58. Biennale Venedig — Blütenlese

Litauischer Pavillon: Lina Lapelyte, Vaiva Grainyte and Rugile Barzdziukaite · Sun and Sea, Installation mit Performance. Foto: Andrej Vasilenko

Litauischer Pavillon: Lina Lapelyte, Vaiva Grainyte and Rugile Barzdziukaite · Sun and Sea, Installation mit Performance. Foto: Andrej Vasilenko

Japanischer Pavillon: Motoyuki Shitamichi, Taro Yasuno, Toshiaki Ishikura, Fuminori Nousaku · Cosmic Eggs, Installation mit Filmen, interaktiven Klang­objekten, Text, Archivdokumenten. Foto: Werner Egli

Japanischer Pavillon: Motoyuki Shitamichi, Taro Yasuno, Toshiaki Ishikura, Fuminori Nousaku · Cosmic Eggs, Installation mit Filmen, interaktiven Klang­objekten, Text, Archivdokumenten. Foto: Werner Egli

Indischer Pavillon: Jitish Kallat · Covering Letter, 2012, Wasserdampf, Projektion. Foto: Werner Egli

Indischer Pavillon: Jitish Kallat · Covering Letter, 2012, Wasserdampf, Projektion. Foto: Werner Egli

Mosambikanischer Pavillon: Felipe Branquinho · Lipiko, 2018, Mischtechnik, 110 x 90 cm

Mosambikanischer Pavillon: Felipe Branquinho · Lipiko, 2018, Mischtechnik, 110 x 90 cm

Isländischer Pavillon: Hrafnhildur Arnardóttir/Shoplifter · Chromo Sapiens

Isländischer Pavillon: Hrafnhildur Arnardóttir/Shoplifter · Chromo Sapiens

Fokus

‹May You Live In Interesting Times› nennt Kurator Ralph Rugoff seine Biennale und zeigt in der Hauptausstellung Kunstschaffende, deren Werke als «Leitfaden» für das Leben in «interessanten», sprich schwierigen Zeiten gelten können. Brisanter schienen der Redaktion des Kunstbulletins verschiedene Länderbeiträge. Vier Autorinnen berichten aus Venedig.

58. Biennale Venedig — Blütenlese

Im Bauch der mehrarmigen Venus
Pavillons Estland und Island — Ist es Zufall oder bloss weise Voraussicht, dass zwei der besten Pavillons der diesjährigen Biennale nicht nur thematisch ähnlich sind, sondern sich auch beide in naher Gehdistanz entfernt auf der vorgelagerten Insel Giudecca befinden? Beides würde passen, denn sowohl im estnischen als auch im isländischen Pavillon scheinen die üblichen Kräfte aufgehoben zugunsten einer umfassenderen, mystischen, gleichzeitig sensitiven, vielleicht auch dezidiert weiblichen Weltsicht. Den estnischen Pavillon hat die Künstlerin Kris Lemsalu (*1985) als eine Hommage an das Leben konzipiert, oder vielmehr als eine symbolisch-halluzinatorische Inszenierung eines Durchgangs vom Leben zum Tod. Im Wesentlichen aber befindet sich im Inneren der alten Werkhalle eine raumhohe Brunnenskulptur aus keramischen Riesenvulven, aus denen Wasser in ein Auffangbecken sprenkelt – das im Sommer wunderbar kühlend ist. Amorph, zwischen reiner Körperlichkeit und Comicfigurinen oszillierend, spielen diese Vulven mit Basketbällen oder winken mit Trauben fröhlich in die Runde. Sie tragen lustige Einheitsanzüge und Sportschuhe aus Keramik und manche verfügen sogar über ein Paar Flügel. Lemsalu fertigte deren Einzelteile in Estland an, sie arbeitete über Monate mit einem eigenen Team – einer Art spiritueller Band, die aus Künstlerfreundinnen wie Sarah Lucas oder dem Kurator Andrew Berardini neben vielen weiteren Personen bestand. Dass in diesem Pavillon ein Gemeinschaftsspirit weht, der mehr ist als nur vordergründiger Kollektivismus, macht diesen Beitrag so überzeugend. Eine weitere Glückspille empfängt man im isländischen Pavillon in einem ortsspezifischen, begehbaren Höhlenraum aus synthetischen Haaren, in dem man ebenso in kontemplative Stimmung gerät. Märchenhaft, elfisch, superbunt, dazu sphärischer Sound – ein multisensorisches Szenario der Künstlerin Hrafnhildur Arnardóttir, auch bekannt unter dem Namen Shoplifter (*1969). Die Verwandlung, die man dabei erlebt, ist vollständig: «Sie betreten den Pavillon als Homo sapiens und verlassen ihn als Chromo sapiens.» 
Patricia Grzonka
Patricia Grzonka ist Kunst- und Architekturhistorikerin und Kritikerin. Sie lebt und schreibt in Wien. pat.grz@silverserver.at

