Franz Gertsch — Die Siebziger

Franz Gertsch · Huaa …!, 1969, Dispersion auf ungrundiertem Halbleinen, 170 x 261 cm

Franz Gertsch · Huaa …!, 1969, Dispersion auf ungrundiertem Halbleinen, 170 x 261 cm

Franz Gertsch · Patti Smith V, 1979, Acryl auf ungrundierter Baumwolle, 257 x 391 cm, Staatsgalerie Stuttgart

Franz Gertsch · Patti Smith V, 1979, Acryl auf ungrundierter Baumwolle, 257 x 391 cm, Staatsgalerie Stuttgart

Luciano Castelli · Reckenbühl, 1973, Selbstporträt, Fotografie © ProLitteris

Luciano Castelli · Reckenbühl, 1973, Selbstporträt, Fotografie © ProLitteris

Franz Gertsch · Marina schminkt Luciano, 1975, Acryl auf ungrundierter Baumwolle, 234 x 346,5 cm, Museum Ludwig/Leihgabe Peter und Irene Ludwig Stiftung 1976

Franz Gertsch · Marina schminkt Luciano, 1975, Acryl auf ungrundierter Baumwolle, 234 x 346,5 cm, Museum Ludwig/Leihgabe Peter und Irene Ludwig Stiftung 1976

Besprechung

Zum neunzigsten Geburtstag von Franz Gertsch zeigt das ihm gewidmete Museum seine Werke aus den Siebzigern – dem Jahrzehnt seines Durchbruchs. Der Rundgang beleuchtet auch Gertschs wichtige Begegnungen jener Jahre, insbesondere mit Luciano Castelli, der passend das Kabinett bespielt.

