Sophie Bouvier Ausländer — Hände, die erfassen, abwägen, verbinden

Sophie Bouvier Ausländer, Ways of Worldmaking/Selfportrait, 2012–2016, Beton, Bücher, 16 x 2,75 m, Kunst am Bau, Kulturprozent, Kanton Waadt, Gymnasium Renens. Foto: Catherine Leutenegger

Sophie Bouvier Ausländer, Ways of Worldmaking/Selfportrait, 2012–2016, Beton, Bücher, 16 x 2,75 m, Kunst am Bau, Kulturprozent, Kanton Waadt, Gymnasium Renens. Foto: Catherine Leutenegger

The Financial Times Diaries (lungs), 2021, Deckfarbe auf gewachstem Zeitungspapier, 62 x 75 cm

The Financial Times Diaries (lungs), 2021, Deckfarbe auf gewachstem Zeitungspapier, 62 x 75 cm

The Financial Times Diaries (breasts), 2021, Deckfarbe auf gewachstem Zeitungspapier, 42 x 62 cm

The Financial Times Diaries (breasts), 2021, Deckfarbe auf gewachstem Zeitungspapier, 42 x 62 cm

Mare Madre, 2021, Ausstellungsansicht ‹Les résistantes›, Centre d’art L’Onde, Vélizy-Villacoublay, 2021. Foto: Aurélien Mole

Mare Madre, 2021, Ausstellungsansicht ‹Les résistantes›, Centre d’art L’Onde, Vélizy-Villacoublay, 2021. Foto: Aurélien Mole

Fokus

Sophie Bouvier Ausländer bearbeitet ihr Material obsessiv und oft beidhändig, biegt, löst auf, flicht, zeichnet, malt. In diesem Spannungsfeld entstanden in der Pandemie Arbeiten, in denen sie der Welt auf den hautfarbenen Zeitungsseiten der ‹Financial Times› ihre eigenen Visionen gegenüberstellte und so zu ergreifenden Metaphern von Koexistenz fand.

Sophie Bouvier Ausländer — Hände, die erfassen, abwägen, verbinden

Bouvier Ausländer behauptet oft, sie habe seit ihrer behüteten Kindheit auf dem Land – mit Gemüsegarten und Hühnerstall rund ums Haus – im nachfolgenden Studium nichts Entscheidendes mehr über Kreativität gelernt. Bei der Arbeit heute verspüre sie stets die gleiche Verzauberung wie damals zu Hause und in der Schule beim Töpfern, Malen und Weben. Unschuldig waren diese Aktivitäten nicht. Bereits darin steckten Pädagogik, Industrie und Kommerz.

Machen ist Wiedermachen
Bouvier Ausländer führte in der Tat in zwei mit ‹Selfportrait› untertitelten Werken – zwei Bibliotheken – entwaffnend vor, dass Kunstschaffende ihr Kontext sind. Die erste, eine 16 Meter lange Betonwand im Gymnasium von Renens, enthält nebst Geschichts- und Theoriebänden Hunderte von Monografien von Persönlichkeiten, mit denen sich die Künstlerin befasste oder die in der Kunstszene allgemein diskutiert werden. Die andere, ein mobiler Raumteiler aus MDF-Platten, repräsentiert die Literaturliste zu ihrem an der Slade School of Fine Arts 2013–2019 absolvierten PHD ‹On Tangibility Contemporary Reliefs and Continuous Dimensions›. Mit ‹Ways of Worldmaking› von 1978 führen beide einen identischen Haupttitel, der auf die berühmte Ontologie des Philosophen Nelson Goodman verweist. Dieser schlug statt des Gegensatzes von materiellen versus spirituellen Konzepten eine Koexistenz inkongruenter Welten in permanenter Neuformation vor, die der (Re-)Orientierung in der Welt dienen, «if there is any». Wissenschaft und Kunst schrieb er dabei eine ebenbürtige Rolle zu.

