Sonja Feldmeier und Isabelle Krieg — Kartografien des Lebens

Isabelle Krieg · Wahrscheinlichkeitstriebe (rot), 2020, Time is on my side (sleeping), 2000, und Inter Continental, 2020, Ausstellungsansicht Trudelhaus, Baden © ProLitteris

Isabelle Krieg · Wahrscheinlichkeitstriebe (rot), 2020, Time is on my side (sleeping), 2000, und Inter Continental, 2020, Ausstellungsansicht Trudelhaus, Baden © ProLitteris

Sonja Feldmeier · Keynotes, 2020 und Palästina/Israel, Schweiz, Syrien, 2020 (aus der Serie: Meter hinter dem Meeresspiegel), Ausstellungsansicht Trudelhaus, Baden

Sonja Feldmeier · Keynotes, 2020 und Palästina/Israel, Schweiz, Syrien, 2020 (aus der Serie: Meter hinter dem Meeresspiegel), Ausstellungsansicht Trudelhaus, Baden

Besprechung

Reisen ist im Moment fast nicht möglich. Landschaften in Kunst überführen hingegen schon. Zwei mehrfach ausgezeichnete Künstlerinnen vermessen unter dem Titel ‹Dualhuster› die Welt. Das Anagramm aus ‹Trudelhaus› verstehen sie dabei als gemeinsames, auch befreiendes Husten in der Krise. Eine tolle Schau.

Sonja Feldmeier und Isabelle Krieg — Kartografien des Lebens

Baden — Sonja Feldmeier (*1965), die Schöpferin der schillernden Schmetterlingsskulptur ‹Funken Flunkern› auf dem Dach des Badener Jugendlokals Werkk, und Isabelle Krieg (*1971), die einst mit ihrer ‹Milchstrasse› aus weissen Brüsten den Park der Villa Langmatt schmückte, kehren in die Bäderstadt zurück. Feldmeier war bis vor kurzem auf der ganzen Welt zuhause, unter anderem in Panama, Japan und Indien. Unterwegs sein, entwurzelt werden, Wurzeln schlagen und ankommen sind konstante Themenfelder im Werk der Multimediakünstlerin. Wenn in Indien ein 450-jähriger, heiliger Baum mit nichts als Mannskraft gefällt wird, wenn eine aus einer entwurzelten Fichte geschnitzte Riesenflöte verstummt oder wenn militärische Tarnmuster zu politisch aufgeladenen Höhenlinien mutieren, wird klar: Hier durchmisst jemand die Welt. Der überdimensionale, verkrüppelte Anker am dicken Schiffstau im Untergeschoss der Galerie hält einen nur vermeintlich auf Grund und Boden. Das Seil endet im obersten Geschoss als dünne Schnur, daran befestigt drei weisse Ballons: Die Party ist zu Ende, oder der Ursprung des Lebens macht sich hauchzart bemerkbar.
Dies erst recht beim Anblick von Isabelle Kriegs Daunenduvet ‹Time is on my side› unmittelbarer daneben. Kartografie auf weissem Leinen sozusagen, denn auf dem Kissenbezug vernähte Krieg während ihres Berlin-Aufenthalts sämtliche von ihr in der Stadt zurückgelegten Wege. Daraus lässt sich lesen, dass die Künstlerin viel auf Achse war und immer wieder in ihr Atelier zurückkehrte – zur Geborgenheit unter der Decke. Ein schöner Gedanke und eine markante Stelle, die durch die Anhäufung des blauen Fadens wie ein Fluss auf dem Stadtplan erscheint. Und beim Objekt ‹Wahrscheinlichkeitstriebe› spriessen rote, kahle Ästchen wie lange dünne Fingerlinge aus den Augen eines Würfels als wärs ein zu mager geratenes Coronavirus. Ob es den Menschen das Schicksal zuspielt? Mal länger, mal kürzer, in alle Himmelsrichtungen? Leben eben. Isabelle Krieg kartografiert mit Galgenhumor das Leben. Lustig ist oft der Einfall, ernst die Botschaft. So fädelt sie im untersten Geschoss Weltkugeln wie Perlen auf, bis eine überdimensionale, rosenkranzähnliche Halskette entsteht. ‹Wie viele Erden› betitelt sie ihre Arbeit – nicht als Frage, sondern als Feststellung: Wir haben nur diese eine. Rettet sie. Ein wuchtiges Stossgebet.

Until 
17.01.2021

→ ‹Dualhuster – Sonja Feldmeier, Isabelle Krieg›, Trudelhaus, bis 17.1.; Künstlerinnen-Gespräch, 11.12.; ‹The Peepul Tree›, Kino Orient, 3.1., 14.30 Uhr, mit Ausstellungsführung ↗ www.trudelhaus-baden.ch

Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Sonja Feldmeier | Isabelle Krieg 24.10.2020 to 17.01.2021 Exhibition Baden
Schweiz
CH

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