Widerständige Zwischentöne
Pavillons Australien, Brasilien, Indien, Litauen, Schweiz, Arsenale — Natürlich ist die Szenerie besonders wohltuend, wenn man zuvor zwei Stunden im kalten Regen Schlange gestanden hat – so geschehen tags nach der Verleihung des Goldenen Löwen an den litauischen Pavillon: Ebenda liegen auf einem künstlich aufgeworfenen Strand Menschen allen Alters in Badebekleidung auf ihren Tüchern, lesen, essen, schlafen, aber vor allem singen sie! Geschickt choreografiert erzählen ihre Lieder abwechselnd von alltäglichen Banalitäten, Nöten und Wünschen ebenso wie von grossen klimatischen und politischen Problemen der Welt. Von einer Empore aus betrachtet man als Zuschauerin wie eine Göttin – und höchst amüsiert – das verheerend träge Treiben. Zugegeben, es ist ein eigentlich simples Setting, das in seiner Einfachheit aber besticht und das auf einer Metaebene wie mehrere Arbeiten der diesjährigen Biennale Musik und Tanz als Alternativen skizziert: Alternativen zu Vereinzelung, Sprachlosigkeit, Schockstarre. Im Film des Schweizer Beitrags demonstrieren fünf Performende tanzend den Rückwärtsgang nicht als demütiges Zurückweichen, sondern als Strategie der «Energieumwandlung» in einer Situation der Bedrängnis (→ Kunstbulletin 6/2019, S. 56/57). Der australische Pavillon lädt in einem abgedunkelten Amphitheater, das von drei grossen Leinwänden umgeben ist, zu einem besonderen Konzert: Einzelne Instrumente, gespielt in unterschiedlichen Räumen der italienischen und der australischen Senatskammern, fügen sich zu einem Orchester, während eine Protagonistin Handgesten der französischen sozialen Bewegung von 2016 ausführt. Gemeinschaft und nonverbale Kommunikation werden hier beschworen angesichts der scheinbar verstummenden solidarischen Stimmen auf der Weltbühne. Der fesselnde Tanz von Jugendlichen aus sozialen Unterschichten in Brasiliens Pavillon schliesslich wird zum Ausdruck komplexer Überlagerungen von persönlichen, kulturellen und gender-politischen Identitätsfragen – und von Lebenslust, trotz allem. Nicht als Ausweg, sondern als Warnung erklingt Musik bei Tomás Saraceno: Durch die Ausläufer des Arsenale hallt abhängig von den Gezeiten seine Komposition, die auf den Sirenen des venezianischen Hochwassermeldesystems basiert – geheimnisvoll und trügerisch schön. Und wenn wir schon bei der Schönheit und am Ende des Arsenale angelangt sind: Im indischen Pavillon formuliert Jitish Kallat – zwar ohne Musik, aber dennoch betörend und eindringlich – eine visuelle Metapher für Gandhis Weg des gewaltfreien Widerstands. 
Deborah Keller

Weitgreifende Zeitachsen
Pavillons Japan, Kanada, Arsenale — Wir erleben so viel und vergessen so schnell. Was uns widerfährt, verankert sich nicht. Uns fehlt die Zeit, das Erlebte zu ordnen und zu gewichten. Eine Biennale verschärft die Diskrepanz zwischen der Fülle der Eindrücke und dem, was wir aufnehmen können. Umso willkommener erscheinen die leuchtorangen Sitzgelegenheiten im japanischen Pavillon. Sie erinnern an luftgefüllte Rettungsinseln, und hat man sich einmal reinsinken lassen – und dabei über ein System von Schläuchen eine Klarinette aufseufzen lassen –, steht man so schnell nicht mehr auf. Die runde Sitzinsel ist gut platziert. Von hier aus schauen wir auf drei Projektionswände, die alle beinahe dieselbe Szene zeigen: einen gewaltigen Monolith vor einem einsamen Küstenstreifen. Wie kam dieser hierher? Wieso sehen sich die Brocken so ähnlich? Und wieso huscht plötzlich eine Gruppe von Kindern ins Bild, posiert sekundenkurz bockstill vor dem haushohen Stein und zerstreut sich wieder? Die Schwarzweissaufnahmen sind so eintönig wie hypnotisch. Mal kreisen einige Vögel über dem Stein, mal wiegen sich Gräser im Wind, mal stapft eine schattenhafte Gestalt durch den Sand. Die in einer Vitrine ausgelegten Karten machen deutlich, dass es sich um eine Insel aus der Präfektur Okinawa handelt. 1771 wurde sie von einer verheerenden Flutwelle überrollt, welche die Felsbrocken an den Strand gespült hat. Ein junger Japaner gibt sich uns als Filmer der Gruppe zu erkennen und führt aus: Tsunami sind seit jeher Teil ihres Lebens. Der Tsunami in Fukushima warf gigantische Schiffskähne an Land. Doch kein Kind wird in ferner Zukunft vor diesen stehen und sich fragen, woher sie stammen, denn kurze Zeit später wurden sie bereits wieder weggeschafft. Erinnerungen an die Katastrophe sind nicht erwünscht. Nur auf dieser entlegenen Insel liegen die Steine noch an Ort und Stelle. Erinnerung ist auch das Thema im kanadischen Pavillon. Die gefilmten Szenen führen uns die Verhandlungen zwischen einem bärtigen, dick vermummten Regierungsbeamten und einer Gruppe wettergegerbter Inuit vor Augen. Das Treffen findet in einer gleissend hellen, endlos weiten Eiswüste statt. Diesen Jagd- und Lebensraum soll die Gemeinschaft für ein Dasein in einem Reservat mit Häuschen und einer Rente von 2 Dollar pro Tag eintauschen. Das zähe, wortkarge Hin und Her ist geprägt von Missverständnissen – komisch und tragisch zugleich. Auch einer der Filme am Schluss des Arsenale lässt uns tief in die Vergangenheit blicken. Cyprien Gaillard richtet seine Kamera zunächst in einer U-Bahn-Station im Close-up auf Mauern mit Natursteinplatten, die Einschlüsse von Ammoniten, Muscheln und vegetabilen Versteinerungen enthalten. Ein Schnitt – plötzlich befinden wir uns auf hoher See. In der Ferne ist ein riesiger Lastkahn auszumachen, von dem aus alte U-Bahn-Wagen Stück um Stück ins Meer geworfen werden. Schaukelnd sinken die ausgeweideten Teile in die Tiefe, bis sie am Meeresboden aufschlagen. Wer weiss, ob auch sie mal zu Stein werden. 
Claudia Jolles

