Raphael Hefti — Ein Phänomenologe des Grossformats

The Sun is the Tongue, the Shadow is the Language, 2020, Aluminium, wiederverwendbarer Formsand, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

The Sun is the Tongue, the Shadow is the Language, 2020, Aluminium, wiederverwendbarer Formsand, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

The Sun is the Tongue, the Shadow is the Language, 2020 (Detail), Aluminium, wiederverwendbarer Formsand, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

The Sun is the Tongue, the Shadow is the Language, 2020 (Detail), Aluminium, wiederverwendbarer Formsand, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

Polycrystalline Horticulture, 2020, Bismut, 71 x 601 x 2 cm, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

Polycrystalline Horticulture, 2020, Bismut, 71 x 601 x 2 cm, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

RHE 9514, 80 x 50 cm; RHE 9515, 80 x 50 cm; RHE 9516, 140 x 110 cm (von links), alle 2020, eloxierte Aluminiumplatten, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

RHE 9514, 80 x 50 cm; RHE 9515, 80 x 50 cm; RHE 9516, 140 x 110 cm (von links), alle 2020, eloxierte Aluminiumplatten, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

Message Not Sent, 2020, Edelgase, Glas, Elektrizität, 15 Röhren, je 4 m lang, ø 18 cm, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

Message Not Sent, 2020, Edelgase, Glas, Elektrizität, 15 Röhren, je 4 m lang, ø 18 cm, Ausstellungsansicht ‹Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, 2020. Foto: Gunnar Meier

Raphael Hefti, 2020. Foto: Diana Pfammatter

Raphael Hefti, 2020. Foto: Diana Pfammatter

Fokus

Es ist seine bisher grösste Solo-Show, und bis auf ein Werk hat Raphael Hefti für Basel alles neu realisiert. Sein gelbes Gilet mit aufgenähtem Reflektorband ist mehr als Schutzbekleidung beim Handling von schwerem Metall oder giftigen Gasen. Es ist das Accessoire eines Künstlers, der sein Schaffen mit indus­triellen Produktionsweisen kurzschliesst.

Raphael Hefti — Ein Phänomenologe des Grossformats

Am Eingang zur Ausstellung ist nicht absehbar, auf welchen Parcours uns Raphael Hefti bis in den hintersten Raum mitnehmen wird. Es umfängt einen der schwere, leicht beissende Geruch verkohlten Sands, während flach ausgerichtete, aber auch manns- und übermannshohe, schroff abgekantete Elemente sich in den Weg stellen. Auf dem Parkett des alten White Cube ertasten sie die Erinnerung an Reste zerstörter Architektur. Unter Einschluss zufallsgenerierter Aluminiumspritzer weist diese ‹Minimal Art› jeden ebenmässigen Rhythmus von sich. Wie eine dreidimensionale Darstellung unseres ökologischen Fussabdrucks bäumen sich 27 Tonnen auf: So viel bringt der gepresste Sand von Negativformen aus einer Aluminiumgiesserei auf die Waage. Statiker mussten den Ausstellungsraum für diese Belastungsprobe freigeben, Feuerwehrmänner waren erforderlich, um ein metallenes Relief im Folgesaal in Position zu bringen: Heftis Kunst fordere auch die Grenzen der institutionellen Praxis heraus, so die Kunsthalle-Direktorin Elena Filipovic. Eine Stunde vor Türöffnung haben weder sie noch der Künstler selbst gewusst, in welchen Farben die grossen Leuchtstoffgefässe im hintersten Raum aufscheinen würden. Was vorn mit einer massiven materiellen Setzung den Auftakt macht, mündet dort im Zauber lichter, zur Decke steigender Edelgase.