Zu Gast im Hotel Ausland
Will man Bouvier Ausländers Arbeiten vom Theoretischen her aufrollen, ist entscheidend, dass die Künstlerin ‹Ways of Worldmaking› nicht ex nihilo rezipiert hat, sondern unter dem Eindruck der Gesellschaftskritik von Zygmunt Bauman. Dieser deutete die Moderne in einer Trilogie 1989–1993 als eine Epoche, die gegen alles Ambivalente kämpfte und in dieser Radikalität letztlich zum schlimmsten aller Genozide geführt habe. So gründete Bouvier Ausländer im Hinblick auf die Einzelschau in dem in ­einem mehrstöckigen Stadthaus eingerichteten Musée d’art de Pully 2014 das ‹Hotel Ausland›, das mit seiner immer noch sichtbaren Website ihr ganzes Werk beherbergt. Pate stand dem zum Dauerunternehmen geratenen Projekt aber nichts anderes als ihr Doppelname, in dem das Bodenständige (Bouvier, jurassischer Name für Rinderknecht) auf ein exterritoriales Erbe (Ausländer, ein deutsch-jüdische Name) trifft. Auf Biegen und Brechen nahm sich die Künstlerin während langer Jahre Landkarten an. Sie gab ihnen durch delikate Erosionen oder Überzüge mit Wachs und Farbe, in die sie meist wieder mechanisch eindrang, ein poröses Relief zurück, das an die Erdkruste selbst erinnert und das Medium der so erodierten Karte zu einem auf die Vergänglichkeit verweisenden Motiv werden lässt. Oder sie schredderte die Karten und wob und kleisterte daraus Bälle und Wolken als Projektionsräume für Welten, in denen mehr Platz für Spiel und Traum ist.

Tageszeitung als Tagebuch
Die Künstlerin lotete jedoch auch das Modell des Globus obsessiv aus, notabene mit In-situ-Installationen aus ineinander verknäuelten Stacheldrähten und Gemäldehäuten, die ein Echo bilden auf die von ihrer fünfköpfigen Familie gelebte Empathie mit minderjährigen Flüchtlingen, denen die Schweiz eine Lehrstelle angeboten hatte. Speziell Frauen auf der Flucht widmete sie nun die bislang letzte Arbeit des Zyklus ‹Mare Madre›, 2021: Aus geteilten Hemisphären lässt sie Tentakel aus Verpackungsplastik herausragen, die eindrücklich die aneinander vorbeizielenden Begehren im Norden und Süden vor Augen führen. Für die Künstlerin waren die Halbkugeln zugleich eine Anspielung an die abgeschnittenen Brüste der heiligen Agathe, der versehrten, aber gerade dadurch potenten Patronin von Sizilien, und darüber hinaus ein Memento für Opfer von Folter und Katastrophen generell.
Die eine Achsensymmetrie zugleich evozierende und dementierende Teilung oder Verdoppelung der Motive ist im Werk von Bouvier Ausländer nicht rein anektotischer Natur. Sie hat sich vielmehr wie von selbst aus der oft beidhändigen, an Kunst und Kunstgewerbe andockenden Arbeitsweise entwickelt. Sie könnte nun als visuelle Metapher für das Verständnis von letztlich inkohärenten Persönlichkeitsanteilen gelesen werden, das dazu beiträgt, zu einer Humanität auch gegenüber anderen zurückzufinden. Schon in einem früheren Werk, ‹In Hands›, 2016, fanden sich in ihren Händen links und rechts geformte Tonkugeln, die, je länger man sie anschaute, desto unterschiedlichere Kontaktspuren zeigten.
Vollends in den Vordergrund rückte dieser Fokus auf die Verdopplung von Organen und Extremitäten und einer damit verbundenen psychischen Ambivalenz in der ­Periode der Pandemie. In diesen Monaten wandte sich die Künstlerin mit der ‹Financial Times› – ihrer Tageszeitung aus der Stadt ihres zweiten, jetzt brachliegenden Ateliers – einem Werkstoff zu, der sie wegen des Kontrasts von hinfälliger Sinnlichkeit und harten Fakten interessierte. Vor der aufgeschlagenen Zeitung kam ihr erst einmal nur Körperliches in den Sinn. So wurde nicht nur plötzlich auf der ganzen Welt von nichts anderem mehr als der Gesundheit gesprochen. Zugleich war ihr Mann just während der ersten Covid-19-Welle gefährlich an einer zuerst für das Virus gehaltenen Lungenembolie erkrankt. Wie als Votivbilder stückte und kleisterte sie erst einmal Organe aus Zeitungsseiten der ‹Financial Times›, angefangen mit den nur schon wegen des darunterliegenden Herzens nur scheinbar symmetrischen Lungenflügeln. Sie fand diese Arbeiten zunächst jedoch zu aufdringlich, um sie in dieser Form bereits auszustellen.

