Textile and Design Alliance — Künstlerinnen und Künstler erfinden Textiles neu

TaDA-Atelier von Andrea Winkler, Resident 2021, Arbon. Alle Fotos dieses Beitrags: Ladina Bischof

TaDA-Atelier von Andrea Winkler, Resident 2021, Arbon. Alle Fotos dieses Beitrags: Ladina Bischof

Maidje Meergans, TaDA Resident 2021, bei Saurer AG

Maidje Meergans, TaDA Resident 2021, bei Saurer AG

Benjamin Mengistu Navet, TaDA Resident 2021, bei Tisca Tischhauser AG

Benjamin Mengistu Navet, TaDA Resident 2021, bei Tisca Tischhauser AG

Ganit Goldstein, TaDA Resident 2021, bei Tisca Tischhauser AG

Ganit Goldstein, TaDA Resident 2021, bei Tisca Tischhauser AG

Aesun Kim, TaDA Resident 2021, arbeitet an einem interaktiven Teppich mit Tisca Tischhauser AG

Aesun Kim, TaDA Resident 2021, arbeitet an einem interaktiven Teppich mit Tisca Tischhauser AG

Tobias Kaspar, TaDA Resident 2021, mit Martin Schlegel in der Textildruckerei in Arbon

Tobias Kaspar, TaDA Resident 2021, mit Martin Schlegel in der Textildruckerei in Arbon

Fokus

Einst war die Textilindustrie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor in der Ostschweiz. Dank Qualität und Innovationsgeist behaupten sich einige Textilunternehmen auch heute im globalen Markt. Hier setzt TaDA an. Das Residenzprogramm bringt Kunstschaffende und Personen aus Kreativbereichen mit Firmen zusammen und sorgt beidseits für wertvolle Impulse. 

Textile and Design Alliance — Künstlerinnen und Künstler erfinden Textiles neu

Ein Teppich ist ein Teppich, ein Küchentuch ein Küchentuch und Karkassen sind nicht zum Anziehen da, sondern um Autoreifen zu stabilisieren. Kommt die Kunst ins Spiel oder zeitgenössisches Textildesign, ist plötzlich alles anders. Benjamin Mengistu Navet beispielsweise seziert maschinell gefertigtes Gewebe, indem er gezielt Fäden aus Tuchbahnen entfernt. Das entstandene Textilgerippe mit dem losen Fadenmaterial entpuppt sich als eigenständiger fragiler Stoff. Sein Ausgangsmaterial hat der belgische Modedesigner mit äthiopischen Wurzeln in einer Gastro- und Heimtextilienweberei in Bütschwil im Toggenburg gefunden – als Resident von TaDA. Hinter dem schwungvollen Namen verbirgt sich die Textile and Design Alliance. Als Kulturförderprogramm vor drei Jahren in eine Pilotphase gestartet, will TaDA die traditionsreiche Ostschweizer Textil- und Designkultur um künstlerische Auseinandersetzungen bereichern.
Insgesamt 13 Unternehmen und Institutionen stellen für das Programm ihre Technologie, ihr Wissen, ihre Infrastruktur zur Verfügung oder, wie es Programmleiterin Marianne Burki kurz und bündig zusammenfasst: «Zeit, Personal, Maschinen, Material.» Es ist ein Austausch auf Augenhöhe. Benjamin Mengistu Navet betont: «Die Unternehmen sprechen von Produkten, aber die Kunst liefert eine neue Qualität: Es ist wichtig, die Diskussion zwischen Industrie, Handwerk und Kunst zu führen. Ich arbeite hier mit fünf Unternehmen zusammen, und wir kreieren einen Dialog.»