An die Grenzen gehen
Über mehrere Jahre können sich seine Materialrecherchen hinziehen, oft setzen sie die Zusammenarbeit mit Spezialisten voraus. Ingenieure, Chemikerinnen, Glas-, Gas- und Neon-Experten, Metall- und Aluminiumgiesserinnen: Sie alle haben nicht nur gezielt Produktionen, sondern im Hinblick auf die Basler Ausstellung die gesamte Entwicklung von Verfahren und Techniken begleitet. So gründet Heftis künstlerische Auseinandersetzung auch auf der Energie jener Leute, «die wirklich dabei sein wollen». Mitarbeitende etwa des Mercedes-Benz-Zulieferers MGG seien motiviert gewesen, weil «ihr» Aluminium im künstlerischen Einsatz jenseits mechanischer oder technologischer Zwecke sichtbar wird.
Das in wirre Spritzer, filigrane Rinnsale und flechtenähnliche Strukturen ausgelaufene Metall auf den Gussformen mag also nicht nur Assoziationen wecken an jenen Zinnguss, der uns zum Jahreswechsel die persönliche Zukunft orakeln lässt. Vielmehr sprengt das zweckentbundene Metall den Blick auf normierte, industrielle Verfahren. «Es bricht aus bekannten Bahnen aus, um Neues zu eröffnen.» Hefti leitet Produktionsprozesse um auf seine Kunst und beruft sich auf die Dimensionen der Schwerindustrie. Grösse steht dabei nicht im Blickwinkel einer Befragung oder Kritik, sondern erlaubt Inszenierungen, in denen wir uns vergleichsweise klein wahrnehmen, überrascht oder überwältigt sind.

Ein Motivator und Weichensteller
Wie ist Raphael Hefti zu solch materialintensiver Kunst gelangt? Schon als der gelernte Elektroniker in Lausanne Fotografie und an der Slade in London Kunst studierte, suchte er nach einer Ästhetik, die seine eigene Handschrift verschwinden liess. In Blitzpulver zunächst und dann in pflanzlichen Sporen entdeckte er Rohstoffe, an die er die Belichtung von Fotopapier delegieren, den Kontrollverlust erproben und eine dem Material innewohnende Dynamik freilegen konnte. In seinem oft «missbräuchlichen» Einsatz von Stoffen und Maschinen ist Hefti längst zum Motivator geworden. Vier Leute hat er fix im Team seines Studios, je nach Vorhaben kommen weitere hinzu. «Für gewöhnlich müssen wir Normen einhalten», meint ein Strassenmarkierer, der unter Heftis Regie einen Farbkarren 2018 für einmal mit Buntfarben und in freien Schlaufen über einen Parkplatz führen durfte. «Das hier sieht natürlich schon ganz anders aus.» Eine solche Aussage gehört genauso zur beabsichtigten Ausdehnung des Malereibegriffs wie die frei verlaufenden Kurven, die in Zürichs Norden die Farbspur auf bleibende Um- und Abwege schickten. Für die Kunsthalle Basel hatte Hefti die Aktion damals als Performance adaptiert.
Die horizontalen Spuren auf dem Plakat von ‹Salutary Failures› scheinen eine Malerei anzukündigen, die es in der Schau gar nicht gibt. Das ist kein Zufall: Auf Umwegen schreiben sich Heftis scheinbar kunstferne Experimente wieder ins Repertoire der neueren Kunstgeschichte ein. Eloxierte Aluminiumplatten zeigen sich – konventionell in rechteckigen Formaten reihum gehängt – im Erbe konzeptueller Fotografie oder Farbfeldmalerei. Die Oberfläche von ‹Polycrystalline Horticulture›, 2020, muss Claude Monets Teiche in Erinnerung rufen, auch wenn die schimmernde Erscheinung des Reliefs aus erhärtetem Bismut mit pastoser Farbe nichts gemein hat. Der Glanz von Perlmutt, das regenbogenfarbene Wuchern liegt näher an einem Film von ausgelaufenem Benzin als an Seerosen im Widerschein von Abendrot. Gegen den Kitsch wehrt sich dieser Hybrid zwischen Malerei und Plastik einzig mit seinem schieren Gewicht, das sich an der Fixierung verrät.

