Edward Burtynsky — Das grosse Ganze

Edward Burtynsky · Chino Mine #5, 2012, Silver City, New Mexico, Vereinigte Staaten, Pigment Inkjet Print, 148,5 x 198,2 cm, Courtesy Christophe Guye Galerie, Zürich / Nicholas Metivier Gallery, Toronto

Edward Burtynsky · Chino Mine #5, 2012, Silver City, New Mexico, Vereinigte Staaten, Pigment Inkjet Print, 148,5 x 198,2 cm, Courtesy Christophe Guye Galerie, Zürich / Nicholas Metivier Gallery, Toronto

Edward Burtynsky · Phosphor Tailings Pond #4, 2012, in der Nähe von Lakeland, Florida, Pigment Ink-jet Print, 148,6 x 198 cm, Courtesy Christophe Guye Galerie, Zürich / Nicholas Metivier Gallery, Toronto

Edward Burtynsky · Phosphor Tailings Pond #4, 2012, in der Nähe von Lakeland, Florida, Pigment Ink-jet Print, 148,6 x 198 cm, Courtesy Christophe Guye Galerie, Zürich / Nicholas Metivier Gallery, Toronto

Besprechung

Können wir uns vorstellen, welche Folgen unser Handeln auf die Umwelt hat? Wohl kaum. Dieses Themas hat sich der ­Kanadier Edward Burtynsky angenommen. In seinem Langzeitprojekt ‹Anthropocene› dokumentiert er eindrücklich den Einfluss des Menschen auf die Natur.

Edward Burtynsky — Das grosse Ganze

Zürich — In den letzten Wochen ist unsere Welt geschrumpft: Sie bestand aus unserer Wohnung, aus dem Weg zum nächsten Supermarkt, aus gelegentlichen Spaziergängen durchs Quartier. Wir haben sie mit ein paar wenigen Menschen geteilt, holten uns das Weltgeschehen punktuell in unseren Mikrokosmos. Nun ist der Lockdown vorbei und unser Kosmos erweitert sich mit jedem Tag: Wir gehen in Restaurants, besuchen Ausstellungen, fahren mit dem Tram ins Büro. Wie ungewohnt, wieder Teil der Welt da draussen zu sein, daran erinnert zu werden, dass diese doch grösser ist als das eigene Wohnzimmer. Ein surreales Gefühl. Und ebenso surreal ist es, in der Galerie Christophe Guye zu stehen und die Fotografien von Edward Burtynsky (*1955, St. Catharines) zu betrachten, die das veranschaulichen, was sich unserem Vorstellungsvermögen entzieht: der Einfluss des Menschen auf die Natur. Für die Serie ‹Anthropocene›, die zwischen 2012 und 2017 entstand, bereiste der kanadische Fotograf rund zwanzig Länder, fotografierte Landschaften vom Flugzeug aus, nahm sie mit Drohnen auf und fing die erschreckenden und zugleich grotesk-faszinierenden Folgen unseres Handelns ein: in grossformatigen Fotogra­fien und einem Dokumentarfilm, der 2018 entstand. So zeigt er etwa eine gigantische Kupfermine in New Mexico, die sich nun kilometerlang in die Tiefe zieht; den Phosphat­abbau in Florida, wobei der schädliche Stoff tonnenweise von einem kleinen Bagger abgetragen wird, der einen Bruchteil so gross ist wie die Landschaft, die ihn umgibt. Und während sich unser Blick in der Landschaft verirrt, verlieren wir auch den Blick fürs grosse Ganze. Dass es uns schwerfällt, die Folgen unseres Handelns in einen grösseren Kontext einzuordnen, zeigt sich auch jetzt, während der Corona-Krise. «Was bringt Social Dis­tancing schon? Macht ja nichts, wenn ich mal kurz die Nachbarin besuche», denken wir uns oder demonstrieren gleich gegen den Lockdown, um auf unsere Freiheiten zu beharren – und setzen, zum Nachteil anderer, unsere persönlichen Bedürfnisse an erste Stelle. So entziehen wir uns, bewusst oder unbewusst, unserer Verantwortung. «Was kann ich schon gegen die Ölgewinnung in Nigeria tun?» Und ehe wir uns versehen, mündet das Surreale, das wir uns nicht vorstellen wollten, in das Dystopische. 

Until 
29.08.2020

→ ‹Edward Burtynsky — Anthropocene›, Christophe Guye Galerie, bis 29.8.; Film-Screening ­‹Anthropocene – The Human Epoch› jeden Samstag um 13 Uhr ↗ www.christopheguye.com

Exhibitions/Newsticker Datesort ascending Type City Country
Anthropocene 11.05.2020 to 29.08.2020 Exhibition Zürich
Schweiz
CH

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