Noha Mokhtar — Auf den bunten Bühnen des Alltags

Saadia, aus der Serie ‹Balacona›, 2018, Metall, 60 x 185 cm

Saadia, aus der Serie ‹Balacona›, 2018, Metall, 60 x 185 cm

El hob wal melh, 2011, Filmstills

El hob wal melh, 2011, Filmstills

El hob wal melh, 2011, Filmstills

El hob wal melh, 2011, Filmstills

Droite Gauche, 2018, C-Print, 59,4 x 42 cm

Droite Gauche, 2018, C-Print, 59,4 x 42 cm

My Life My Life My Life in the Sunshine, 2021, Filmstills

My Life My Life My Life in the Sunshine, 2021, Filmstills

My Life My Life My Life in the Sunshine, 2021, Filmstills

My Life My Life My Life in the Sunshine, 2021, Filmstills

Foto: Gregor Huber

Foto: Gregor Huber

Fokus

Ein Balkon kann öffentlich und privat zugleich sein: Indem wir etwa unsere Wäsche dort aufhängen, machen wir sonst unsichtbare Haushaltsarbeit und Rollenzuschreibungen sichtbar. Wie Ob­jekte und Räume gesellschaftspolitische Verhältnisse spiegeln, thematisiert die Künstlerin und Sozialanthropologin Noha Mokhtar. Aktuell ist ihre Arbeit in einer Gruppenausstellung im Kunstraum ­Baden zu sehen. 

Noha Mokhtar — Auf den bunten Bühnen des Alltags

«Guten Morgen, Karama.» «Guten Morgen, Amira», erklingen die Stimmen der Charaktere einer Seifenoper. Für ihre Videoarbeit ‹El hob wal melh› filmte Noha Mokhtar die ägyptische Serie direkt vom Fernseher ab, um die Kamera anschliessend durch das umgebende Wohnzimmer schweifen zu lassen. Während die Stimmen noch immer aus dem Off zu hören sind, wandert das Bild langsam zu einem senfgelben Sofa; die Kissen sind fein säuberlich platziert, als ob sich schon lange niemand mehr dort angelehnt hätte. Die Jalousien sind geschlossen, lassen keine Sicht nach aussen zu, keine Sonnenstrahlen nach innen dringen; die einzigen Lichtquellen sind die Lampen, die den Raum künstlich ausleuchten. Die Szenerie, in die uns Noha Mokhtar eintauchen lässt, erinnert ihrerseits an eine Kulisse; an eine Kapsel, in der das Vergehen der Zeit lediglich durch die fortwährende Handlung der Seifenoper spürbar wird.

Fiktion und Realität
Mit dieser Videoarbeit nimmt Noha Mokhtar das Thema der aktuellen Gruppenausstellung im Kunstraum Baden vorweg: In ‹Off Stage› zeigt Kuratorin Claudia Spinelli fünf unterschiedliche Kunstschaffende mit Filmprojektionen, die auf Ereignisse jenseits des Scheinwerferlichts fokussieren, jenseits der Fernsehserien, die über den Bildschirm flimmern. «Mich hat die Gleichzeitigkeit des fiktionalen und des realen, häuslichen Raums interessiert, in dem die Serie läuft», sagt Noha Mokhtar über ihren Beitrag zur Schau. «Wohnungen sind wie eine Kulisse. Die Einrichtung, die dafür gestaltet wird, kann Ausdruck unserer Herkunft oder Identität sein.» Das Haus sei ein Ort, so die Künstlerin, das durch Objekte, Begegnungen, Erinnerungen oder Träume zur Bühne unseres Alltags wird.
Allerdings lassen sich fiktionale und reale Räume nicht so leicht voneinander trennen. ‹El hob wal melh› entstand im Jahr 2011 während des Arabischen Frühlings. In dieser Zeit wurde der ägyptische Präsident Muhammad Husni Mubarak gestürzt. Mit seinem Regime fiel auch die Fassade, hinter der die Korruption des Regimes verborgen wurde. Auf diesen Aspekt verweist Noha Mokhtar in der fotografischen Serie ‹Al Fassad›. Darin stellt sie verschiedene Filmkulissen den Baustellen von Palästen in Kairo gegenüber. Die Doppeldeutigkeit, die schon im Titel vorweggenommen wird: Das arabische Wort «Fassad» bedeutet im Deutschen «Korruption».
Auch in der Seifenoper ist von einem Putsch die Rede, der den gesellschaftspolitischen Moment spiegelt. Entsprechend wird deutlich, dass gesellschaftliche Angelegenheiten unweigerlich in den eigenen vier Wänden verhandelt werden. «Oft stehen die Bewegungen im öffentlichen Raum im Fokus. Dabei sind es gerade die Häuser, in denen Revolutionen möglich sind.»

