Gilbert & George — Was bist du nun? Bigot or Liberal?

City Drop, 1991, Mischtechnik, 253 x 497 cm, Courtesy Gilbert & George

City Drop, 1991, Mischtechnik, 253 x 497 cm, Courtesy Gilbert & George

Queer, 1977, Mischtechnik, 300 x 250 cm, Courtesy Gilbert & George u. Astrup Fearnley Collection, Oslo

Queer, 1977, Mischtechnik, 300 x 250 cm, Courtesy Gilbert & George u. Astrup Fearnley Collection, Oslo

The Great Exhibition 1971–2016, Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich & Luma Westbau. Foto: Stefan Altenburger

The Great Exhibition 1971–2016, Ausstellungsansicht Kunsthalle Zürich & Luma Westbau. Foto: Stefan Altenburger

Astro Star, 2013, Mischtechnik, 254 x 453 cm, Courtesy Gilbert & George

Astro Star, 2013, Mischtechnik, 254 x 453 cm, Courtesy Gilbert & George

Gilbert & George, 1971, Courtesy Gilbert & George. Foto: Julian Cottrell

Gilbert & George, 1971, Courtesy Gilbert & George. Foto: Julian Cottrell

Fokus

Seit fünfzig Jahren machen Gilbert & George nicht nur Kunst, sondern sind es auch. ‹The Great Exhibition› in der Kunsthalle Zürich und im Luma Westbau ist eine dichte Schau, die alles vereint, was das Leben ausmacht. Ein Exkurs über das Schaffen der britischen Künstler durch die ekstatischen Höhen und abgründigen Tiefen der menschlichen Existenz.

Gilbert & George — Was bist du nun? Bigot or Liberal?

Dass Kunst Liebe, Sex und Tod thematisiert, ist normal geworden, vielleicht sogar selbstverständlich. Doch das war nicht immer so. Nicht Ende der Sechzigerjahre, als sich Gilbert Prousch und George Passmore in London kennenlernten. Es war die Zeit der Minimal Art; die Zeit der Form, nicht der Emotion, wie es die britischen Künstler beschreiben. «Es ging um Linie und Fläche, Schwarz und Weiss, um Reinheit und Reduktion», erinnert sich George. «Gefühle galten als Low-Class-Nonsense.» Liebe, Tod – damit hatte Kunst nichts zu tun. Sie war für ein elitäres Publikum bestimmt. Das bekamen die beiden Künstler an der St. Martin’s School of Art zu spüren, wo sie Bildhauerei studierten. Was Kunst war und wie sie zu sein hatte, wurde von ­einer kleinen Gruppe diskutiert: von Professoren, von Studentinnen und Studenten, die Begriffe verwendeten, die niemand ausserhalb des Schulgebäudes verstehen würde. War das wirklich alles, was Kunst zu bieten hatte? Gilbert & George wollten mehr: nicht reduzieren, sondern provozieren, nicht ausgrenzen, sondern miteinbeziehen. Sie wollten Kunst, die das Leben einfängt; sie wollten Kunst, die Leben ist.

Lebende Skulptur
«Wir haben uns damals gefragt: Wie schaffen wir es, die Öffentlichkeit mit unserer Kunst anzusprechen?», sagt Gilbert. Sie suchten nach der Antwort, bis sie diese eine «geniale Idee» hatten: Es reichte nicht, Künstler zu sein. Sie mussten zur Kunst selbst werden. Denn so konnten sie Kunst schaffen, die menschlich ist, die Gefühle hat: die glücklich oder unglücklich sein kann, trunken oder voll von sexuellem Verlangen. «Das Publikum ist wie wir – und wir sind nicht anders als das Publikum», fährt Gilbert fort. «Wir tragen all diese Gefühle in uns, auf die wir gegenseitig reagieren können. Ohne ein Gegenüber, das bejaht oder verneint, würde nicht viel übrig bleiben.» So wurden Gilbert & George zur ‹Living Sculpture› und betonen dabei stets: Zur lebenden Skulptur zu werden, war nicht bloss ein künstlerisches Konzept, sondern eine Notwendigkeit. Nicht etwas, das sie vorgaben, sondern etwas, das sie lebten. «Wir sind die Living Sculpture.» Ab sofort lautete ihr Credo «Art for all», Kunst für jede und jeden. «We want Our Art to speak across the barriers of knowledge directly to People about their Life and not about their knowledge of art», schrieben sie 1986. Ende der Sechzigerjahre folgten die ersten Performances. In ‹Singing Sculpture›, die sie erstmals 1969 an der St. Martin’s School aufführten, standen Gilbert & George in ihren bourgeoisen Anzügen auf einem Tisch und sangen das Lied ‹Underneath the Arches›, das die britischen Sänger Flanagan and Allen Ende der Zwanzigerjahre als Reaktion auf die Wirtschaftskrise komponiert hatten. Ein Kontrast, der provozierte: Lyrics, die Armut und soziale Ungleichheit thematisieren, begleitet von einer fröhlichen Melodie, gesungen von zwei weissen Männern, die mit ihrem Erscheinungsbild der oberen Mittelschicht zugehörig schienen. Das war die ‹Singing Sculpture›. Frank Martin, der damalige Studiengangleiter, verliess nach einigen Minuten den Raum. Kunst für alle, Kunst, die bewegt, die fühlt – das war damals nicht gefragt. Nach dem Studium fanden sich Gilbert & George in einer Realität wieder, in der sie keinen Platz hatten: Sie bekamen keine Stipendien, hatten kein Geld für ein eigenes Atelier. So verbrachten sie ihre Tage und Nächte auf den Strassen Londons. «Dort finden wir noch heute unsere Inspiration. Es interessiert uns, was vor unserer Haustür passiert, nicht was in der Kunstwelt gerade aktuell ist», sagt Gilbert, wobei George sogleich anfügt: «Wir wollen fühlen, was das Leben ausmacht. Wir wollen die Wahrheit finden, die Bedeutung, die Liebe. Die Leidenschaft, welche die Kunst antreibt.» In den frühen Siebzigerjahren begannen sie, Menschen und Orte zu fotografieren, arrangierten die Aufnahmen zu grossformatigen Kompositionen, welche die damalige Stimmung vergegenwärtigen: politische Unzufriedenheit, Diskriminierung, Wut, Aggression, die aufkommenden Punkszene. In der Serie ‹The Dirty Words Pictures› kombinierten Gilbert & George Graffitis von Wörtern wie «Shit», «Cunt» oder «Rich» mit weiteren Fotografien der Stadt. So vereinten sie etwa das Wort «Queer» mit einer Panoramaaufnahme der St. Paul’s Cathedral, mit Fotografien von eingeschlagenen Fenstern, einsamen Obdachlosen, deren Gesichter von den starken Hell-Dunkel-Kontrasten verborgen werden. Ein destilliertes Porträt der Stadt mit all den absurden Gegensätzen, die sie ausmachen: Bigotterie, Sex, Klassenkämpfe.

