Lydia Ourahmane — Möblierung

Lydia Ourahmane · Barzakh, Ausstellungsansichten Kunsthalle Basel, 2021. Fotos: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Lydia Ourahmane · Barzakh, Ausstellungsansichten Kunsthalle Basel, 2021. Fotos: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Lydia Ourahmane · Barzakh, Ausstellungsansichten Kunsthalle Basel, 2021. Fotos: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Lydia Ourahmane · Barzakh, Ausstellungsansichten Kunsthalle Basel, 2021. Fotos: Philipp Hänger / Kunsthalle Basel

Besprechung

In die Kunsthalle Basel hat Lydia Ourahmane ihre ganze Wohnung übersetzt. Kühlschrank, Bett, Kübelpflanzen, Bücher ­gehören zur Installation, in die zudem Abhörgeräte unter Glas­hauben und eine Arbeit mit Laserstrahlen integriert sind. ­Einiges artikuliert sich erst im Kontakt, persönlich oder per Telefon.

Lydia Ourahmane — Möblierung

Basel — In einer Steckdose auf Knöchelhöhe leuchtet ein Nachtlicht. Sein Gehäuse imitiert ein Haus mit Giebeldach und Balkon. Das banale Ding weckt ein Gefühl der Intimität, als ob aus dem schummrigen Licht eine Gutenachtgeschichte spräche. Jedenfalls ist es ein sprechendes Detail in der Installation von Lydia Ourahmane (*1992, Saïda, Algerien). Mit ungefähr 5000 Gegenständen reartikuliert ‹21 Boulevard Mustapha Benboulaid›, 2021, in Basel einen Raum, den Ourahmane vor der Pandemie in Algier bewohnt hatte. Neben ihren Gebrauchsgegenständen haben die Möbel, Leihgaben der Familie der Vormieterin, eine eigene Geschichte: Sie stammen aus einem deutschen Haushalt, aus dem sie 1962 nach Algier gelangten. Dort blieben sie seither in derselben Wohnung, gelegen in Kolonialarchitektur nahe der Küste, ausgestattet mit Eckkaminen – und Balkon.
Seit den 1960ern gelten in Algerien strenge Gesetze über die Ausfuhr gewisser Güter, etwa Kunst oder Erde. Auch einen Haushalt darf man zwar exportieren, aber bloss einmal wieder importieren. Die aus ihrer Verankerung gerissene Wohnungstür nach Basel zu bringen, ist auch eine Art persönlicher Wetteinsatz. So greifen in ‹21 Boulevard Mustapha Benboulaid› Gesetzgebung, Biografie und Erzählung ineinander. Die Gegenstände haben sich durch ihre Übersetzung in den Ausstellungsraum verändert. Denkt man an Umberto Ecos Metapher des «möblierten» Raums fiktiver Welten wie der tatsächlichen Welt, der anders als der «leere» Raum der Mathematik mit individuellen Eigenschaften ausgestattetet ist, so erscheint die Kunsthalle gleich mehrfach und überlappend möbliert. Ourahmane dehnt die Grenzen dieser Überlappungszone weiter aus. Die Laser-Installation ‹Eye› übersetzt greifbare Hindernisse (Körper, Schnee) in Geräusche, während über Abhörgeräte im Raum, beispielsweise ‹+41 76 655 48 55›, sich Externe unbemerkt in die Umgebung einwählen können. Die Glashaube über den Abhörgeräten wiederum zitiert die unter verschiedenen Kulturen verbreitete Praxis der Schädelverlängerung, eine Art «Draht nach oben». Die Ausdehnung auf den Themenkomplex von Überwachung und metaphysischem Kontaktbedürfnis hat einen leicht verschwommenen Effekt, ähnlich einer Überbelichtung. Etwas erinnert zuletzt tatsächlich an eine Möbelausstellung: das Licht, das Intimität, ein Wohnlichsein entsprechend der Tageszeit simuliert. 

Until 
05.04.2021
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Lydia Ourahmane 02.03.2021 to 16.05.2021 Exhibition Basel
Schweiz
CH
Artist(s)
Lydia Ourahmane
Author(s)
Meredith Stadler

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