Public Art / Max Bill — Pavillon-Skulptur

Max Bill · Pavillon-Skulptur, 1983, 63 Schwarzwaldgranit-Blöcke, je 42 x 42 x 210 cm, total 4 x 5 x 20 m © ProLitteris, Kunstsammlung der Stadt Zürich. Foto: Samuel Herzog

Max Bill · Pavillon-Skulptur, 1983, 63 Schwarzwaldgranit-Blöcke, je 42 x 42 x 210 cm, total 4 x 5 x 20 m © ProLitteris, Kunstsammlung der Stadt Zürich. Foto: Samuel Herzog

Hinweis

Public Art / Max Bill — Pavillon-Skulptur

Zürich — Als ich das letzte Mal hier entlang­gelaufen bin, brachte sich gerade eine rothaarige Russin in Gucci-Vollmontur zwischen zwei Granitpfeilern so in Position, dass man ihren stattlichen Busen unmöglich übersehen konnte. Sie wurde von einer kichernden Freundin angeleitet, die ein paar Meter vor ihr kauerte und mit einem riesigen, diamantenbesetzten Smartphone dafür sorgte, dass der vergängliche Moment sich in die Unendlichkeit der digitalen Netze würde ausstrecken können. Die ‹Pavillon-Skulptur› von Max Bill (*1908, Winterthur – 1994, Berlin), die seit ihrer Aufstellung 1983 wohl schon endlose Male als Kulisse gedient hat, ist aber nicht nur bei Touristen beliebt, sie ist auch ein populärer Picknickplatz. Um die zwei Frauen herum sassen auf den diversen Steinquadern, die zur Plastik gehören, junge Männer in dunklen Anzügen und kauten zufrieden gefüllte Focaccie, Piadine oder Brezel. Alle hatten sie die Beine weit gespreizt, die polierten Lederschuhe auseinandergestellt, denn man weiss ja nie, ob so sein Sandwich nicht plötzlich etwas Cocktailsauce ausspuckt oder ein öliges Cherrytomätchen fallen lässt – und wenn man für eine Bank arbeitet, dann ist ein unbeflecktes Auftreten eben Pflicht. Nur wenige nahmen das kleine Cabaret der zwei Russinnen zur Kenntnis, die meisten nutzen die Mittagspause, um mit der brötchenfreien Hand durch Chats oder Pins, News oder Nonsens zu scrollen. Touristen, die irgendwelchen Unfug anstellen und sich dabei fotografieren lassen, kann man im Umkreis von Zürichs legendärer Einkaufsmeile ja gewöhnlich auf Schritt und Tritt beobachten. Im Moment allerdings machen sich die ausländischen rar. Jetzt sind es die inländischen selbst, die hier fotografieren, nicht die Skulptur indes, sondern die menschenleere Bahnhofstrasse. Der Pavillon von Bill macht aber sowieso keinen Unterschied zwischen Heimischen und Fremden, er gibt allen einen Rahmen, die hier durchgehen, ob sie es wollen oder nicht. Allerdings sind im Moment so wenige Menschen unterwegs, dass fast jeder auf dieser Bühne einen kleinen Soloauftritt hat – obwohl es wieder Mittagszeit ist und eine milchige Frühlingssonne angenehm wärmt. Im Moment haben hier viele eine Gesichtsmaske auf, manche tragen auch Gummihandschuhe oder sogar eine Sonnenbrille kombiniert mit einem Regenanorak. Ich habe Freunde, die freuen sich, dass jetzt niemand mehr fliegt, dass die rücksichtslose Klimakillergesellschaft jetzt endlich tüchtig eins aufs Dach kriegt. Ich versuche, mich mit ihnen zu freuen. Aber wenn ich jetzt gerade an die vollbusige Dama Gucci denke, beschleicht mich doch eher ein wehmütiges Gefühl. 

→ Ecke Bahnhofstrasse/Pelikanstrasse ↗ www.stadt-zuerich.ch (Hochbaudepartement, Kunstsammlung) ↗ www.sikart.ch

Artist(s)
Max Bill
Author(s)
Samuel Herzog

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