Auswahl und Organisation
Jährlich fünf bis sieben Kreative aus den Bereichen Kunst, Design, Architektur, Literatur oder den performativen Künsten können für jeweils drei Monate diese ergiebigen Schnittstellen zur Industrie, aber auch zu Institutionen wie dem Sitterwerk und dem St. Galler Textilmuseum nutzen. Bei Marianne Burki laufen die Fäden zusammen: «Wir bieten den Residents ein Netzwerk an, verbinden sie möglichst optimal mit den Unternehmen und ermöglichen Kontakte ins Design- und Kunstumfeld.» Drei Monate sind keine allzu lange Zeit, wenn es darum geht, innovative Projekte umzusetzen und neben der praktisch-künstlerischen Arbeit auch zu forschen. Umso wichtiger ist eine gute Organisation: Die Gäste bekommen eine Tour durch alle 13 Firmen, sie erhalten eine zehntägige Einführung, danach werden die eingegebenen Projekte revidiert. Genauso wichtig ist die Auslese im Vorfeld.
Das Bewerbungsverfahren ist aufwendig und durchdacht: «Wir schreiben das Stipendium aus, und ein achtköpfiges Kuratorium entscheidet. Beteiligt sind Personen aus der Wirtschaft, Künstler und Künstlerinnen, die Kulturförderer des Kantons und Personen aus dem Textilbereich. Die Bewerberinnen und Bewerber müssen nicht zwingend Erfahrungen im Textilbereich aufweisen, aber sie müssen begründen, warum sie für ihr aktuelles Projekt diesen Zugang benötigen und wie sie ihn fruchtbar machen wollen: Wir wünschen uns Personen, die das Maximum aus der Situation herausziehen können.»
Im Jahr 2021 gab es 300 Bewerbungen, dann wurden die Eingabemodalitäten etwas konkretisiert, es folgten 150 Bewerbungen wieder auf höchstem Niveau. Zu diesen gehörten 2021 neben Benjamin Mengistu Navet beispielsweise der in Zürich und Riga ansässige Künstler Tobias Kaspar, der die Ergebnisse seines Atelieraufenthaltes in die Ausstellung ‹Information (Today)› 2021 in der Kunsthalle Basel einflies­sen lassen konnte, oder Andrea Winkler, die sich besonders für hochfunktionelle Textilien aus den Bereichen Sport, Arbeit, Schutz, Medizin und Technik interessiert. Sie hat ­Visuelle Kommunikation in Hamburg und Fine Art Media in London studiert und transferiert Industriegewebe in Kleidung. Ob Ellbogenschoner, Karkassen oder Neopren – alles kann auch angezogen werden: «Ich arbeite ohne Schnittmuster und stelle mir bei der Arbeit kein Kleidungsstück vor, sondern eine Person.» Aus dem Modellieren der Materialien entstehen Objekte, die zunächst wenig an tragbare Textilien erinnern, aber eine zusätzliche Funktion übernehmen: «Durch die wehrhafte Form können sich Menschen wappnen.»

Schnittstellen zu Industrie und Produktion
Winklers Jacken mit ihren Polstern, ihrer Asymmetrie und ihren Materialien muten ungewöhnlich an, funktionieren aber durchaus als Kleidung. Dank solcher Experimente werden die Grenzen zwischen freier Kunst, angewandter Kunst und Handwerk fliessend. Birgt die Nähe zu Mode oder Produkt ein Risiko? Edit Oderbolz verneint. Die Basler Künstlerin hat ihren Atelieraufenthalt zeitgleich wie Laura Deschl, die in Holland und Deutschland arbeitet, und der in Nigeria geborene Olaniyi Rasheed Akindiya vor wenigen Wochen angetreten und sieht einen grossen Gewinn in der Nähe zu den produzierenden Unternehmen: «Wir können Erfahrungen und Wissen austauschen.» Und zwar auf Augenhöhe, wie auch Marianne Burki betont, denn die Residents sind hoch qualifiziert und liefern den Unternehmen wertvolle Anregungen, die Dinge anders und neu zu denken: «Für uns ist es kein Thema, ob ein Projekt aus der angewandten Kunst stammt oder ob der Status Bildende Kunst ist. Hier arbeiten Kreative, und es gibt keine Hierarchien. Viel wichtiger ist die Frage, wie wir der Gesellschaft nützlich sein können. Die Objekte können zwar Produkte sein, aber wir fördern nicht das Geschäft, sondern das Experiment. So müssen sich die Residents an diesem Punkt ihrer Arbeit noch nicht dem Markt beugen.»
Edit Oderbolz beispielsweise befasst sich aus künstlerischer Sicht mit einem Gebrauchsgegenstand: «Der Vorhang ist ein Objekt, das zwar räumlich, aber auf einer Linie funktioniert. Er ist eine dünne, unterteilende Membran: privat – öffentlich, innen – aussen. Diese Einteilungen können umgedreht werden, die Frage ist, was geschützt werden soll.» Oderbolz versucht, die Attribute von Vorhängen neu zu denken, zu strapazieren und zu erweitern. Ihre Forschungsergebnisse werden bald öffentlich zugänglich sein, denn «TaDA bietet keinen Atelieraufenthalt zum Zurückziehen. Wir erwarten, dass die Künstlerinnen und Künstler über ihre Arbeit öffentlich reden», so Marianne Burki.

