Christian Eisenberger — Ein Tabubrecher in Aktion

Christian Eisenberger · Ohne Titel, 2021, Acryllack auf Leinwand, 60 x 50 cm © ProLitteris. Foto: Tamara Rametsteiner

Christian Eisenberger · Ohne Titel, 2021, Acryllack auf Leinwand, 60 x 50 cm © ProLitteris. Foto: Tamara Rametsteiner

Besprechung

Es sei nicht einfach, aus der Fülle des überbordenden Wiener Ateliers Christian Eisenbergers eine Auswahl zu treffen, schickt der Galerist Nicola von Senger bei der Begrüssung vorweg. Jeder, der einen Blick in dieses Atelier wirft, glaubt es sofort. Leinwände liegen und stehen herum, es gibt kaum Leerraum.

Christian Eisenberger — Ein Tabubrecher in Aktion

Zürich — Kein Wunder, dass Christian Eisenberger (*1978) zuweilen vor seinem selbst kreierten Horror vacui Reissaus nimmt, mitsamt einem Bild im Gepäck. So geschehen mit dem Gemälde, das die Einladungskarte zur Ausstellung ziert. Zu sehen sind abstrakte Lineaturen und wie zufällig entstandene Muster in leuchtendem Himmelblau und Rosarot. Regelmässig kehrt der Künstler zurück aufs Land, das ihn seit Kindheit geprägt hat, und sucht dort die unmittelbare Auseinandersetzung mit der Natur. Auch im Winter. So scheut er nicht davor zurück, splitternackt in einen eisigen Waldteich zu springen, um anschliessend besagtes Bild in einem Eisloch zu taufen. Wenn er es wieder an Land zieht, wundert man sich, was so ein Gemälde alles aushalten kann. Und seine Odyssee ist noch nicht zu Ende. Noch lange nicht …
Dass Christian Eisenberger keine Berührungsängste mit dem Aussenraum hat, beweisen schon seine frühesten Arbeiten: Bekannt wurde er durch in der Stadt Wien anonym platzierte Porträtmalerei auf Karton, die ein Kaleidoskop berühmter Persönlichkeiten von Albert Einstein bis Nelson Mandela zeigt. Ein Geschenk an die Bürger:innen der Stadt, und einige von diesen begannen sehr schnell, dieses Geschenk anzunehmen, sprich, einzusammeln. So wurde er entdeckt, durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Heute ist er bekannt, wird von Museen ausgestellt und gesammelt. Porträts dominieren auch die derzeitige Ausstellung bei Nicola von Senger. Oder sollte man besser von Kopfdarstellungen sprechen? Denn die Gesichter bleiben abstrakt. Klar umrissen sind einzig die Silhouetten von Kopf und Schulterpartie. Die Binnenmalerei entfaltet eine alchemistische Eigendynamik. Farbfäden rinnen über die Leinwand, bilden Knoten, Tropfen verästeln sich zu Netzwerken, die wie Kraken das Bild vereinnahmen. Eine berauschende Dynamik zeigt sich, in oft leuchtenden, komplementären Farben. Eines dieser Kopfbilder verliert allerdings die Anonymität, sobald man die Rückseite inspiziert: Dort findet sich ein Haarbüschel des Malers, wie eine Reliquie, zur zukünftigen Anbetung fixiert? Der Künstler als Heiliger, in einer säkularen Gesellschaft, die längst von allen guten Geistern verlassen wurde?
Bliebe noch das liebe Geld. Auch das lässt Eisenberger nicht aus. Passend für Zürich, den Bankenplatz, hat er Geldscheine in die Winkel ausgesuchter Keilrahmen gezwängt, wie bis heute frivole Machos (im Rotlichtmilieu) ihre Zeche gerne im Decolleté erschrockener Serviertöchter deponieren. 

Until 
07.05.2022
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Sehn Saat Zieh Ohne N — Christian Eisenberger 26.02.2022 to 07.05.2022 Exhibition Zürich
Schweiz
CH

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