Raw Power — Lebt er noch?

Iggy Pop & The Stooges · One Night at the Whisky, 1970. Foto: Ed Caraeff / Morgan Media Partners

Iggy Pop & The Stooges · One Night at the Whisky, 1970. Foto: Ed Caraeff / Morgan Media Partners

Besprechung

Punk hiess Provokation und Verweigerung. Die Ausstellung ‹Raw Power› in der Photobastei zeigt, wie die Bewegung verschiedene Städte und Genres beeinflusste: von London bis Berlin, von Iggy Pop bis Banksy. Damals rebellierte man gegen Konformismus und Kommerz – und heute?

Raw Power — Lebt er noch?

Zürich — Mit meist nacktem, schweissbedecktem Oberkörper stand Iggy Pop mit seiner Band The Stooges in den Siebzigerjahren auf der Bühne. Mit festem Griff hielt er das Mikrofon, schleifte den Ständer über die Bühne, verausgabte sich bis zur Erschöpfung und sang mit tiefer, manchmal krächzender Stimme: «Raw power ’s got no place to go. Raw power honey it don’t want to know. Raw power is a guaranteed OD. Raw power is laughin’ at you and me.» Diese «raue Energie», mit der sich der «Godfather of Punk» im Song ‹Raw Power› von 1973 austobte, ist nun Namensgeberin der Ausstellung in der Photobastei. Iggy Pop verkörperte all das, was mit Punk in Verbindung gebracht wurde: Rebellion, Verweigerung – Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll. Seine provokative Attitüde hielten Fotografen wie Ed Caraeff und Kevin Cummins fest, deren Bilder gleich zu Beginn der Schau zu sehen sind. Doch Punk war weitaus mehr als Musik: Die Bewegung war Haltung und Lebensgefühl. So sind nun neben dokumentarischen Fotografien von den Sex Pistols und den Ramones auch jene von Vivienne Westwood zu sehen. In ihrem Laden an der King’s Road kleidete sie die Londoner Punkszene ein. Dass noch heute zerrissene Jeans und T-Shirts getragen werden, verdeutlicht, wie unerbittlich Punk zu Kleidermode degradiert wurde.
Eine ähnliche Kommerzialisierung erfuhr auch der britische Street-Artist und ­politische Aktivist Banksy. In der Schau ist das Schablonen-Graffiti ‹Girl with Balloon› zu sehen, das letztes Jahr während einer Auktion für CHF 1,2 Millionen versteigert werden sollte. Mit einem im Rahmen eingebauten Schredder wurde die Arbeit unmittelbar nach der Versteigerung zerschnitten. Am nächsten Tag bekannte sich Banksy zu seinem Streich. Diese Anti-Establishment-Haltung ist nicht nur in den Exponaten zu sehen, sondern auch im Ort selbst wiederzufinden: Die Räume der Photobastei wirken improvisiert; wenn der schwarze Stoff hinter der Videoinstallation einen Riss hat, wird er mit Panzertape wieder zusammengeklebt. Neben der Punkszene aus London oder New York ist auch jene aus Moskau oder Berlin vertreten. So in den Porträts des Berliners Sven Marquardt, in denen  Schmerz- und Geschlechtergrenzen überschritten und Normativität für nichtig erklärt wird. Als die Photobastei die Bilder von Marquardt auf ihrer Facebook-Seite postete, wurde diese aufgrund sexueller Inhalte gesperrt. Hoffen wir, dass sich die heutige Rebellion nicht auf diejenige gegen Facebook-Richtlinien beschränkt. Das wäre wohl nicht das, was sich der Godfather of Punk für die Zukunft gewünscht hätte. 

Until 
03.03.2019
Exhibitions/Newsticker Datesort ascending Type City Country
Raw Power 11.01.2019 to 03.03.2019 Exhibition Zürich
Schweiz
CH

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