Gebrauchsobjekte anders interpretiert
Regelmässig finden im Textilmuseum die TaDA-Talks statt, es werden Besuche am Atelierstandort in Arbon angeboten sowie Performances und Präsentationen. Die drei Monate in der Ostschweiz sind also nicht nur sehr kurz, sondern auch sehr intensiv. Mitunter werden Projekte auch über die Residenzdauer hinausgezogen, wenn alle einverstanden sind: «Dies ist immer eine Ressourcenfrage und muss ausgehandelt werden.» Nun steht aber erst einmal der nächste Schritt für TaDA selbst an, wie Marianne Burki berichtet: «Die Absichtserklärung der Kantone liegt vor, den Pilot ab 2023 in die Übergangsphase zu begleiten. Wir können positiv in die Zukunft schauen.»

Die Zitate von Marianne Burki stammen aus einem Gespräch vom 26.11.2021 und von Edit Oderbolz von einem Telefonat am 18.3.2022.
Kristin Schmidt, Kunsthistorikerin, lebt in St. Gallen, post@kristinschmidt.de

→ TaDA Textile and Design Alliance, Artist-in-Residence-Programm, nächste Veranstaltung: TaDA-Talk gemeinsam mit dem Textilmuseum St. Gallen, 17. 6., 17.30 Uhr ↗ www.tada-residency.ch

TaDA – Textile and Design Alliance
2019 Lancierung des Kulturförderprogramms TaDA durch die Kantone Appenzell Ausserrhoden, St. Gallen und Thurgau; Mitglieder der Trägerschaft sind die drei Ämter für Kultur seit 2020 jährlich 5 -7 Residenzen
Beteiligte Firmen: Brubo GmbH, Speicher; Empa, St. Gallen; Filtex, St. Gallen; Lobra, Thal; Rigotex, Bütschwil; Saurer, Arbon; Schoeller Textil, Sevelen; Sitterwerk, St. Gallen; Startfeld, St. Gallen; Textilcolor, Sevelen; Textildruckerei, Arbon; Textilmuseum St. Gallen; Tisca Tischhauser, Bühler Leitung: Marianne Burki (2005–2019 Leiterin Visuelle Künste bei der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia), Assistenz und Koordination: Martina Lughi Kuratorium: Martin Leuthold, Textilgestalter; Roman Wild, Kurator Wissenschafts- und Forschungsprojekte Textilmuseum St. Gallen; Tanja Scartazzini, Amt für Kultur St. Gallen; Markus Müller, Künstler; René Rossi, Wissenschaftler, Empa; Rebecca C. Schnyder, Autorin; Peter Trinkl, CSO Saurer; Claudia Mareis, Humboldt-Universität Berlin (Gast 2022) Residents 2022: Laura Deschl, Designerin (DE); Ana Micaela Fernández Martín, Künstlerin (ES); Victoria Manganiello, Künstlerin und Designerin (US); Edit Oderbolz, Künstlerin (CH); Nelli Singer, Textildesignerin (DE); Chun Shao, Multimedia-Künstlerin (CN – für 2020 ausgewählt); Olaniyi Rasheed Akinda, Künstler (ZA/US – Teilnahme in Kooperation mit Pro Helvetia Johannesburg)

Institutionen Country City
Textilmuseum Switzerland St. Gallen
Author(s)
Kristin Schmidt

Advertisement