Grenzgänge — Nord- und südkoreanische Kunst, Sammlung Sigg

Sea Hyun Lee · Between Red33, 2008, Öl auf Leinwand, 2-teilig, je 250 x 200 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee

Sea Hyun Lee · Between Red33, 2008, Öl auf Leinwand, 2-teilig, je 250 x 200 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee

Pak Yong Chol · The Missiles, 1994–2004, Öl auf Leinwand, 152 x 272 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee

Pak Yong Chol · The Missiles, 1994–2004, Öl auf Leinwand, 152 x 272 cm. Foto: Sigg Collection, Mauensee

Besprechung

Eine Grenze teilt Korea seit 1953 in einen totalitären Staat im Norden und eine eher demokratische Republik im Süden. Was bedeutet diese Trennung für die Kunst? Dieser Frage geht eine Ausstellung im Kunstmuseum Bern nach, mit Werken aus der Sammlung von Uli Sigg.

Grenzgänge — Nord- und südkoreanische Kunst, Sammlung Sigg

Bern — Eigentlich dürfte ‹The Year of Shedding Bitter Tears›, 1994/2006, hier gar nicht zu sehen sein. Das monumentale Werk, gemalt von einem nordkoreanischen Kollektiv, glorifiziert die Staatstrauer um Kim Il-sung, den Vater und Vorgänger des aktuellen Staatsführers Kim Il-un. Die Ausfuhr von Kunstwerken aus Nordkorea ist aber verboten. Uli Sigg, ehemals Schweizer Botschafter, hat, dank einer Sondererlaubnis, einige Werke erwerben und in die Schweiz bringen können. Hier nun werden Bilder dieser Art kaum je gezeigt, weil man fragt: Ist das Kunst? Gegenfrage: Warum nicht? Weil wir hier im Westen das Ideal hochhalten, dass Kunst frei sein solle? Frei von ­politischen und anderen obrigkeitlichen Vorgaben. Frei auch im Sinne der Abstraktion, die Bedeutungen evoziert, die nicht mehr eindeutig festzulegen sind. Rundum frei. Wobei wir gern verschweigen, dass auch der Markt gewisse Vorgaben schafft.
Kuratorin Kathleen Bühler kombiniert die staatlich kontrollierte Malerei aus Nordkorea mit Werken aus südkoreanischen Ateliers und verdeutlicht so, wie schwierig es ist, Kunst, die aus anderen Kulturen, anderen politischen Systemen hervorgegangen ist, sinnvoll zu beurteilen. Zum Beispiel ‹Between Red33›, 2007, von Sea Hyun Lee. Das 250 cm breite Ölgemälde zeigt eine Berglandschaft, die sich sichtbar auf traditionelle asiatische Darstellungsweisen bezieht. Die Abstrahierung, die dadurch entsteht, dass das gesamte Tableau in Rottönen gehalten ist, ist nicht nur ein entschlossener Schritt in Richtung Moderne. Es ist ein Tabubruch: In Südkorea ist die Farbe Rot verpönt, weil sie zu sehr an den abgeschotteten Bruderstaat im Norden erinnert. Die Grenzen, die in dieser Ausstellung betrachtet, berührt und manchmal auch mutig überschritten werden, sind nicht nur territorialer Art. Immer wieder streift die Schau auch die Frage, was Kunst darf, was Kunst kann, was Kunst bedeutet in einer Welt, die sich nach Regeln formt, die mit Kunst wenig zu tun haben, die von der Kunst aber sehr genau beobachtet werden. Die Freude, die der nordkoreanische Führer angesichts von Waffenschauen auf den Gemälden von Pak Yong Chol zeigt, lässt einen schaudern. Ähnliches gilt für die grossformatigen Atompilze von Kyungah Ham. Man muss genau hinschauen, um zu erkennen, dass die Bilder mit feinem Seidenfaden gestickt wurden, in traditioneller koreanischer Handarbeit. Gefertigt wurden sie in Nordkorea. Die Auftraggeberin ist eine südkoreanische Künstlerin. Die Stickereien sind somit eine in mehrerlei Hinsicht explosive Schmuggelware. 

Until 
05.09.2021

→ ‹Grenzgänge − Nord- und südkoreanische Kunst aus der Sammlung Sigg›, Kunstmuseum Bern, bis 5.9.; Katalog mit Texten von Kathleen Bühler, Nina Zimmer, Hatje Cantz Verlag ↗ kunstmuseumbern.ch

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