Lois Weinberger — Subversive Ordnungen

Ohne Titel, 2004, Fotoarbeit, 108,5 x 81 cm

Ohne Titel, 2004, Fotoarbeit, 108,5 x 81 cm

Debris Field, 2010–2016, Dachbodenfunde, Elternhaus Stams in Tirol, 14. bis 20. Jahrhundert. Foto: Paris Tsitsos

Debris Field, 2010–2016, Dachbodenfunde, Elternhaus Stams in Tirol, 14. bis 20. Jahrhundert. Foto: Paris Tsitsos

Debris Field, 2019, Installationsansicht Tinguely Museum Basel. Foto: Daniel Spehr

Debris Field, 2019, Installationsansicht Tinguely Museum Basel. Foto: Daniel Spehr

Debris Field, 2010–2016, Initialen der Silberfischchen, 18. Jahrhundert, bedrucktes Papierstück

Debris Field, 2010–2016, Initialen der Silberfischchen, 18. Jahrhundert, bedrucktes Papierstück

Lois Weinberger. Foto: Paris Tsitsos

Lois Weinberger. Foto: Paris Tsitsos

Fokus

In ‹Debris Field› gräbt Lois Weinberger Zwischengelagertes aus vergangenen Jahrhunderten aus. Erstmals an der documenta 14 und aktuell in Basel zeigt er verschiedene Auslegeordnungen von Marginalien, die er aus dem elterlichen Bauernhaus zutage gefördert und poetisch ergänzt hat. Damit schafft er einen Ausgangspunkt für nüchterne Erklärungen sowie für Annäherungen an nicht sichtbare Zusammenhänge. Und knüpft zugleich an frühere Arbeiten an. Unscheinbares wie Lücken und Randzonen, bewachsen mit Ruderalpflanzen und Neophyten, erwies sich in den Werken wiederholt als gesellschaftlich brisant.

Lois Weinberger — Subversive Ordnungen

Unholz: Wir stehen gerade um eine der Vitrinen mit Anordnungen von Objekten, die Sie aus den Dach- und Zwischenböden des an ein Kloster angrenzenden elterlichen Bauernhofs in Stams geborgen haben. Dazwischen liegt auch eine neuere Skizze von mehreren verschieden gruppierten Punkten, Kreisen und überkreuzten Strichen. Zudem haben Sie sie beschriftet mit «Versuch einer Ordnung». Was hat es damit auf sich?
Weinberger: Ordnung ist für mich ein sehr zwiespältiger Begriff. Auf der einen Seite will ich keine Ordnung oder Leute, die Ordnung machen wollen, so wie es gerade in ­Österreich wieder geschieht. Trotzdem ist man immer wieder versucht, so etwas wie eine Art Ordnung herzustellen, einen Überblick zu schaffen, um eine richtigere Sicht über Reihungen zu bekommen. Das ist letztlich jedoch nicht möglich. Ich bin jemand, der für die Vielfalt plädiert. Ich weiss, dass keine Ordnung möglich ist und dass auch keine Ordnung anstrebenswert ist. Also ich will vor allem niemanden, der mir Ordnungen verordnet. Ich bin ja auch kein Funktionär … Doch, ich bin Funktionär, aber ich funktioniere nicht. Ich bin einer, der Ordnungen versucht, aber ich will keine Ordnung. Ordnung kann man versuchen, aber Ordnung kann man nicht machen.
Unholz: Im Vergleich zu Ihren früheren Arbeiten mit Ruderalpflanzen wirkt das Display dieser Ausstellung aber annähernd ordentlich, der Prozess scheint eingefroren zu sein. Die Vitrinen und die darin sorgfältig ausgelegten Objekte suggerieren eine gewisse Ordentlichkeit und Ordnung.