Figuren für Ambivalentes
Sie kehrte zur Doppelseite der ‹Financial Times› zurück, distanzierte die Nachrichtentexte zu einem Recto-Verso-Hintergrundgeräusch, indem sie die Seiten wachste und sich in der Mitte mit kräftigem Pinselstrich eine Carte blanche eröffnete. In diese Unterlage gravierte sie nun Zeichnungen der zuvor skulptierten Organe. Bald erschienen ihr allgemeinere, aber auch geheimnisvollere und rätselhaftere Bilder für Ambivalentes: ein doppelter, halb gezogener, halb geöffneter Vorhang, eine Waage im Ungleichgewicht, zwei Leuchttürme, die sich anstrahlen. Blätter aus dieser Serie waren unlängst in der Lausanner Galerie Heinzer Reszler ausgestellt. Und in der benachbarten Ateliergalerie von Raynald Métraux hat sie nun weitere drei Varianten auf Lithosteine gemalt, graviert und zwanzigfach auf aktuelle Ausgaben der ‹Financial Times› gedruckt. Noch vor Weihnachten werden sie in einer Einzelschau zu sehen sein. Einmal mehr kommt damit origineller Druckgrafik im teils ephemeren Werk der Künstlerin die Rolle der Fixierung wichtiger Bildfindungen zu.

Zitate aus Gesprächen mit der Künstlerin im Herbst 2021. Katharina Holderegger, Kunsthistorikerin, Kuratorin, Kritikerin, lebt mit ihrer Familie in Gland VD. holderegger@artlog.net

→ ‹Sophie Bouvier Ausländer – The Financial Times Diaries›, Atelier et Galerie Raynald Métraux, ­Lausanne, auf Anfrage, Dezember 2021 ↗ www.atelier-metraux.com
→ ‹Summer Exhibition 2021›, kuratiert von Yinka Shonibare, Royal Academy of Arts, London, bis 12.1. ↗ www.royalacademy.org.uk

Until 
12.01.2021

Sophie Bouvier Ausländer (*1970, Lausanne) lebt in Lausanne und London
2013–2019 Slade School of Fine Art, University College London (Ph. D.)
1998–2000 Central Saint Martins College of Arts and Design, London (Pg. Dip.)
1990–1992 École Nationale Supérieure d’Art de La Cambre, Brüssel
1989–1990 École Cantonale d’Art de Lausanne

Einzelausstellungen (Auswahl)
2021 ‹A Far Stretch›, espacelvx, Corseaux; ‹The Financial Times Diaries›, Galerie Heinzer Reszler, Lausanne; ‹Worlds, Works, Words›, Patrick Heide CA, London
2020 ‹Ways of Worldmaking›, Patrick Heide CA, London
2019 ‹Mare Vostrum›, Musée des beaux arts du Locle
2017 ‹Avalanche›, Fondation Louis Moret, Martigny
2014 ‹Hotel Ausland›, Musée d’art de Pully
2013 ‹Le Monde comme sculpture›, Centre Hospitalier Universitaire Vaudois, Lausanne

Gruppenausstellung (Auswahl)
2020 ‹The Feuilleton – I will bear witness: Piggy-backing from the Edicola›, Spoleto, und MACRO, Rom
2019 ‹Exposition inaugurale – Atlas: Cartographie du don›, MCBA Lausanne
2016 ‹Dimensione Disegno – Posizione Contemporanee›, Villa dei Cedri, Bellinzona

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