Kunst und Bau — In tausendundeinem Raum

Joëlle Flumet · Petites dramaturgies fédérales, 2013, Video still aus: I love Schengen – Salle des Pas perdus, Animation im Format MPEG-4
 

Joëlle Flumet · Petites dramaturgies fédérales, 2013, Video still aus: I love Schengen – Salle des Pas perdus, Animation im Format MPEG-4

 

Besprechung

Im Verhältnis von Kunst und Bau galt lange die Einheit von Ort und Zeit. Ein Bild, ein Objekt, eine Installation wurden an ihrem architektonischen Ort in Echtzeit erfahren. Jetzt sucht Kunst vermehrt nach Möglichkeiten, Gebautes durch virtuelle Welten zu erweitern – und sei es durch eine Erzählung.

Kunst und Bau — In tausendundeinem Raum

Bern — Die Architektur kennt viele Beispiele der Dynamisierung von Räumen. So wollte Cedric Price mit seinem Entwurf für ‹Fun Palace›, 1961, eine Struktur schaffen, die den sich ständig ändernden Bedürfnissen nach Interaktion in und mit dem Raum folgen kann. Im Verbindungstrakt zwischen zwei älteren Gebäuden auf dem Campus der New Yorker Columbia University konnte Bernhard Tschumi einen Ort realisieren, der gleichzeitig der Passage und dem Verweilen dient. Nachts erfährt sich die immense Glasfassade des Lerner Hall Student Center (1994–1999) von aussen als eine grosse Bühne, als ein erleuchteter Screen, der das Innenleben des Baus wie einen Film ablaufen lässt. Heute hebt die Erweiterung der gebauten Räume um unbegrenzte, virtuelle Speicher- und Kommunikationssphären die Einheit von Ort und Zeit weitgehend auf in eine zersplitterte Gegenwart an mehreren Orten und in verschiedenen Zeitzonen. Wie kann Kunst dieser Dynamisierung und Immaterialisierung der Lebensumstände in -einer gebauten Umgebung begegnen? Natürlich mag auch sie sich der interaktiven Kommunikationstechnologien bedienen. Spannend wird künstlerische Intervention jedoch dort, wo nicht nur das -Medium, sondern auch Bedeutungen bewegt werden. Neue Formen des Erzählens werden wichtig:  Im Auftrag der Eidgenossenschaft hat Joëlle Flumet für die Bildschirme der elektronischen Informationsstelen im Parlamentsgebäude im Bundeshaus eine lose Reihe von Mikroerzählungen entworfen. Als kurze animierte Inserts spielen sie sich wie Bildschirmschoner oder Unterbrecherwerbung in die Pragmatik der Sitzungsinformationen ein. In wenigen Sekunden macht Poesie ihre eigene, windschief treffende Politik. Flumets kleine Sequenzen liessen sich potenziell auf alle elektronischen Portale der Bundes übertragen, sodass das in Sandstein gebaute Rathaus der Schweiz digital gesprengt wäre und sich jenseits der schweren Türen und des Staates Räume der Imagination öffnen könnten. In einem anderen Projekt des Bundes, das 2019 öffentlich werden wird, entwirft Anne-Julie Raccoursier eine narrative Topografie für die Schweizer Botschaft in Moskau: Apfelbäume, aus einer Pflanze gezweigt, werden Russland mit zahlreichen Orten der Schweiz zu einem länderübergreifenden Erzählraum vereinen. Beide Beispiele aus der Kunst-und-Bau-Praxis des Bundes sprengen die Raum-Zeit-Verbindung durch die Phantasie aller Rezipierenden. Wo erzählt wird, öffnet sich – analog oder digital in 1001 – sogleich tausendundein Raum und je eine Nacht.

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