Feldforschung und Feldarbeit
Weinberger: Das sind alles Dinge, die aus der multiplizierten Unordnung kommen. Alle diese Materialien sind hunderte Male umgeschichtet worden. Archäologen reden von Umschichtungen. Die Objekte sind laufend von Tieren durchwühlt worden. Den Eindruck soll’s ja doch noch haben. Die hier aufgereihten Schuhe lagen schon so in Reih und Glied. Jetzt nicht alle fünfzig, aber um die zwölf einzelne Schuhe waren akkurat nebeneinander in die Dämmung eingeschichtet worden. Schuhe gehören zum Intimsten, vom warmen Körper geformt erinnern sie an die Verstorbenen. Diese sollten es schwerer haben wiederzukehren, indem immer nur ein Schuh aufbewahrt worden ist. In diesem Fall ist die Ordnung einer religiösen Angstvorstellung unterworfen.
Unholz: Sie scheinen diese Ordnungen auf sehr subjektive und ergebnisoffene ­Weise vorzunehmen. Gleichzeitig könnten sie so ausgestellt zur Annahme eines vermeintlich objektiven Blicks auf die Vergangenheit verleiten.
Weinberger: Die Zusammenhänge, die Sie hier vermuten, sind Erfindungen oder sie hängen mit den Materialien zusammen, die aber wiederum nichts über die Inhalte aussagen. Hier liegen hunderte Nägel, aber jeder Nagel hat irgendein anderes bestimmtes Ding zusammengehalten.
Unholz: Viele der Objekte sind oder waren mystisch aufgeladen, sollten Unheil abwenden. Wenn überhaupt, wie verändert sich das im musealen Kontext?
Weinberger: Ich denke, dass all die Dinge mit der ursprünglichen Idee, mit der ursprünglichen Identifikation nichts mehr zu tun haben, wenn sie hier sind. Alles, was Sie hier sehen, sind Hüllen und Behauptungen. Die waren nicht immer so. Heute sind sie zur Geschichte degradiert. Ihre Wirkung ist verloren.
Unholz: Ihre Arbeitsweise wird oft als Feldforschung beschrieben. Was fangen Sie mit dem Begriff an?
Weinberger: Es ist keine Feldforschung im akademischen Sinne einer Feldbegehung. Feldforscher sehe ich eher als eine ironische Bezeichnung. Ich habe mich nie als Feldforscher verstanden, sondern als Feldarbeiter. Ich gehöre eher zu den Schollenschlägern als zu den strukturalistischen Feldforschern wie Claude Lévi-Strauss oder Roland Barthes, die durchaus von grosser Bedeutung für mich sind.
Unholz: Wie würden Sie Ihr Feld beschreiben?
Weinberger: Das Feld ist ein weites.
Unholz: In dieser Ausstellung könnte man meinen, es sei zunächst relativ konkret das Bauernhaus.
Weinberger: Da sind Steine aus England, ein Perubalsam aus Südamerika ... Die Verbindungen und Vernetzungen waren damals mindestens so weitläufig wie heute.
Unholz: Wie schätzen Sie das Bedürfnis ein, all diese Dinge aufzubewahren?
Weinberger: Das Bewahren war schon eine bedeutende Handlung, als Hinterlegung ebenso wie wenn die Dinge zum Verschwinden gebracht wurden, in der Annahme, dass sie im Abseits, im Dunklen noch Wirkung entfalten könnten. Diese Handlungen wurden nicht hinterfragt, sie wurden gemacht.
Unholz: Darunter befinden sich auffallend viele Medikamente.
Weinberger: Ja, einige davon stammen aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Aber ich finde das überhaupt nicht erstaunlich. Auch kleinere Krankheiten waren damals schon lebensbedrohend, sodass man wirksame Medikamente wie Reliquien oder Fetische sah.
Unholz: Heute …
Weinberger: Das ist mit dem Heute nicht vergleichbar. Eine Spindel heute und eine Spin­del von damals haben eine gänzlich andere Bedeutung. Auf der Spindel hier steht «JHS» – die Kurzform des Namens Jesu. Das waren personifizierte Materialien. Und doch ist das heute ähnlich, wenn Firmen eine Personifizierung ihrer Waren suggerieren.