Franz Gertsch — Die Siebziger

Burgdorf — ‹Huaa ...!›, ein Soldat reitet im Galopp. Wie sein weisses Pferd hat er das Maul weit aufgerissen und den Kopf in den Nacken geworfen. Dieses Gemälde von 1969 bezeichnete Franz Gertsch (*1930) einst als Beginn seines künstlerischen Schaffens, von seinem Frühwerk distanzierte er sich lange. Es bildet chronologisch auch den Auftakt der Ausstellung ‹Franz Gertsch – Die Siebziger›. Damit wird explizit keine Retrospektive gezeigt, sondern ein Rundgang durch ein Jahrzehnt. ‹Huaa ...!› ist gemäss der Gastkuratorin Angelika Affentranger-Kirchrath Gertschs erstes Bekenntnis zum (Foto-)Realismus: geprägt durch die Nutzung von Fotovorlagen und den «raschen» Auftrag der Farbe aufs Baumwolltuch, wobei das Gemälde eine «vibrierend malerische Qualität» erhalte. Möglich, dass in der Aneignung eines Motivs aus der Unterhaltungskultur, einem Filmstill aus ‹The Charge of the Light Brigade› von Tony Richardson und dem noch flächigen Eindruck der Malerei gewisse Erinnerungen an Gertschs Pop-Art-Collagen der späten 1960er nachhallen – sicher ist, dass das Medium Fotografie als Vorlage seine Malerei des folgenden Jahrzehnts prägt. Das Gemälde ‹Maria mit Kindern› von 1971 stellt ein Picknick mit der Familie dar und verdeutlicht ein weiteres Charakteristikum seines Schaffens: die Monumentalität. War der Soldat mit 1,70 mal 2,61 Metern bereits gross, ist die Familienszene im ersten Raum des Erdgeschosses mit 4 mal 6 Metern gigantisch. Gertschs damaliges Atelier in der alten Brauerei Gassner direkt an der Aare ermöglichte ihm ein Blow-up-Verfahren: Die Vorlagen wurden als Dia projiziert und mit Dispersion direkt auf Halbleinen gemalt. So entsteht durch die für Gertsch typische malerische «Gleichbehandlung jeder Stelle» die Spannung zwischen Detailliertheit und Grosszügigkeit. Ebenso zeigt sich in der Familienszene, die von Farbkontrasten der Wanderkleidung oder der Picknickdecke dominiert ist, der Fokus auf die feine Struktur der ­Textilien, der in der Folge immer wieder auffällt und das Gemälde deutlich vom früheren Soldaten-Beispiel abhebt. Bemerkenswert ist zudem, dass die Bildvorlage, wie meist bei Gertsch, einem Schnappschuss geschuldet scheint, oft blicken die Protagonisten aus dem privaten Umfeld des Künstlers nicht in die Kamera. Die thematische Anordnung bewährt sich auch im grössten Saal im Untergeschoss, Raum vier, wo ‹Medici› hängt: Zum Symbol für die Siebzigerjahre geworden, zeigt das Schlüsselwerk die Entourage um den Künstler Luciano Castelli, wie sie sich lässig auf die rot-weisse Abschrankung der titelgebenden Baufirma während der Renovation des Kunstmuseums Luzern stützt. Bei dessen Direktor Jean-Christophe Ammann lernt Franz Gertsch 1971 die Truppe kennen und malt den jungen Luciano in der Folge vielfach. Die Villa Reckenbühl, Lebensmittelpunkt der Clique, wird für den zwanzig Jahre älteren Gertsch zum Ort der teilnehmenden Beobachtung ausschweifender, unbeschwerter Zusammenkünfte, in denen Grenzen ausgelotet und überschritten werden. ‹Marina schminkt Luciano› illustriert, dass Kategorien theatralisch aufgelöst werden. Eine Transformation der Geschlechterrollen wird hier in einer prägnanten roten und blauen Farbpalette vollzogen. Dem gegenüber steht das kraftvoll-melancholische Porträt ‹Irène› von 1980, Bildnis der Edelprostituierten Irene Staub aus dem Umkreis von Castelli. Kuratorin Angelika Affentranger-Kirchrath hat sich die Freiheit genommen, es mit den unbeschwerten jungen Männern in ‹Medici› in Dialog zu setzen. Das Performative prägt das Werk von Luciano Castelli (*1951) bis heute, wie sein Rückblick auf ‹Reckenbühl› im Kabinett veranschaulicht. Castelli konnte die Jugendstilvilla seines Onkels damals nutzen und lässt diese intensive Erfahrungswelt in einer Wandcollage aus Fotos, Zeichnungen und Tagebucheinträgen sowie Film wiederauf­leben. Vor der nächsten Wand mit Fotografien, die wie aus einer Revue wirken, sind erstmals seine Keramikobjekte aus jener Zeit zu sehen: etwa fragile pinke Pumps mit Federn. Daneben thematisieren Zeichnungen, in die mit Wasserfarbe Glitzer eingearbeitet sind, leichtfüssig die Maskerade und das freigeistige Sprengen von Eindeutigkeiten. Chronologisch endet die Schau mit der Serie zur zweiten für Gertsch einflussreichen Figur jener Jahre: Patti Smith. Trotz der Begeisterung des Künstlers kennzeichnet die Gemälde eine fast übersteigerte Beiläufigkeit, sei es, wenn er die Rockmusikerin in Rückenperspektive vor den Lautsprecherboxen zeigt oder genervt vom damals noch unbekannten zudringlichen Fotografen Gertsch in Köln 1977. Oder wenn er sie, wie in ­‹Patti Smith V›, während ihres Besuchs im Atelier in Rüschegg 1979 hinter dem Mikrofon gestikulierend darstellt. Dieselbe Haltung prägt auch eines der seltenen Selbstbildnisse des Künstlers von 1980, wo er ebenso unbeteiligt blickt. Es markiert das Ende des Jahrzehnts und weist den Weg in die folgenden Jahre, in denen sich der Künstler ausschliesslich mit Frauenporträts beschäftigen wird. Die klar gruppierte Schau setzt sich ganz aus Leihgaben zusammen und wurde nun nach der «Nichteröffnung» wegen des Virus glücklicherweise doch schneller zugänglich als erwartet. Die Ausstellung wird anschliessend im Lentos Kunstmuseum in Linz gezeigt und es erscheint dazu ein Katalog. 

Until 
16.08.2020

→ ‹Franz Gertsch — Die Siebziger›, Museum Franz Gertsch, bis 16.8. (mit Aussicht auf Verlängerung)  ↗ www.museum-franzgertsch.ch

Exhibitions/Newsticker Datesort ascending Type City Country
Franz Gertsch, Luciano Castelli 21.03.2020 to 04.10.2020 Exhibition Burgdorf
Schweiz
CH
Author(s)
Adrian Dürrwang
Artist(s)
Franz Gertsch

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