Till Velten – Genie & Übermut

Till Velten · Peccu Frost, Genie und Übermut, Produktionsstill, 2018, Courtesy Galerie Nicola von Senger

Till Velten · Peccu Frost, Genie und Übermut, Produktionsstill, 2018, Courtesy Galerie Nicola von Senger

Hinweis

Till Velten – Genie & Übermut

Zürich/Warth — Der deutsche Künstler Till Velten (*1961, Wuppertal) ist derzeit sehr präsent. Nicht nur im Kunstmuseum Thurgau läuft seit Oktober 2018 eine grosse Ausstellung des Konzeptkünstlers, sondern auch in der Galerie Nicola von Senger in Zürich. An beiden Orten bleibt Velten seiner künstlerischen Agenda treu und porträtiert Menschen, die es seiner Meinung nach verdienen, mit einem Porträt geehrt zu werden. Und für Velten ist nie die Prominenz oder das Aussehen entscheidend, sondern die Geschichten der Menschen, die er in ausführlichen Interviews mit seinen Sujets erfragt und schliesslich künstlerisch verwertet: So begegnet man im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen zum Beispiel einer Therapeutin, einem Gärtner oder einer Blinden, die sich durch den Verkehr der Stadt bewegt. Diese Porträts setzt er in Dialog zu Skulpturen des Aussenseiterkünstlers Erich Bödeker (1904–1971). Dieser war mit seinem Vater befreundet und hatte vor Jahren ein Porträt der Velten-Familie geschaffen, das sich heute im Besitz des Kunstmuseums Thurgau befindet. In der Galerie Nicola von Senger in Zürich richtet sich der Fokus von Till Velten auf eine Person, was den Ausstellungsbesuch ebenfalls als intime Auseinandersetzung mit der Geschichte einer einzigen Person definiert. Die Kunstfigur des finnischen Sängers Peccu Frost, der bereits 2017 in dem von Till Velten in Luzern mitinitiierten Grossprojekt ‹symphony.land› in Erscheinung trat, steht im Mittelpunkt: In zwei Videoarbeiten begegnet man einem Laien, der buchstäblich um sich selbst kreist und Arien der Oper ‹King Arthur› singt; sich herantastet an stimmliche Höhen und andere schwierige Passagen und dabei auch immer wieder scheitert. Interessant an dieser Endlosschleife, oder auch ganz grundsätzlich an der porträtierenden künstlerischen Arbeit, ist ja die Tatsache, dass man immer nur fragmentarische Momente erfassen kann, die repräsentieren sollen, wer ein Mensch und was sein Wesen ist. Damit dieses keinesfalls triviale Vorhaben gelingt, braucht es Empathie und Präzision. Über all diese Eigenschaften scheint Velten zu verfügen, denn niemals erhebt er sich über seinen Gesprächspartner, sondern beobachtet ihn durch die Folie seines eigenen künstlerischen Werks fast zärtlich und immer mit respektvoller Sensibilität. Hypnotisiert verharrt man vor Peccu Frost, freut sich mit ihm über jede gelungene Gesangspassage, hadert mit jedem Scheitern und kann durch diese allgemeingültigen Empfindungen im Prozess auch etwas über sich selbst erfahren – ohne je eine Arie anstimmen zu müssen.

Until 
02.03.2019

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