Pamela Rosenkranz — Alien Blue Light

Pamela Rosenkranz · Alien Blue Light, 2018, mit Paul Bodmers Freskenzyklus, 1924–34. Foto: Marc Asekhame

Pamela Rosenkranz · Alien Blue Light, 2018, mit Paul Bodmers Freskenzyklus, 1924–34. Foto: Marc Asekhame

Besprechung

Was hat ‹Alien Blue Light›, 2018, mit Katharina von Zimmern, der letzten Fraumünster-Äbtissin von Zürich, zu tun? Oder die Reformation mit uns heute? Ein temporäres Kunstwerk mit ­einer berückenden Lichtinstallation von Pamela Rosenkranz im Kreuzgang der Kirche bietet unmittelbare Antworten.

Pamela Rosenkranz — Alien Blue Light

Zürich — Die Eröffnung fand während der längsten Nacht des Jahres statt. In dem offenen Teil des Kreuzgangs mussten alle Besucher, welche die beiden Skulpturen von Pamela Rosenkranz anzuschauen versuchten, mit dem Licht eines blendenden Scheinwerfers zurechtkommen. Die eine Skulptur ist etwa menschengross und steht aufrecht, die andere, kleiner, liegt am Boden. Beide wurden maschinell in Sandstein gehauen, zudem wurden rätselhafte Formen von uralten Kultobjekten eingefräst. Beide sind mit nicht ganz transparenter Plastikfolie umhüllt. Mehrere Fensteröffnungen und eine frühere Türöffnung des Kreuzgangs strahlen ein grellblaues Licht aus und vervollständigen die ungemütliche Szene. Jedoch bei einem zweiten Besuch einige Tage später unter einem trüben Winterhimmel wirkt die Helligkeit ganz anders – sie ist ein Tonikum. Das Fraumünster existiert an dieser Stelle seit den 9. Jahrhundert; eine Reihe von Äbtissinnen haben das Gebäude sukzessiv erweitert. Katharina von Zimmern trat als Kind in der kleinen, adligen Abtei ein und wurde Äbtissin, noch bevor sie 20-jährig war. Eine permanente Installation mit einer Bodeninschrift und einem Quader der Künstlerin Anna-Marie Bauer von 2004 im Kreuzgang zitiert die Worte, mit denen von Zimmern das Kloster im Zuge der Reformation 1524 aufgelöst und die Kirche dem Stadtrat übergeben hat. Rosenkranz fügt dieser Geschichte eine weitere Ebene hinzu mit den beschriebenen Skulpturen und weiteren Sandsteintrümmern. Ihre blauen, durch die Fenster leuch­tenden Lichter wirken beunruhigend, fast ausserirdisch. Wobei die Farbe Blau in der Kunstgeschichte eine eigene Narration evoziert, vom Lapislazuli der Renaissancemalerei zum Yves-Klein-Blau. Rosenkranz knüpft daran an, mit Bezügen, die unserer modernen Lebensart entsprechen; heute ist unsere Schlaflosigkeit häufig von dem blauen Licht unserer Gerätebildschirme induziert. Nachdem das Kloster aufgelöst wurde, hat von Zimmern geheiratet und im fortgeschrittenen Alter mindestens zwei Kinder geboren. Mit diesem Wissen wird es schwierig, die verschleierte aufrechte Figur nicht als Braut zu verstehen und dazu noch als eine Frau, die an einer Zeitwende im Rampenlicht stand und triumphierte. Frühere Arbeiten von Rosenkranz suggerieren, dass wir die Opfer unserer eigenen Biologie sind. ‹Alien Blue Light› könnte dagegen unsere Anpassungsfähigkeit feiern. Warum nicht eine «À la carte»-Haltung zu Ideologien, Biologie und zum technischen Wandel, um so die Hürden des Lebens leichter zu überspringen?

Until 
20.03.2019

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