Im Olymp physikalischer Experimente
Bis auf die raffinierten Titel kommt Raphael Heftis Kunst ohne Sprache aus. Umso mehr beansprucht sein Schaffen Freiraum für Versuchsanordnungen, die das Vokabular von Recherche, Forschung und Gegenwartsanalyse aufzusaugen vermögen. Er setzt Metall unter Hitzestress und simuliert die Alterung von massiven Stahlbalken. ‹Dr. Sattler: So, what are you thinking? Dr. Grant: We’re out of a job. Dr. Malcom: Don’t you mean extinct?›, 2020, heisst es anspielungsreich, wo das Material eine poröse Oberfläche ausgebildet hat und wie monumentale Knochen eines längst verflossenen Industriezeitalters unter klinisch gefiltertem Luftstrom liegen bleibt. Spätestens im letzten, grossen Saal wird erlebbar, dass Hefti nicht nur mit schweren Materialien ringt, sondern sich auch von der Phänomenologie ephemerer Stoffe locken lässt. «Die Schönheit besteht im Denkprozess, der auch ein Hängesystem erfindet, um die Fragilität sichtbar zu machen», sagt er selbst vor den Glaskörpern, deren Wirkung er bis zuletzt nicht genau hatte vorwegnehmen können: Von der Decke des verdunkelten Oberlichtsaals hängen 15 Edelgas-Leuchten von je vier Metern Länge. Voluminöser ist das Glas als bei den Installationen von Dan Flavin, direkter als Dan Graham rückt Hefti das Objekt der Lichtquelle selbst ins Zentrum der Aufmerksamkeit, das psychologisch Abgründige der Neonschriften eines Bruce Nauman liegt in weiter Ferne. Der Auftritt gilt Helium, Neon, Argon, Krypton, Xenon und ihren Mischungen ganz allein: Die Zufuhr von Elektrizität lässt die Gase als luzide, schlanke Nebelsäulen in unterschiedlichem, auch wandelbarem Farbton schweben. Eine fast sakrale Stille erhöht den Zauber und drängt die Fragen nach dem «Wie» und «Woher» zurück. ‹Message Not Sent›, 2020, ist der Showroom eines Phänomenologen, der jenseits von Verwertungsabsichten den Urstoff aller Dinge entzündet und dem technisch Möglichen unser Staunen entlockt.

Isabel Zürcher lebt und arbeitet als freiberufliche Kunstwissenschafterin und Autorin in Basel. mail@isabel-zuercher.ch

→ ‹Raphael Hefti – Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, bis 3.1.; mit reich illustrierter Monografie: ‹Raphael Hefti – Salutary Failures›, e/d, mit Beiträgen von Elena Filipovic, Raphael Hefti, Nora N. Khan, Dieter Roelstraete, Fabian Schöneich und Carmen Van Pamel, bei Lenz Mailand 
www.kunsthallebasel.ch

Until 
03.01.2021

Raphael Hefti (*1978, Boudevilliers NE), lebt und arbeitet in Zürich

Einzelausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Raphael Hefti – Salutary Failures›, Kunsthalle Basel, Schweiz
2017 ‹Sensory Spaces 11 – Raphael Hefti›, Museum Boijmans Van Beuningen, Rotterdam
2015 ‹On Core / Encore›, Fondation Vincent Van Gogh, Arles
2014 ‹Raphael Hefti›, Nottingham Contemporary, Nottingham, GB
2013 ‹Quick Fix Remix›, Ancient & Modern, London
2012 ‹Launching Rockets Never Gets Old›, Camden Arts Centre, London
2012 ‹Thermal Welding›, City SALTS, Birsfelden (BL), Schweiz

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Seismic Movements›, Dhaka Art Summit, Dhaka, Bangladesch
2016 Liverpool Biennal, Liverpool, Grossbritannien
2014 ‹Minimal Art›, Kunstmuseum St. Gallen
2011 ‹How to work (more for) less›, Kunsthalle Basel

Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Raphael Hefti 09.10.2020 to 03.01.2021 Exhibition Basel
Schweiz
CH
Artist(s)
Raphael Hefti
Author(s)
Isabel Zürcher

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