Konstruierte Bilder
In der Ausstellung im Kunstraum Baden ist auch die neuere Videoarbeit ‹My Life My Life My Life in the Sunshine› aus dem Jahr 2021 zu sehen. Darin geht Noha Mokhtar der Frage nach, wie junge Menschen sich selbst auf Instagram inszenieren. Denn auch die sozialen Netzwerke können als Bühne der eigenen Selbstdarstellung genutzt werden. Die Künstlerin arbeitete mit migrantischen Jugendlichen aus Genf zusammen und bat sie, ihre Stories, die sie auf Instagram veröffentlicht und gespeichert hatten, vor einer 16mm-Kamera nachzuspielen. «Mich hat die Kontrolle über das eigene Bild interessiert, das die Jugendlichen von sich selbst konstruieren.» In den Aufnahmen spielten auch jene Objekte eine Rolle, die in das Bild integriert wurden; ein Kleidungsstück, eine Halskette oder ein Motorrad dienten als Requisiten der eigenen Inszenierung. «Es geht mir auch darum, wie die jeweiligen Personen die Umgebung gestalten, wie dadurch ein Raum für Sehnsüchte und Träume entsteht.»
Szenen auf dem Balkon
Wie soziale Räume, sei es das eigene Wohnzimmer oder Instagram-Profil, mit Bedeutung aufgeladen werden, thematisierte Noha Mokhtar immer wieder in ihrer künstlerischen Praxis. Die Serie ‹Balacona› etwa besteht aus vier Balkongeländern, die jenen Häusern nachempfunden wurden, in denen ihre Tanten in Kairo leben. «Der Balkon ist ein sozialer Raum, er befindet sich an der Schnittstelle zu öffentlich und privat.» Er ist jener Ort, in dem persönliche Gespräche stattfinden, das Beobachten der umliegenden Strassen möglich wird, der Nachbarinnen und Nachbarn. Anlässlich der Serie wurde die Publikation ‹Scenes for Balconies› veröffentlicht. Darin sind Gespräche enthalten, die teilweise aus Interviews stammen, teilweise erfunden sind.
Diese Wechselwirkung erinnert an jene Gesprächsfetzen, die wir vielleicht selbst mal aufgeschnappt haben, als wir auf unserem Balkon fremden Diskussionen lauschten, die wir anschliessend in unseren Köpfen zu neuen Erzählungen zusammensetzten. «Der Balkon wird durch ein Gespräch oder eine Handlung unterschiedlich aktiviert. Diese Aktivierung interessiert mich.»
Nicht zuletzt sei der Balkon auch ein geschlechtlich konnotierter Raum. Er ist die Kulisse für verschiedene Haushaltsarbeiten; für Teppiche, die ausgeklopft werden, für Wäsche, die aufgehängt wird. Auf diesen Aspekt weist Noha Mokhtar mit den Fotografien ‹Droite Gauche› hin. Darauf ist ihre linke und rechte Hand zu sehen, an den Spitzen ihrer Finger trägt sie bunte Wäscheklammern. «Als ich als Kind mit meinen Eltern in die Ferien nach Ägypten fuhr, um unsere Familie väterlicherseits zu besuchen, war mir oft langweilig», erinnert sie sich. «Also setzte ich mich an das Fenster, beobachtete die Strasse, befestigte Wäscheklammern an meinen Fingern, als ob ich Nagellack tragen würde.» Die Fotografien erinnern an vergeschlechtlichte Handlungen, die wir durch die eigene Sozialisierung erlernt haben, die spielerisch, aber auch schmerzhaft zugleich sein können.

