Pipilotti Rist — Open My Glade

Pipilotti Rist · Open My Glade, Ausstellungsansicht Louisiana Museum, 2019. Foto: Poul Buchard

Pipilotti Rist · Open My Glade, Ausstellungsansicht Louisiana Museum, 2019. Foto: Poul Buchard

Pipilotti Rist · Open My Glade, Ausstellungsansicht Louisiana Museum, 2019. Foto: Poul Buchard

Pipilotti Rist · Open My Glade, Ausstellungsansicht Louisiana Museum, 2019. Foto: Poul Buchard

Besprechung

Die Videokünstlerin, die sich einst in Anlehnung an die schwedische Kinderbuchheldin Pippi Langstrumpf daranmachte, mit bunten Farben und Videobildern die Welt zu erobern, gewinnt im Louisiana, dem grossartigen dänischen Museum für zeitgenössische Kunst, auch die Herzen der Skandinavier.

Pipilotti Rist — Open My Glade

Humlebaek — Ich gebs zu: Pipilotti Rist ist auch ein bisschen meine Heldin. Die Begeisterung beginnt schon bei der Wahl des Ausstellungsorts. Diesmal ist es Humlebaek, ein kleines Fischerdorf vierzig Kilometer nördlich von Kopenhagen, eine hoch über dem Öresund gelegene Villa. Sie war einst im Besitz eines königlichen Offiziers und Bienenzüchters, so die schöne Anekdote, der drei Frauen hintereinander ehelichte – alle mit Namen Louise. 1958 gründete der neue Besitzer Knud W. Jensen hier das erste dänische Museum für moderne Kunst, dessen Ruf bis heute legendär ist. Das Louisiana, das im Namen immer noch an die Damen erinnert, scheint wie geschaffen für Pipilottis Arbeiten, in denen die Frau mit Haut und Haar im Fokus steht. Was heisst steht? Schwebt, eintaucht, schwimmt, herumwirbelt – unter Wasser, im Körper drin, an der Oberfläche, auf Blumenwiesen, hinter und vor der Linse. Innen- und Aussenwelten, wie sie die weltberühmte Künstlerin aus dem sanktgallischen Grabs als lippenstiftverschmierte, plattgedrückte Figur einst in ‹Open My Glade› (so auch der Titel der Schau) überlebensgross auf dem Times Square in New York demonstrierte und nun vor einer tollen Retrotapete nach Skandinavien transferiert. Pipilotti schafft mit ihren frühen Arbeiten immer wieder aktuelle Bezüge und gleichzeitig ortsspezifisch Neues: Die vorbeiziehende Uferszenerie auf der Fahrt zum Louisiana und die in die Landschaft eingebetteten Backsteinhäuschen erscheinen etwa wie die Vorboten des Roadmovies ‹Meditation for Suburb Brain› von 2011 oder des Flachdachhausmodells ‹Vorstadthirn› von 1999. Keine Frage: Das Rheintal ist der Öresund. Mehr noch, der berühmte ‹Living Room› mit videobespielten Möbeln und animiertem Krimskrams erhält neu einen in Bonbonfarben strahlenden Kamin. «Die Welt ist auch bunt. Warum soll man die Farben nur der Werbung überlassen?», erklärt Pipilotti. Und monumental vergrösserte, transparente Äderchen überziehen auf 54 Panels aus dem skandinavischen Textilhaus Kvadrat die Wände dieses Universums. Mittendrin hängt eine Keramikplatte des Dänen Asger Jorn, die, überspielt mit Ein­kanalvideobildern, fantastische Welten generiert. Am Ende der mit zahlreichen Melodien, Loops, Bubbles, Handtäschchen und Pixelwald bestückten Werkschau – grandios melancholisch die Audio-Videoinstallation ‹4th Floor to Mildness› mit Anja Plaschgs herzerwärmendem Song ‹When I Was a Child› – windet sich die junge Pipilotti einmal mehr im Lavabad und ruft aus einem winzigen Loch um Hilfe. «Aiutami!» Hilfe, wie ist der Blick auf den Öresund so atemberaubend schön! 

Until 
22.09.2019

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