Athene Galiciadis — Frischer Wind im Ornament

Glasgefäss und Spiraling Shifts, 2018/19, Öl auf Leinen, ca. 183 x 160 cm Ateliersituation

Glasgefäss und Spiraling Shifts, 2018/19, Öl auf Leinen, ca. 183 x 160 cm Ateliersituation

Athene Galiciadis. Foto: Thomas Zirlewagen

Athene Galiciadis. Foto: Thomas Zirlewagen

Athene Galiciadis, In balance, 2017, Acryl auf Keramik, Plexiglas, Kirschbaumholz, 80 x 190 x 46 cm, Courtesy BolteLang. Foto: Alex Hana

Athene Galiciadis, In balance, 2017, Acryl auf Keramik, Plexiglas, Kirschbaumholz, 80 x 190 x 46 cm, Courtesy BolteLang. Foto: Alex Hana

Sundial, 2017, Plexiglas, Acryl auf Aluminium, Dimensionen variabel, Courtesy BolteLang. Foto: Alex Hana

Sundial, 2017, Plexiglas, Acryl auf Aluminium, Dimensionen variabel, Courtesy BolteLang. Foto: Alex Hana

I shall wash your shadow (black and white stripes), 2017, glasierte Keramik, Öl auf Leinen, Wasser, Lavendelöl, 14 x 50 x 50 cm, Courtesy BolteLang. Foto: Alex Hana

I shall wash your shadow (black and white stripes), 2017, glasierte Keramik, Öl auf Leinen, Wasser, Lavendelöl, 14 x 50 x 50 cm, Courtesy BolteLang. Foto: Alex Hana

Fokus

Nach ausgiebiger Reisetätigkeit und einem einjährigen Ate­lier­aufenthalt in Wald AR bereitet Athene Galiciadis momentan eine Einzelausstellung im Nidwaldner Museum in Stans vor. Anlass genug, um im Atelier der Künstlerin mit ungarisch-griechischen Wurzeln vorbeizuschauen und die im Entstehen begriffenen ­Arbeiten in Augenschein zu nehmen. Neben dem Einsatz neuer Materialien macht vor allem die räumliche Konzeption, die ­Verbindung von Bildlichkeit und Szenografie, neugierig auf die Weiterentwicklung von Galiciadis’ Werk.

Athene Galiciadis — Frischer Wind im Ornament

Es ist vermutlich nicht nur die kulturelle Sozialisation dafür verantwortlich, welche Assoziationen bestimmte künstlerische Praktiken wachrufen. Und so hatte ich nach dem Atelierbesuch das Bedürfnis, wieder einmal das Manifest ‹Ornament und Verbrechen›, 1908, des österreichisch-tschechischen Architekten und Kulturpublizisten Adolf Loos (1870–1933) zu lesen. Um es gleich vorwegzunehmen: Die rassistische Argumentation und das sprachliche Pathos des einsamen Rufers in der historistisch verbrämten «kakanischen» Wüste (so sah Loos sich selbst) – hat mit Athene Galiciadis’ künstlerischer Haltung nichts zu tun. Trotzdem: Der Text, in dem Loos gegen die industrielle Imitation handwerklicher Traditionen und die ornamentale «Verschandelung» von Werkstoffen wettert, berührt Aspekte im Spannungsverhältnis von Mate­rial und Gestaltung, von Kunst und Design, die ihr eminent wichtig sind.

Wie umgehen mit Traditionen?
Im Werk von Athene Galiciadis spielen kulturelle Traditionen eine wesentliche Rolle. Im Verlauf ihrer Ausbildung in Lausanne und im Rahmen ihrer Reisen und Atelieraufenthalte hat sie sich ein vielfältiges Repertoire erarbeitet: im Umgang mit einem ornamentalen Formenvokabular, genauer gesagt mit geometrischen und organischen Mustern, oder auch in der Handhabung spezifischer Herstellungstechniken, beispielsweise mit Keramik. Darüber hinaus prägt das Interesse für Künstlerinnen wie Ljubov Popova oder Emma Kunz ebenso ihre Arbeitsweise wie auch die Aufmerksamkeit gegenüber Dekorationsformen der Volkskunst, ornamentierten Fassaden, Elementen der Innenraumgestaltung oder antikisierender Zäune und Geländer. Die vor rund fünf Jahren begonnene Beschäftigung mit Keramik mündet u.a. in die Werkgruppe der ‹Empty sculptures›, welche die Künstlerin im Schichtaufbau fertigt und nach dem Brennen mit Acrylfarbe bemalt. Die Entscheidung für diese Form der Herstellung liegt einerseits in dem körperlichen Akt des Schichtens und Aufeinanderfügens des Rohmaterials, andererseits in der angestrebten Wirkung des Farbauftrags. Skulptur und Malerei treffen zusammen, keine der «Gattungen» übertrumpft die andere, keine ordnet sich unter. Die einfachen repetitiven Muster folgen den Rundungen der Gefässe mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit, sie kaschieren nicht die unregelmässigen Ausbuchtungen, sondern behaupten ihre Eigenständigkeit als malerische Setzung. Überträgt man den kulturhistorischen Nexus von Gefäss und Körper auf diese Arbeiten, so erscheint der Farbauftrag als Bekleidung, die eigens für einen bestimmten Körper gewählt wurde, um dessen Charakter hervorzuheben. Bezeichnend für Galiciadis’ Praxis ist auch, dass ihre Arbeiten fast durchgehend in installative Settings eingebunden sind. So entwickelt sie mit ‹stool, table & emp­ty sculptures›, 2015, ein Ensemble, in dem die erwähnten Keramikobjekte mit Tischen bzw. Plexiglasboxen in Verbindung treten. Die aus dem bürgerlichen Interieur und dem Museumskontext bekannten Präsentationsformen werden jedoch ironisch unterwandert, das Verhältnis von «Sockel» und Objekt, von schützender Haube und Preziose ist bewusst ambivalent. Bei ‹In balance›, 2017, ist das Spiel von Irritation und Verschiebung noch weiter intensiviert. Ein latentes Risiko schwingt in der Anordnung von «Schaukel» und Gefässen mit, Letztere scheinen auf der Plexiglasplatte schon fast abzurutschen – oder sind sie lediglich die notwendige Beschwerung, um die Platte ausser Balance, in der Schräge zu halten?

