Résister, encore — Die Kunst des Widerstands

Banu Cennetoğlu, Thomas Hirschhorn, Félix Vallotton und Sigalit Landau · Résister, encore, ­Ausstellungsansicht MCBA, Lausanne, 2022. Foto: MCBA

Banu Cennetoğlu, Thomas Hirschhorn, Félix Vallotton und Sigalit Landau · Résister, encore, ­Ausstellungsansicht MCBA, Lausanne, 2022. Foto: MCBA

William Kentridge · Notes Towards a Model Opera, 2014/15, Ausstellungsansicht MCBA, 2022. Foto: MCBA

William Kentridge · Notes Towards a Model Opera, 2014/15, Ausstellungsansicht MCBA, 2022. Foto: MCBA

Besprechung

Die letzte Schau von Bernard Fibicher, abtretender Direktor des MCBA in Lausanne, ist ein Manifest für die freie Kunst. Er fokussiert auf diesen Aspekt als einen für eine demokratische, egalitäre Gesellschaft entscheidenden Ort des konstanten Widerstands gegen jede Form von Ungerechtigkeit und Zerstörung.

Résister, encore — Die Kunst des Widerstands

Lausanne — Die mit ‹Résister, encore› betitelte Schau kann nicht nur als Gegengift zu einer mit belangloser Extravaganz um Marktanteile am Luxusgeschäft buhlende Kunst verstanden werden. Sie distanziert sich auch von den immer wieder aufflammenden Ansätzen, Kunst für bestimmte Zwecke zu instrumentalisieren, statt sie als individuelle Äusserung stehen zu lassen. Kurator Bernard Fibicher führt vor Augen, dass sich die freie Kunst, wie sie sich seit dem Humanismus als persönliche Formulierung derjenigen herausgebildet hat, die sie geschaffen haben, des Zugriffs von Politik und Religion, ja sogar Ästhetik entzieht. Und gerade deshalb differenziertere Blicke auf das ermöglicht, was uns alle angeht.
Die Ausstellung beginnt mit der Holzschnittserie ‹C’est la guerre›, 1916, von Félix Vallotton, der darin als ebenso besessener Formalist wie erschütterter Intellektueller die Gewalt im Ersten Weltkrieg spiegelte. Zwischen den sechs Bildern ist ein Video von Sigalit Landau (*1969, Jerusalem) platziert, der ersten von zwölf zeitgenössischen Kunstschaffenden, denen Fibicher die Rolle zuerkennt, das Unerträgliche in Verbindung mit der Erinnerung an ein gutes Leben in künstlerisch vollendeter Form zu artikulieren. Gegenüber ihrem Nackttanz mit einem Hulahoop-Reifen aus Stacheldraht an der einzigen natürlichen Grenze von Israel zum Meer steht das eindrückliche Mahnmal von Banu Cennetoğlu (*1970, Ankara) für die kurdische Journalistin Gurbetelli Ersöz. Die Künstlerin übertrug das Tagebuch der Kurdin aus den Jahren 1995–1997, als diese für die Befreiung ihres Volkes zu den Waffen griff – eine fatale Entscheidung, die sie mit ihrem Leben bezahlte –, auf druckfertige Lithografie­steine, die sie nun auf einem Metallgestell präsentiert. Damit weicht die Ausstellung auch dieser nun plötzlich brennenden Frage nicht aus, was das Konzept zivilen Ungehorsams gegen einen vor nichts Halt machenden Despotismus ausrichten kann.
Letztlich lädt die Schau auf beiden Ausstellungsplattformen des Hauses plus im Projektraum zu einem Spaziergang zwischen Werkblöcken und Einzelarbeiten ein, die schlicht und einfach zum Besten gehören, was an Kunst in diesem Jahrhundert bisher hervorgebracht wurde. Den Schluss bildet eine ergreifende Vision von Demokratie von Kimsooja (*1957, Daegu). Sie legt hautfarbene Lehmklumpen bereit, aus denen wir zwischen unseren Handflächen Kugeln formen können, um sie auf einem sanft und warm beleuchteten Holztisch zu deponieren und so zu einem Kollektivwerk beizutragen. Schönheit pur! 

Until 
15.05.2022

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