Nach Zürich. Kontroversen zur Stadt – ein Anarchiv

Langstrasse, gta Archiv. Foto: Werner Aebli

Langstrasse, gta Archiv. Foto: Werner Aebli

Otto Glaus · Skizze Sihlraumplanung, Sechzigerjahre, gta Archiv

Otto Glaus · Skizze Sihlraumplanung, Sechzigerjahre, gta Archiv

Hinweis

Nach Zürich. Kontroversen zur Stadt – ein Anarchiv

Zürich — Ein Mann mit einem Holzkarren sammelt Lumpen, Eisen und Metallreste und blockiert den hinter ihm sich nähernden Bus. Italienische Männer stehen schwatzend in einer engen Küche und kochen an Herdplatten Spaghetti. Einblick in herausgeputzte, aber auch einfachere Behausungen wird gewährt. Im SRF-Film ‹Von zwölf bis zwölf› von 1971 werden solche Szenen kommentiert. «Hinterhöfe hat’s noch. Spitzweg im Kreis 4», heisst es, oder «heile Welt, kleine Welt, selbst in der Grossstadt». Das Langstrassenquartier, dem sich die Ausstellung im Zentrum Architektur Zürich/ZAZ im ersten Stock widmet, hinterlässt die lebendigsten Eindrücke – kein Wunder, bilden Langstrasse und Umgebung doch das vielfältigste Viertel von Zürich, und dieses ist aktuell, wie schon so oft, heftigen Veränderungen unterstellt. Die Schau ‹Nach Zürich. Kontroversen zur Stadt – ein Anarchiv› veranschaulicht anhand ganz unterschiedlicher, aus diversen Archiven entliehener historischer Dokumente (Plakate, Videomaterial, Modelle, Pläne, Broschüren, Fotos, Bücher und auch Kunstwerke) die Entwicklung der Limmatstadt. Im Erdgeschoss erfahren wir, dass bis heute die meisten wichtigen grossen Ereignisse am See stattfinden. Möglich wurde dies, nachdem sich Zürich weg von der Limmat und hin zum See orientiert hatte. Arnold Bürkli, der erste Zürcher Stadtingenieur, bewirkte mit seinen Seeufergestaltungen von 1882–87, nur wenige Jahre nachdem die Langstrasse entstand, dass der See Teil von Zürich wurde. Zunächst war die Nutzung der öffentlichen Parkanlagen strikten Nutzungsvorschriften unterstellt, erst in den Achtzigern begann die Lockerung der Reglemente. An die Zeit, als die Ufergemeinden noch ausserhalb der Stadt lagen, erinnerte Ida Bindschedler in ‹Die Turnachkinder im Sommer›, 1906. Das Sommerhaus der Familie stand bis 1924 auf dem Grundstück des heutigen ZAZ. Langstras­se und See sind zwei thematische Stränge, weitere sind die Dreissigerjahre mit dem Roten Zürich unter der Stadtpräsidentschaft von Emil Klöti und dem Bau grosser städtischer und genossenschaftlicher Wohnsiedlungen. Weniger erfolgreich waren zum Ende der ­Sechzigerjahre geplante Grossprojekte, als die gebaute Stadt zunehmend als Verkehrshindernis galt. Auto­bahnen mitten durch Zürich und der Abriss des gesamten Langstrassenquartiers wurden imaginiert. Auch eine U-Bahn sollte gebaut werden, aber: «Wer sich eine U-Bahn gräbt, fällt tief» heisst es auf dem Foto einer Demonstration von 1973. U-Bahn ebenso wie andere stadtplanerische Ansinnen wurden abgelehnt. Ein Film der Architektengruppe Krokodil von 2019, in welchem humorvoll das Glatttal als neue Grossstadt vorgestellt wird, rundet die Entwicklungsgeschichte Zürichs bis heute ab.
Kurator/innen sind André Bideau, Daniel Bosshard und Christian Schmid. Mit üppigem, spannendem Rahmenprogramm.

Until 
25.08.2019

Advertisement