Szenografie des Sehens, Beweglichkeit im Bild
Für die Ausstellung in Stans hat Galiciadis neue Werkgruppen entwickelt, die zum einen die Thematik der Gefässe weiterführen, zum anderen die Verbindung von «Dekor» und Träger neu denken. So sind in Zusammenarbeit mit der Glashütte Hergiswil grosse Glasgefässe entstanden, die formal an Keramiken erinnern. Der inhärenten Materiallogik folgend, bleiben die transparenten Gefässe ohne weitere Bearbeitung – pure Materialität, deren Form unmittelbar dem Herstellungsvorgang, dem freien Ausblasen des Glaskölbels entspringt. Die malerische Geste findet sich auf ihrem angestammten Träger wieder: reduzierte geometrische Muster auf annähernd quadratischen Leinentüchern, die Ölfarbe mit Leinöl bis aufs Äusserste verdünnt, sodass das Öl über die konkrete Form ausblüht, den umgebenden Stoff sättigt und dunkel färbt. Malerei tritt nun im Bild in Erscheinung. Die gewählte Ornamentik bricht gewohnte Seherfahrungen insofern auf, als eine «normale» Bildlektüre spätestens in der zweiten Spalte des Rapports ins Strudeln gerät. Sehen als Vorgang des Suchens, des Abtastens von Rändern und Flächen; aber auch als Vergewisserung, den minimalen Abweichungen, dem gerade nicht perfekt ausgeführten Muster folgen zu können. Ergänzt werden diese Arbeiten von Gitterstrukturen und Podesten, in denen Galiciadis ihre Befragung von installativen Displays weiter vorantreibt, wie sie bspw. schon 2017 in ‹Sundial› auftreten. In eine Szenografie eingebunden, treten die Glasobjekte, Wandbilder und Holzstrukturen immer aufs Neue als Protagonisten unterschiedlicher Situationen auf: Sie ermöglichen Durchblicke respektive verstellen die frontale Ansicht, agieren als visuelle Hindernisse oder lenken das Augenmerk auf Kehrseiten und Nebenschauplätze. Über das Interesse am Räumlich-Bühnenhaften macht diese Konzeption aber auch deutlich, dass Galiciadis das Ornament als formal stabilisierendes und zugleich visuell irritierendes Element einsetzt. Hier nochmals ein Sprung zurück zur eingangs erwähnten Ornamentdebatte. Vor ihrem Hintergrund kann ‹I shall wash your shadow›, 2017, – quasi stellvertretend für Galiciadis’ Werk – als zeitgenössischer, ironischer Kommentar zu Fragen über die Angemessenheit des Dekorativen, die strenge Wahrung materialer Authentizität und ein modernistisches Credo gelesen werden. Das Lavendelöl in der Schale impliziert im übertragenen Sinn, die Hände vom Sündenfall des Ornaments reinigen zu können; zugleich animiert die Arbeit dazu, den Ballast der Diskurse abzuwerfen und Traditionen mit frischem Blick und neuen Ansätzen zu begegnen.

1 Adolf Loos, ‹Ornament und Verbrechen›, 1908, in: ders., Sämtliche Schriften in zwei Bänden, München: 1962, Bd. 1, S. 276–288 (online abrufbar auf: https://commons.wikimedia.org).

Nidwaldner Museum, Winkelriedhaus, Stans, bis 4.8.; Führung mit A. Galiciadis, 27.2.; Projekt im öffentlichen Raum, 30.4.–5.5.; Rundgang mit A. Galiciadis und B. Ruf, 4.5. 

Irene Müller, Kunstwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, lebt in Zürich, muellersbuero@gmx.ch
 
Athene Galiciadis (*1978, Altstätten SG), lebt in Zürich
2006/07 Diplôme d’arts visuels, Ecole cantonale d’art de Lausanne
2003–05 Studiengang Bildende Kunst, Zürcher Hochschule der Künste
2001–03 Kunstgeschichte, Universität Zürich
 
Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Spiraling Shifts›, Nidwaldner Museum, Stans; ‹Projectspace Downstairs›, Brooklyn NY
2017 ‹I shall wash your shadow›, BolteLang, Zürich (mit Ruby Sky Stiler)
2015 ‹stool, table & empty sculptures›, Liste Art Fair Basel, Basel
2014 ‹like a virgin›, BolteLang, Zürich; ‹Planetaria›, Galerie Emmanuel Hervé, Paris
2013 ‹Sublunatic›, sic! Raum für Kunst, Luzern
2012 ‹Trouble Rainbow III›, BolteLang, Zürich, (mit Claudia Comte & Mélodie Mousset)
 
Gruppenausstellungen (Auswahl)
2019 ‹A chair, projected›, BolteLang, Zürich
2016 ‹When Forms Become Attitude›, Kunstraum Riehen; ‹Your Memories Are Our Future›, Palais de Tokyo, Paris
2014 ‹Blackboard – White Page›, Kantonsschule Zürich Nord, Zürich
 
Until 
04.08.2019

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