Martin Disler — Die Umgebung der Liebe

Martin Disler, Die Umgebung der Liebe, 1981 (Ausschnitt), Saalaufnahme Bündner Kunstmuseum Chur. Foto: Ralph Feiner

Martin Disler, Die Umgebung der Liebe, 1981 (Ausschnitt), Saalaufnahme Bündner Kunstmuseum Chur. Foto: Ralph Feiner

Besprechung

Das Bündner Kunstmuseum zeigt das 1981 in Stuttgart entstandene Panoramabild ‹Die Umgebung der Liebe› von Martin Disler, das seit 1987 nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen war. Die Präsentation ruft Erinnerungen an einen aussergewöhnlichen Schweizer Maler wach.

Martin Disler — Die Umgebung der Liebe

Chur — Extase, Lust, Erschöpfung, Diskussion. Ein Lieferwagen voller Gouache­farbe, Meter von breitem Nesseltuch, Spachtel, Besen, Pinsel. Der Solothurner Künstler Martin Disler (1949–1996) malte das gewaltige vierteilige Monumentalbild im Jahr 1981 am Boden des Württembergischen Kunstvereins Stuttgart in einer immensen Aktion während nur vier Nächten: jede Nacht ein Bild von 35 Metern Länge. «In Wirklichkeit war die Arbeit eher mit Schwimmen vergleichbar, mit Tanzen, mit Schlittschuhlaufen und mit Sich-auf-dem-Bett-Wälzen.» (Martin Disler, 1982) Irene Grundel, seine damalige Partnerin und selbst auch Künstlerin, seht auf einer vier Meter hohen Leiter im Raum und kommentiert, dirigiert, erweckt den Künstler im Bild. Das monumentale Gemälde ist wohl das legendärste Werk des Schweizer Exponenten der neuen expressiven Malerei der Achtzigerjahre. Nur wenige haben das Bild damals in Stuttgart gesehen – unter anderem auch der Kurator des Bündner Kunstmuseums Stephan Kunz. Martin Disler hatte damals an mehreren Gemälden gearbeitet, die mächtig in den Raum hineinragen. 1980 wurde er in die Kunsthalle Basel eingeladen und schuf ‹Invasion durch eine falsche Sprache›. 1983 folgte die Arbeit ‹Die Mauer fliesst›, Gouache und Acryl in sechs Papierbahnen, die heute dem Kunstmuseum St.Gallen gehört. Die gewaltigen Grossformate hatten ihn gepackt. ‹Die Umgebung der Liebe› wurde 1987 zum letzten Mal im Kunstverein Stuttgart in einem offenen, fast quadratischen Saal gezeigt. Um es auszustellen, braucht es besondere räumliche Gegebenheiten, die im Erweiterungsbau des Bündner Kunstmuseums – zwar ohne offene Mitte – vorhanden sind. Die Besucher/innen betreten den Raum durch das Treppenhaus und schreiten dann das Bild um einen zentralen quadradtischen Einbau ab. Violetter Frauenkörper, ein gelbes Haus, Rot wie Blut, ein abgeschnittener Kopf. Lachsfarbener Körper, violette Vulva bis zur Brust, liegender grün-gelber Mann, schwarzes aufgerissenes Maul. Spiesse, Knüppel. Wir gehen ein zweites Mal herum. Ein drittes Mal, ein viertes … Beim mehrmaligen Umschreiten wird erfahrbar, mit welch malerischer Wucht Martin Disler sein Liebespanorama und die Umgebung – Welt, Natur, Gewalt, Lust, Tod – formuliert hatte. Endlos berühren sich die Körper, fliessen ineinander, um sich zugleich wieder in aller Heftigkeit in ­ihrer Vereinzelung zu behaupten. Wir werden umflutet von diesem Bild, werden aber auch auf Distanz gehalten, weil nicht alles gleichzeitig zu sehen ist. Die Unfasslichkeit des Bildes wird so durch die Architektur noch verstärkt. 

Until 
26.05.2019
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Martin Disler. Die Umgebung der Liebe 16.02.2019 to 26.05.2019 Exhibition Chur
Schweiz
CH
Artist(s)
Martin Disler
Author(s)
Sibylle Omlin

Advertisement