Das Grosse Rätsel - Einsames Wunder

Behaghane, Kerry, Irland, 21.4 2019. Foto: SH

Behaghane, Kerry, Irland, 21.4 2019. Foto: SH

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Das Grosse Rätsel - Einsames Wunder

Es kann erst wenige Minuten her sein, dass die Kuh ihr Junges auf die Welt gebracht hat. Noch hängt ihr die Plazenta blutig und dampfend warm aus dem Hinterteil. ­Ruhig steht sie im hohen Gras, schaut mich an. Es dauert einen Moment, bis ich den Kopf des Kalbs entdecke. Es kniet zwischen den Beinen der Mutter und saugt an ihrem Euter. Sein Fell wirkt noch ganz feucht und klebrig. Mit weit geöffneten Augen nimmt es die ersten Schlucke seines Lebens.
Ausser mir ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Ab und zu donnert ein Auto oder ein Bus über die N70, den berühmten Ring of Kerry. Kaum anzunehmen, dass man bei einer solchen Geschwindigkeit erkennen kann, warum ich mein Fahrrad angehalten habe und auf das Mäuerchen geklettert bin, das die Strasse von der Weide trennt. Ich wundere mich, in welcher Einsamkeit diese Geburt vonstatten geht. Müsste da nicht ein Tierarzt dabei sein oder wenigstens der Bauer? Ich habe als Teenager in einem Stall am Genfersee der Geburt eines Kalbs beigewohnt und bestaunt, mit welcher Entschlossenheit der Veterinär dabei tief in die Mama hineingriff und das Kleine herauszog. Seither bin ich in Museen ab und zu auf ... gestossen, die das Mirakel der Geburt schildern. Selbst in diesen Darstellungen aber sind da immer Menschen, zerrt einer das Kalb an den Füssen aus dem Mutterleib. Die Kuh mit der Ohrenmarke 0017 indes steht ganz allein auf weiter Flur. Und sie scheint nichts dabei zu finden, dass sie 0018 ohne jede Hilfe geboren hat. Ein Satz von Hanna Hoeget kommt mir in den Sinn: «Wie vieles ist doch seltsam nur im Augenblick des Menschen.» Samuel Herzog

Samuel Herzog, freier Schreiber (Kunst & Kochen). herzog@hoio.org

Author(s)
Samuel Herzog

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