Fragen der Aneignung
Aktuell widmet sich Noha Mokhtar gemeinsam mit dem Künstler Lucas Uhlmann dem Rechercheprojekt ‹La valise égyptienne›. Im Rahmen ihres Atelieraufenthalts in Kairo fanden die beiden einen Koffer mit 39 Objekten aus Keramik. Sie unterscheiden sich lediglich durch kleine Einkerbungen oder die Farbigkeit des unglasierten Materials; wofür sie verwendet wurden, ist nicht bekannt. «Die Objekte erinnerten uns an Souvenirs, die in touristischen Läden gekauft werden.» Durch diese Doppeldeutigkeit seien sie Träger historischer Ereignisse wie auch persönlicher Erinnerungen; verschiedene Bedeutungsebenen und Zeitlichkeiten fliessen ineinander.
Noha Mokhtar und Lucas Uhlmann liessen die Objekte vom Musée d’ethnographie de Genève so fotografieren, wie es in ethnografischen Sammlungen üblich ist. Folglich wird auch die Wissensproduktion von Museen veranschaulicht, in denen Objekte dekontextualisiert und neu aufgeladen werden. Der Zweck der Objekte wird in ‹La valise égyptienne› offen gelassen. «Eine Deutung ist auch immer eine Form der Aneignung. Mit diesem Projekt stellen wir die westliche Konstruktion von Geschichte infrage, die Vorstellung von wissenschaftlicher Objektivität.»
Die hell ausgeleuchteten Objekte auf weissem Hintergrund sollen in einer Publikation beim Verlag Edition Hors-Sujet veröffentlicht werden und in Dialog mit teils dokumentarischen, teils fiktiven Kurzgeschichten treten. «Mich fasziniert die Möglichkeit, dass ein Objekt mehrere Bedeutungen in sich trägt», sagt Noha Mokhtar. «Bleibt die Erklärung aus, erzeugt das eine Reibung, die produktiv sein kann.»

Giulia Bernardi ist freischaffende Kulturpublizistin und lebt in Zürich. giulia.bernardi@outlook.com
 

Until 
05.06.2022

Noha Mokhtar (*1987, Genf) lebt in Zürich
Seit 2017 Promotion in Sozialanthropologie und Critical Media Practice, Harvard University, Cambridge, Vereinigte Staaten
2012–2016 Bachelor in Sozialanthropologie und Middle Eastern Studies, Universität Bern
2008–2011 Bachelor in visueller Kommunikation (Fotografie), Ecole cantonale d’art de Lausanne

Einzelausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Europe Made Easy›, Le lieu secret, Biel
2018 ‹La pensée sauvage›, o.T. Raum für aktuelle Kunst, Luzern (mit Gregor Huber)
2015 ‹When Will You Make Us Happy?›, Townhouse Gallery, Kairo
2014 ‹Calderas›, Alte Papierfabrik, Landquart (mit Lucas Uhlmann)

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2021 ‹Werkschau 2021›, Haus Konstruktiv, Zürich
2020 ‹Raumfahrt IV›, Museum Langmatt, Baden; Biennale Bregaglia 2020
2019 ‹Product Placement›, Coalmine, Winterthur
2018 ‹On the Road›, Aargauer Kunsthaus, Aarau
2016 ‹Meaning Can Only Grow out of Intimacy›, Espace Arlaud, Lausanne
2014 ‹Diversi Muri›, Istituto Svizzero, Rom; ‹Do you speak tourist?›, Musée d’art de Pully

Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Off Stage 02.04.2022 to 19.06.2022 Exhibition Baden
Schweiz
CH
Author(s)
Giulia Bernardi
Artist(s)
Noha Mokhtar

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