Muzeum Susch — Labyrinth aus Alt und Neu

Mirosław Bałka · Narcissussusch, 2018, Edelstahlblech und elektrischer Mechanismus, Courtesy Muzeum Susch / Art Stations Foundation. Foto: Stefano Graziani

Mirosław Bałka · Narcissussusch, 2018, Edelstahlblech und elektrischer Mechanismus, Courtesy Muzeum Susch / Art Stations Foundation. Foto: Stefano Graziani

Besprechung

Anfang Jahr eröffnete die polnische Mäzenin Grażyna Kulczyk in einer ehemaligen Brauerei und mittelalterlichen Klosteranlage das Muzeum Susch – ein hochkarätiger Neuzugang in der Engadiner Kunstlandschaft. In den zwei sorgsam erweiterten Häusern trifft die globale Kunstwelt auf lokale Baukultur.

Muzeum Susch — Labyrinth aus Alt und Neu

Susch — Langsam dreht sich der Zylinder aus Edelstahlblech im Gegenuhrzeigersinn. Platziert im höhlenartigen einstigen Kühllager, versinnbildlicht die Installation ‹Narcissussusch› von Mirosław Bałka das Aufeinandertreffen zweier Zeitbegriffe: Die jahrtausendealte Felsformation und wir – die kurzlebigen Menschen – überlagern sich als verzerrte Spiegelbilder auf dem rotierenden Körper. Zusammen mit weiteren Installationen wurde das Werk spezifisch für das Museum geschaffen. Viele Künstler spielen mit dem alpinen Kontext und der historischen Baustruktur: Sara Masüger grub mit ‹Inn Reverse› unter der Eingangshalle einen grottenähnlichen, mit Acrystal ausgekleideten Tunnel. Sanft dringt das Geräusch des nahen Flusses ins Museum. In einem hohen Raum verdichtete Adrián Villar-Rojas synthetische und natürliche Fundstücke zum Totem ‹The Theater of Disappearance (XXXI)› – eine Archäologie des Anthropozäns. Verzogenes Rückgrat des Museums bildet schliesslich Monika Sosnowskas 14 Meter hohe Stahltreppe ‹Stairs› im ehemaligen Eisturm. Aber auch ältere Arbeiten wie bspw. die Figurinen ‹Flock I› von Magdalena Abakanowicz im tonnengewölbten Soussol erhalten einen intimen und passgenauen Rahmen. Das faszinierende Zusammenspiel von Architektur, Kunst und Natur ermöglichten die jungen Architekten Chasper Schmidlin und Lukas Voellmy. Sie schufen eine Vielfalt an Raumatmosphären und einen sorgfältig orchestrierten Rundgang. Immer wieder eröffnen sich Ausblicke auf die Bergwelt, virtuos ist der rohe Felsen in die Architektur integriert – ein Teil der Erweiterung basiert auf Sprengungen in den Berg. Parallel zu den installativen Arbeiten wird die Ausstellung ‹Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen› gezeigt. Wie der gleichnamige Essay der Autorin Siri Hustvedt setzt sich auch die Gastkuratorin Kasia Redsiz mit dem Begriff des Weiblichen im sozialen, politischen und künstlerischen Umfeld auseinander. Die Schau vereint rund 40 Pionierinnen der feministischen Kunst von Carla Accardi bis zu Hannah Wilke. Einen besonderen Reiz entfaltet die Gegenüberstellung von männlichen und weiblichen Bildwelten: So bilden etwa Renate Bertlmanns aufgeschlitzte, textile Häute aus der Perfomance ‹Deflorazione› ein provozierendes Gegenüber zu einer perforierten Leinwand von Lucio Fontana. Neben Ausstellungen organisiert die Institution Konferenzen, ein Forschungsprogramm und fördert die zeitgenössische Choreografie. Zurzeit entstehen auch Künstlerateliers – für das umfangreiche Rahmenprogramm erwarb Kulczyk kurzerhand zwei weitere Häuser im Dorf. 

Until 
30.06.2019

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