Kosmos Emma Kunz — Wie weit geht Kunst?

Emma Kunz · Werk Nr. 172, undatiert, Farbstift auf Papier, ø 68, (Blattmass) © Emma Kunz Stiftung. Foto: Conradin Frei

Emma Kunz · Werk Nr. 172, undatiert, Farbstift auf Papier, ø 68, (Blattmass) © Emma Kunz Stiftung. Foto: Conradin Frei

Emma Kunz am Arbeitstisch in Waldstatt, 1958, Staatsarchiv AR, Nachlass Werner Schoch

Emma Kunz am Arbeitstisch in Waldstatt, 1958, Staatsarchiv AR, Nachlass Werner Schoch

Mathilde Rosier · Blind Swim 6, 2017; Intensive field and the electric body, 2020; Blind Swim 22, 2018, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau. Foto: Conradin Frei

Mathilde Rosier · Blind Swim 6, 2017; Intensive field and the electric body, 2020; Blind Swim 22, 2018, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus Aarau. Foto: Conradin Frei

Mai-Thu Perret · Untitled (after no. 067), 2020, Neonröhren, ø 15 mm, 6 Transformatoren, 350 x 470 cm, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau, Courtesy Galerie Francesca Pia, Zürich. Foto: Conradin Frei

Mai-Thu Perret · Untitled (after no. 067), 2020, Neonröhren, ø 15 mm, 6 Transformatoren, 350 x 470 cm, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau, Courtesy Galerie Francesca Pia, Zürich. Foto: Conradin Frei

Dora Budor · Origin II (Burning of the Houses), 2019 (Detail). Foto: Conradin Frei

Dora Budor · Origin II (Burning of the Houses), 2019 (Detail). Foto: Conradin Frei

Rivane Neuenschwander (in Zusammenarbeit mit Guto Carvalhoneto und Lucas Nascimento) · The Name of Fear, seit 2013, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: Conradin Frei

Rivane Neuenschwander (in Zusammenarbeit mit Guto Carvalhoneto und Lucas Nascimento) · The Name of Fear, seit 2013, Installationsansicht Aargauer Kunsthaus, Aarau. Foto: Conradin Frei

Fokus

Das disziplinübergreifende Denken, das dem Wirken der Forscherin Emma Kunz zugrunde lag, manifestiert sich auch in der zeitgenössischen Kunst. Etwa wenn Kunstschaffende durch ­recherchebasierte Prozesse gesellschaftliche Befindlichkeiten visualisieren. Dies wird im Aargauer Kunsthaus deutlich, wo fünfzehn Positionen mit Emma Kunz in Dialog treten.

Kosmos Emma Kunz — Wie weit geht Kunst?

Schweifen wir kurz ab, bevor wir über die Ausstellung von Emma Kunz sprechen. Wir befinden uns mitten im Joseph-Beuys-Jahr: Im Mai hätte der deutsche Künstler seinen 100. Geburtstag gefeiert. Ein Jubiläum, das nun Überlegungen zur Definition von Kunst, wie Joseph Beuys sie einst anregte, erneut laut werden lässt. Mit seinem «erweiterten Kunstbegriff» wollte er nicht nur die Grenzen zwischen den einzelnen Gattungen sprengen, sondern auch jene zwischen Kunst und Leben.
Die Frage nach diesen Grenzen lässt sich – und nun kommen wir zur Ausstellung –, anhand des Schaffens von Emma Kunz thematisieren. Denn obwohl sie sich nie als Künstlerin verstand, wurde ihr disziplinübergreifendes Denken auch kunsthistorisch rezipiert. Entsprechend fanden nach ihrem Tod zahlreiche Ausstellungen statt, etwa Anfang der 1970er-Jahre im Aargauer Kunsthaus, wo ihre Zeichnungen erstmals öffentlich präsentiert wurden.
Überlegungen zu einem erweiterten Kunstbegriff sind also nicht nur anhand oft besprochener – oft männlicher – Figuren wie Joseph Beuys möglich, sondern auch in Hinblick auf das Schaffen von Emma Kunz. Im Aargauer Kunsthaus werden ebendiese Überlegungen nun durch zeitgenössische Positionen in die Gegenwart geholt.