Herauslocken
Was sich bereits in den Siebzigerjahren anbahnte, wurde später zum expliziten Bildinhalt: Religion, Diskriminierung, gesellschaftliche Tabus wie Homosexualität und menschliche Exkremente. In ‹Buggery Faith›, einem farbenfrohen Piktogramm, sind vier Penisse zu sehen, die von allen Himmelsrichtungen ins Bild ragen und ein Kreuz formen. So vereinen Gilbert & George Symbole für Homosexualität und Religion und stellen sie einander gegenüber. Eine bewusste Provokation. «We want our Art to: bring out the Bigot from inside the Liberal and conversely to bring out the Liberal form inside the Bigot» lautet ein Statement der beiden Künstler von 1996. Dogmatismus und Homophobie werden unmittelbar zur Sprache gebracht mit einer kindlichen, fast schon harmlos wirkenden Ästhetik. Gilbert & George spielen mit sozialen Codes und Allegorien, die mit unterschiedlichen Bedeutungen aufgeladen werden: je nach Perspektive, je nach Kontext, je nachdem, wie die Elemente kombiniert werden. Was passiert mit unserer Wahrnehmung, wenn Penis und Kreuz aufeinandertreffen? Wenn bombenähnliche Objekte und Burkas in ein und demselben Bild vereint werden? Womöglich erscheinen die Werke von Gilbert & George auf den ersten Blick als simpel, als banale Form von Provokation – doch das sind sie keineswegs. Indem sie gesellschaftliche Fragen so unmittelbar präsentieren, sind sie nicht zu überlesen. Unmöglich, sich den Bildern zu entziehen, die so dicht aneinandergereiht sind, dass man fast keine Verschnaufpause hat. Unmöglich, die Blicke der beiden Künstler abzuwenden, die einen aus ihren Werken anstarren, erwartungsvoll, als ob sie fragen würden: Und, was bist du nun? Bigot or Liberal?

Giulia Bernardi ist freie Autorin, lebt in Zürich. giulia.bernardi@outlook.com

→ ‹The Great Exhibition, 1971–2016›, Luma Westbau und Kunsthalle Zürich, bis 10.5.; Publikation: ‹The Great Exhibition – Gilbert & George›, Heni Publishing, London, 2018
www.kunsthallezurich.chwww.westbau.com
→ ‹Gilbert & George›, Museo Casa Rusca, Locarno, 5.4.–18.10. ↗ www.museocasarusca.ch

Until 
10.05.2020

Gilbert & George leben in London
Gilbert Prousch (*1943, St. Martin in Thurn, IT) und George Passmore (*1942, Devon, GB)
1967 Zusammentreffen in der Saint Martin’s School of Art, London, treten seither gemeinsam auf

Einzelausstellungen (Auswahl)
2015 ‹The Early Years›, The Museum of Modern Art, New York
2010 ‹Jack Freak Pictures›, Centro de arte contemporáneo de Málaga/Museum of Contemporary Art, Zagreb/Palais des Beaux-Arts, Brüssel
2007 ‹Major Exhibition›, Tate Modern, London und Haus der Kunst, München
2005 ‹Gingko Pictures›, La Biennale di Venezia, British Pavilion
2002 ‹The Dirty Words Pictures›, Serpentine Gallery, London
1996 ‹The Naked Shit Pictures›, Stedelijk Museum, Amsterdam
1993 ‹China Exhibition›, The National Art Museum of China, Beijing/Shanghai Art Museum
1992 ‹The Cosmological Pictures›, Kunsthalle Zürich/Wiener Secession
1971 ‹The Paintings›, Whitechapel Gallery, London/Stedelijk Museum, Amsterdam/Kunstverein Düsseldorf

Gruppenausstellungen (Auswahl)
1985 ‹Carnegie International›, Carnegie Museum of Art, Pittsburgh
1984 ‹Turner Prize 1984›, Tate Britain, London
1972 ‹documenta 5›, documenta, Kassel

Institutionen Country City
Kunsthalle Zürich Switzerland Zürich
Luma/Westbau Switzerland Zürich
Museo Casa Rusca Switzerland Locarno
Exhibitions/Newsticker Date Typesort descending City Country
Gilbert & George 22.02.2020 to 12.07.2020 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Gilbert & George 12.05.2020 to 12.07.2020 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Gilbert & George 16.05.2020 to 18.10.2020 Exhibition Locarno
Schweiz
CH

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