Kritische Vielstimmigkeit
Pavillons Iran, Irak, Mosambik — Die Biennale Venedig ist auch ein idealer Ort, um die Geschichte des Widerstands gegen Staatsgewalt fortzuschreiben. Sie hat weder Anfang noch Ende, wenn man im Pavillon von Mosambik vor der Arbeit Filipe Branquinhos steht: Fünf Porträts zeigen einen Anwalt, einen Richter und drei Geschworene. Ihre Gesichter, rituelle Mapiko-Masken, sind furchterregend versteinert, während die mit Tusche gezeichneten Massanzüge zu leben scheinen. Der Künstler war von einem politischen Skandal inspiriert, doch gab er ihm ein zeitloses Gesicht. Nahe der Piazza San Marco lernt man, wie zeitgenössische Kunst etwa durch den Staat Iran in Dienst genommen wird. Die religiöse Diktatur schmückt sich mit Arbeiten, die das Leben und den Frieden glorifizieren sollen. Unweit liegt zum Glück die Ausstellung ‹The Spark Is You› der ‹Parasol unit foundation for contemporary art›: Die Werke von Nazgol Ansarinia, Farideh Lashai oder Siah Armanjani lassen sich nicht so leicht erfassen, sondern zeigen poetische Welten, die aus der Wirklichkeit entstehen. Einen Steinwurf entfernt zeigt der irakische Pavillon das riesige Gemälde eines Soldatenmassengrabs von Serwan Baran. Im selben Palazzo bringt die Organisation Ruya Maps mit der Ausstellung ‹Heartbreak› feinsinnige Werke zusammen, welche die subtile Allgegenwart der Gewalt reflektieren. So legte die türkische Konzeptkünstlerin Füsun Onur bereits in den Siebzigern mit ‹The Dollhouse› oder mithilfe der Tüllfetzen, die Bilderrahmen umwehen, die Platzierung weiblicher Kunstschaffender auf den Tisch. Auch der Syrer Majd Abdel Hamid nutz «weibliche» Techniken, wenn er den Grundriss des gesprengten Gefängnisses Tadmur auf Stoffreste stickt, um dessen Existenz zu bezeugen. Aufmerksamkeit fordern die dadaistisch-politischen Videos des Irakers Imad Issa. Kopiert aus VHS-Material der Neunzigerjahre ist die Bildqualität nicht optimal, doch zeigten die Aktionen und Performances des Künstlers deutlich, wie international die Kunst in Krisenregionen bereits war, bevor sie der Markt entdeckte. 
Susann Wintsch
Susann Wintsch ist freie Kuratorin in Zürich und zeigt auf www.treibsand.ch zeitgenössische Kunst aus Westasien. susann.wintsch@treibsand.ch

Until 
24.11.2019

→ Pavillon Estland ↗ www.birthv.com
→ Pavillon Litauen ↗ www.sunandsea.lt
→ Pavillon Japan ↗ www.labiennale.org/en/art/2019/national-participations/japan
→ Pavillon Mosambik ↗ www.pavilionofmozambique.com
www.parasol-unit.orgwww.ruyamaps.org
→ 58. Biennale von Venedig, bis 24.11. ↗ www.labiennale.org

Advertisement