Offene Einheit
Emma Kunz bezeichnete sich zu Lebzeiten nicht als Künstlerin, sondern als Forscherin und Naturheilpraktikerin. Sie interessierte sich für die heilende Wirkung der Natur, die gewissen Orten oder Materialien innewohnt. Ein Beispiel dafür ist die Felsgrotte in Würenlos; aus deren Sandstein stellte Emma Kunz das Mineralpulver «Aion A» zur Behandlung von Entzündungsprozessen her, das noch heute in Apotheken erhältlich ist.
Entsprechend liegt ihren Zeichnungen, die nun im Aargauer Kunsthaus zu sehen sind, nicht etwa ein künstlerischer Ansatz zugrunde. Emma Kunz fertigte sie mittels Energiefeldern, die sie mit dem Pendel bestimmte und durch Linien miteinander verband. Daraus entstanden geometrische Formen, die sie auf Millimeterpapier abbildete. Diese Zeichnungen, die erstmals Ende der 1930er-Jahre entstanden, bleiben weitgehend undatiert und ohne Titel. Emma Kunz hinterliess auch keine Notizen, wie die Motive zu deuten seien. Einzig bekannt ist, dass dem Auspendeln jeweils eine Frage vorausging, wobei die schwingenden Bewegungen auf eine mögliche Antwort verweisen konnten. Emma Kunz glaubte an einen grösseren Zusammenhang, an Zustände, die jenseits der menschlichen Vorstellung liegen. Eine Überlegung, die heute mit dem Infragestellen des anthropozentrischen Weltbildes vergleichbar ist, mit dem sich viele zeitgenössische Positionen auseinandersetzen. In der Ausstellung widmet sich diesem Thema etwa Mathilde Rosier (*1973, Paris), die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur und deren Verbundenheit thematisiert. In ihren Malereien spries­sen Blätter und Gräser aus den Extremitäten menschenähnlicher Figuren und bilden mit diesen eine harmonische Einheit.

Entzogene Kontrolle
Auch Dora Budor (*1984, Zagreb) beschäftigt sich mit diesem Verhältnis. In einer Vitrine werden kleine Staubwolken von vulkanähnlichen Kratern ausgestossen. Die Arbeit ‹Origin II (Burning of the Houses)› vergegenwärtigt, wie Naturphänomene vom Menschen verursacht werden, sich aber gleichzeitig seiner Kontrolle entziehen. Dass ebendiese Phänomene nun in einer Vitrine aus sicherer Distanz begutachtet werden können, verdeutlicht das menschliche Bedürfnis, die Kontrolle zurückzuerlangen. Indem der Mensch die Natur isoliert, etabliert er sogleich eine klare Hierarchie zwischen forschendem Subjekt und jenem Objekt, das es zu erforschen gilt.
Die Arbeit ist auch insofern spannend, als in der Kunsthalle Basel, wo sie 2019 erstmals ausgestellt wurde, die Staubwolken durch externe Geräusche ausgelöst wurden. In Basel handelte es sich um die Lärmemissionen einer nahegelegenen Baustelle, die als unbeabsichtigtes Nebenprodukt in ‹Origin II› recycelt werden. Das Kunstwerk ist somit nicht als geschlossene, sondern als offene Einheit zu verstehen, die in direktem Kontakt mit der Umwelt steht und auf sie reagiert.

Gesellschaftliche Ängste
Dass das Kunstwerk nicht als in sich geschlossene Einheit verstanden werden muss, wird auch bei Rivane Neuenschwander (*1967, Belo Horizonte) deutlich. Ausgangslage für ‹The Name of Fear› waren eine Reihe von Workshops, bei denen Kinder ihre Ängste skizzierten oder in Worte fassten. Darunter wurden etwa «Atomkraft­werke», «Erderwärmung» oder «Krieg» genannt. Die fiktionalen Formen und die konkreten Worte dienten der brasilianischen Künstlerin als gestalterische Vorlage für ihre Umhänge. Diese Kleidungsstücke füllen im Aargauer Kunsthaus nun einen gesamten Raum, hängen von der Decke und konfrontieren die Besucherinnen und Besucher mit den gesellschaftlichen Befindlichkeiten unserer Zeit. Hierbei kann der Umhang ­einerseits als Refugium vor den jeweiligen Ängsten gedeutet werden; als Element, das einen schützend umhüllt. Andererseits kann er auch als Form der Ermächtigung über ebendiese Ängste dienen, da das Motiv eng an die popkulturelle Figur der Heldin oder des Helden geknüpft ist.