Verbindungen auf der Spur
Unholz: Zu Tinguelys ‹Totentanz› im nebenstehenden Raum liessen sich diesbezüglich einige Parallelen ziehen.
Weinberger: Was das ländliche Umfeld, den Bauernhof und den Umgang mit dem Tod betrifft, sehe ich Parallelen.
Es ist jedoch nicht meine Intention, die Fundstücke zu verformen, sondern sie in Ruhe zu belassen. Im Sinne der Kunst sind sie aber keine Readymades, sondern mehr der Wissenschaft verbunden. So habe ich im Text zum Katalog über meine Herangehensweise geschrieben: «Ich nehme die vermutlichen Beweggründe / die einem Objekt / Fundstück zugrunde liegen, auf / um abermals Arbeiten herzustellen / welche die ursprünglichen Intentionen freilegen und erweitern / wie Fotos, Zeichnungen, Texte und Objekte.» Ich würde nie einen der Tierschädel auf eine Spindel setzen.
Unholz: Der Umgang mit den in beiden Fällen gefundenen Materialien eines Bauernhofs ist tatsächlich ein ganz anderer. Ich dachte gerade mehr an die Banalität der Objekte, die im Alltag mit Bedeutung aufgeladen wurden oder dass es ein gewisses egalitäres Prinzip in der Anordnung gibt.
Weinberger: Ich sehe mehr Trennungen als Gemeinsamkeiten. Ich sehe eigentlich fast nur Trennungen, ausser bei einigen der Materialien. Aber Material wird ja nie etwas Verbindendes sein.
Unholz: Was ist denn stattdessen verbindend?
Weinberger: Ich habe in meiner Arbeit mit Pflanzen in den Neunzigerjahren von Archäologie gesprochen und geschrieben: «Die Gärten liegen im Unterhalb, alles Sichtbare an der Oberfläche sind nichts als Teilergebnisse und Marginalien.»
Unholz: In einer anderen Vitrine liegt unter anderem ein Gipsabdruck, den Sie von einem der gefundenen Kinderschuhe genommen haben. Wir hatten es vorhin davon, dass die Schuhe menschliche Abdrücke aufweisen. Würden Sie alles hier als Abdrücke bezeichnen?
Weinberger: Das hat schon etwas, auf jeden Fall als Spuren. Spuren haben auch etwas mit Abdrücken zu tun.
Unholz: Das führt uns auch zu den Spuren von Borkenkäfern, die in roter Farbe an die Wand gemalt sind. Formal ähneln sie den Ortschaftsplänen der Gegend um den Hof in der Vitrine darunter.
Weinberger: Sie haben aber nichts mit den Plänen zu tun. Die Pläne sind nur so eine Spielerei. Doch irgendwie handelt es sich um subversive Raumeroberungen. Nach über vierzig Jahren Beschäftigung mit Pflanzen denke ich mir, dass das Gärtnern oder die Pflanzen nur zu beschreiben sind, wenn sie über sich hinausweisen. Interessant wird es erst, wenn es um die Nichtvergleichbarkeit geht. Das ist mit der Kritik ebenso, rein beschreibende Kritik interessiert mich auch nicht. Mich interessieren die Dinge, die über das, was Sie sehen, hinausgehen, die etwas anderes beschreiben und trotzdem damit zusammenhängen. Ähnlich ist es mit diesen Borkenkäfergängen, die aussehen wie Pflanzengebilde, die letztlich etwas anderes sind, als sie scheinen.

Gespräch in der Ausstellung im Museum Tinguely Basel am 16.4.2019.
Irène Unholz (*1994), freie Autorin fürs Kunstbulletin, studiert Kunstgeschichte, Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Universität Fribourg. irene.unholz@unifr.ch

Until 
01.09.2019

Lois Weinberger (*1947, Stams/Tirol), lebt in Wien und Gars am Kamp/Niederösterreich

Einzelausstellungen und Arbeiten im öffentlichen Raum (Auswahl)
2019 Watari-Um Museum of Contemporary Art, Tokyo
2018 ‹L’envers du paysage› + ‹Wild Cube›, FRAC Franche-Comté, Besançon
2017 nGbK, Berlin; ‹Der Canaletto-Blick/Laubreise›, Erste Bank Campus, Wien
2015 Kunsthalle Mainz
2012 Musée d’Art Moderne Saint-Étienne
2011 ‹Wild Cube›, 21er Haus Belvedere Wien
2006 ‹Home Voodoo›, Arnolfini, Bristol
2005 S.M.A.K., Gent
2003 Kunstverein Hannover
2002 Bonner Kunstverein; Douglas Hyde Gallery, Dublin
2000 Museum Moderner Kunst 20er Haus, Wien; Freud Museum, London; Camden Art Center, London

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2017 documenta 14, Athen und Kassel
2009 Österreichischer Pavillon, Biennale Venedig
1997 documenta X, Kassel
1991 Biennale São Paulo

Exhibitions/Newsticker Datesort ascending Type City Country
Lois Weinberger - Debris Field 17.04.2019 to 01.09.2019 Exhibition Basel
Schweiz
CH
Author(s)
Irène Unholz
Artist(s)
Lois Weinberger

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