Digitale Kunst / epidemiC, biennale.py, 2001

Eva und Franco Mattes · (0100101110101101.org) / epidemiC, biennale.py, 2001

Eva und Franco Mattes · (0100101110101101.org) / epidemiC, biennale.py, 2001

Hinweis

Digitale Kunst / epidemiC, biennale.py, 2001

Curator’s Choice — Beim Stichwort Virus denken wir in dieser Rubrik nicht nur an die organische «Wetware», sondern auch an digitale Software. Aus aktuellem Anlass ist hier deshalb vom wohl berühmtesten Virus der Medienkunstgeschichte die Rede. Eva und Franco Mattes, die damals als anonymes Kollektiv unter dem Namen 0100101110101101.org agierten, und das Hacking-Kollektiv epidemiC lancierten an der Venedig Biennale 2001 ein Computervirus und verbreiteten es per E-Mail, über die Biennale-Website, auf T-Shirts und in Magazinen gedruckt und verkauften es auf goldenen CD-ROMs an Kunstsammlungen. ‹Biennale.py› war vergleichsweise harmlos. Es verbreitete sich selbständig, aber wohl nicht massenhaft, brachte einige Programme zum Absturz (nur solche der damals relativ neuen Python-Programmiersprache), liess sich aber einfach entfernen beziehungsweise wurde bald von den Antivirus-Programmen blockiert. Die Hersteller der Virenschutz-Software waren von den Kunstkollektiven selbst informiert worden, die zudem im Code ihre Signatur hinterliessen. Mehr als um das Infizieren der Computersysteme ging es um das Eindringen in die Aufmerksamkeitsökonomie des Kunstsystems, direkt im alteuropäischen Herz dieses Systems, der Venedig Biennale. Und dies gelang, nicht zuletzt, weil damals Computerviren noch etwas Neues waren und in aller Munde. Im Jahr zuvor hatte etwa das I-love-you-Virus grossen Schaden verursacht. Eva und Franco Mattes hatten bereits einige Erfahrung mit Provokationen und wussten, dass Radikalitätsposen junger Kunstschaffender und Tabubrüche in der Kunst reüssieren können. Die Lancierung von biennale.py im slowenischen Pavillon war denn auch überlaufen, es gab einen Run auf die T-Shirts, unzählige Medienberichte und besorgte Kritik, mit Computersicherheit sei auch im Namen der Kunst kein Schabernack zu treiben. Die Biennale war übrigens in dem Jahr unter anderem von der Firma Microsoft gesponsert, die nun mithalf, ein Virus zu verbreiten. Zwei Jahre nach der Biennale entstand eine weitere Form der Arbeit als Objekte in Form von zerlegten Computern in Plexiglaskisten, die das Virus endlos installieren und deinstallieren. Der Quellcode des Virus kann weiterhin auf der Website von Eva und Franco Mattes heruntergeladen werden. Mein Vorschlag zum Zeitvertreib während der Corona-Isolation: Vielleicht haben Sie noch einen alten Computer im Keller und installieren sich dort das ‹biennale.py›-Virus? 

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