Öl — Schönheit und Schrecken

John Gerrard · Western Flag (Spindletop, Texas), 2017 Simulation, Dimensionen variabel © ProLitteris, Courtesy Pace Gallery

John Gerrard · Western Flag (Spindletop, Texas), 2017 Simulation, Dimensionen variabel © ProLitteris, Courtesy Pace Gallery

Hinweis

Öl — Schönheit und Schrecken

Wolfsburg — Angenommen, der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen ist gelungen: Was wird das Zeitalter des Öls einmal gewesen sein? Hat das Jahrhundert der «Petromoderne» mit seinen Freiheitsversprechen unser Leben und Denken nicht ein für alle Mal verändert? Ein Rückblick voller Schwermut und Wut.
Wie ein Captcha ist die Arbeit von Wolfgang Tilmans arrangiert: eine Wand voller Fotos, auf denen die Concorde gerade noch so zu erkennen ist. Die Ausbeutung akkumulierter Sonnenenergie verleiht Flügel. Doch mit dem Absturz der Legende kommt das Aus. Zerplatzt der Traum vom Höher, Schneller, Weiter … Auch die Rakete von Sylvie Fleury in ihrem goldenen Tailleur ist müde in sich zusammengesackt.
Ebenso wie die Imperative werden in der Kunst aktuell die materiellen Voraussetzungen der Moderne hinterfragt. In der VW-Stadt Wolfsburg nun deren wichtigster Treibstoff: Öl.
Erst mit der Erfindung des Automobils nahm das lange Jahrhundert, das mit der grosstechnischen Ausbeutung der Erdölreserven 1858 begann, richtig Fahrt auf. Spätestens seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs durchdringt das «schwarze Gold» sämtliche Lebensbereiche: vom Lippenstift über die Grüne ­Revolution bis zur Eroberung des Weltalls. Niemals zuvor wurde so viel Energie verbraucht: allein 15 Mrd. Liter Öl am Tag (Stand 2016). Hat die verheissungsvoll schillernde Petromoderne den Industrienationen Freiheit, Wohlstand, Wachstum beschert, legt sich anderswo die in Jahrmillionen entstandene, verdichtete Energie schwarz und schlierig über die Landschaft und zerstört Lebensperspektiven. Besonders in den Förderregionen, wie Mark Boulos in seiner Gegenüberstellung von Chicagos Rohstoffhändlern mit dem Nigerdelta zeigt, wo sich verzweifelte Menschen mit Macheten und Kalaschnikows gegen die Weissen, Sinnbild einer globalen Ausbeutungsstrategie, rüsten. Das Oil Encounter, die Begegnung mit dem Öl, ist eines der Themen, um die die Ausstellung kreist. Es hat Macht und Reichtum, Krieg und Leid, Sucht und Abhängigkeiten geschaffen und auch traditionelle Gesellschaften erfasst. Doch längst ist aus dem «easy oil» ein schwer zu gewinnender Rohstoff mit katastrophalen Auswirkungen für die Umwelt geworden. Richard Misrach fotografiert die sog. Cancer Alley, eine durch Petrochemie geprägte Region entlang des Mississippi im Süden der USA. Scheinbar harmlos die künstliche Wolke, die sich täglich neu über der Raffinerie bildet und Teil der Atmosphäre wird. «Petromelancholie», ein von der US-Amerikanerin Stephanie LeMenager geprägter Begriff, steht für die Ambivalenz des notwendigen Abschieds.
Beginnt die vom Kollektiv Beauty of Oil (Alexander Klose, Benjamin Steininger) kuratierte sehenswerte Ausstellung mit dem Fossil eines 180 Mio. Jahre alten Ichthyosauriers aus dem nahegelegenen Schandelah, wo in der NS-Zeit Zwangsarbeiter eingesetzt wurden, um aus Schiefer Öl zu gewinnen, endet sie mit einer 3 mm grossen Ölfliege, deren Plastik fressende Raupe der Wissenschaft Hoffnung macht. Kommen wir da je wieder raus? Ursprünglich von Ralf Beil für 2018 geplant, ist man drei Jahre und einige Skandale später offenbar bereit, mit einem neuen Museumsdirektor ein schwieriges Thema anzugehen, das an den Grundfesten der 1938 für den Autobau geplanten Stadt rüttelt. Wer sich dem Museum über die Porschestrasse nähert, ahnt, was das heisst. 

Until 
09.01.2022

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