis heute um sich hatte. Man wünscht ihm und allen Beteiligten unbedingt beides: den bleibenden Freiraum und eine Stabilität, die ein vielfältiges, überraschendes, produktives oder auch nachdenkliches Dasein in Aarau gewähren lässt.

Isabel Zürcher, Kunstwissenschaftlerin und freie Autorin in Basel und Mulhouse.mail@isabel-zuercher.ch

Gästeatelier Krone – 25 Jahre Artists in Residence
Gründung: 1995 erster Atelierraum an der Kronengasse Aarau
Gastaufenthalte: Gastateliers für jährlich ca. vier oder mehr Kunstschaffende, für jeweils einen drei- oder sechsmonatigen Aufenthalt; bisher rund hundert Kunstschaffende aus ca. zwanzig Ländern
Betreiber: Wenzel Haller und die Arbeitsgruppe ‹Gästeatelier Krone›
Trägerschaft: Ortsbürgergemeinde Aarau, Aargauer Kuratorium und Private

www.artistinresidence.ch

Author(s)
Isabel Zürcher

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