Visualisierte Befindlichkeit
Die Ausstellung ‹Kosmos Emma Kunz› im Aargauer Kunsthaus illustriert, wie disziplinübergreifende Ansätze, wie Emma Kunz sie einst praktizierte, auch in der zeitgenössischen Kunst präsent sind. Wendet man sich also dem Gedankenspiel zu, was Kunst ist oder sein könnte, scheint die Frage nach Kunst oder Nicht-Kunst weniger relevant, sondern vielmehr diejenige, inwiefern künstlerische Praxen eine Beziehung zu unserer Lebensrealität herstellen. Dies tun Mathilde Rosier und Dora Budor, indem sie philosophische oder wissenschaftliche Disziplinen mit ihrem Schaffen verbinden; darunter etwa die Kritik am anthropozentrischen Weltbild oder die Thematisierung der Klimakatastrophe.
Auch Rivane Neuenschwander bringt die künstlerische Praxis in den Bereich des Alltäglichen. Für ‹The Name of Fear› setzt sie sich seit mehreren Jahren aus psychoanalytischer Sicht mit kindlichen Ängsten auseinander und visualisiert deren Erscheinungsformen. Ähnlich wie Emma Kunz es einst tat, widmet sich auch Rivane Neuenschwander jenen Dingen, die rational schwer fassbar sind. So regen die zeitgenössischen Positionen im Aargauer Kunsthaus zu Überlegungen an, die auch aus­serhalb der musealen Räume nicht an Relevanz verlieren.

Giulia Bernardi ist freie Autorin, lebt in Zürich. giulia.bernardi@outlook.com

Emma Kunz (1892, Brittnau–1963, Waldstatt)
Forscherin und Naturheilpraktikerin mit Fokus auf die heilende Wirkung der Natur
Ab 1938 schuf Emma Kunz grossformatige Bilder auf Millimeterpapier
Emma Kunz Zentrum in der Felsgrotte in Würenlos: Besuch auf Anmeldung

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Emma Kunz – Visionäre Zeichnungen›, Muzeum Susch
1973 ‹Der Fall Emma Kunz›, Aargauer Kunsthaus, Aarau (erste museale Präsentation)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Zahl, Rhythmus, Wandlung – Emma Kunz und Gegenwartskunst›, Kunsthalle Ziegelhütte,
Appenzell
1999 ‹Richtkräfte für das 21. Jahrhundert – Rudolf Steiner, Joseph Beuys, Andrej Belyj, Emma Kunz›,
Kunsthaus Zürich

→ ‹Kosmos Emma Kunz. Eine Visionärin im Dialog mit zeitgenössischer Kunst›, Aargauer Kunsthaus, Aarau, bis 24.5. ↗ www.aargauerkunsthaus.ch

Until 
24.05.2021

Emma Kunz (1892, Brittnau–1963, Waldstatt)
Forscherin und Naturheilpraktikerin mit Fokus auf die heilende Wirkung der Natur
Ab 1938 schuf Emma Kunz grossformatige Bilder auf Millimeterpapier
Emma Kunz Zentrum in der Felsgrotte in Würenlos: Besuch auf Anmeldung

Einzelausstellungen (Auswahl)
2019 ‹Emma Kunz – Visionäre Zeichnungen›, Muzeum Susch
1973 ‹Der Fall Emma Kunz›, Aargauer Kunsthaus, Aarau (erste museale Präsentation)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2020 ‹Zahl, Rhythmus, Wandlung – Emma Kunz und Gegenwartskunst›, Kunsthalle Ziegelhütte, Appenzell
1999 ‹Richtkräfte für das 21. Jahrhundert – Rudolf Steiner, Joseph Beuys, Andrej Belyj, Emma Kunz›, Kunsthaus Zürich

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