Balance — Die Grenzen des Wachstums

Maria Dundakova · Sun Rite, 1988–1990, Filmstill, rituelle Performance und Fotografie © ProLitteris

Maria Dundakova · Sun Rite, 1988–1990, Filmstill, rituelle Performance und Fotografie © ProLitteris

Hans Haacke · Monument to Beach Pollution, 1970/2000, C-Print, 85,1 x 127 cm, Courtesy Paula Cooper Gallery © ProLitteris

Hans Haacke · Monument to Beach Pollution, 1970/2000, C-Print, 85,1 x 127 cm, Courtesy Paula Cooper Gallery © ProLitteris

Besprechung

Die Kombination Kunst und Ökologie ist angesagt. Kunstschaffende verstehen sich als wichtige Stimmen in aktuellen Diskursen. Die Schau ‹Balance› im Kunstmuseum Solothurn spürt den Entwicklungen einer Kunst nach, die sich für Umwelt und Gesellschaft engagiert, von den 1970er- bis in die 1990er-Jahre.

Balance — Die Grenzen des Wachstums

Solothurn — Künstlerische Forschung, Ecological Art, nachhaltige Kunst: Begriffe wie diese haben in der aktuellen Kunstlandschaft einen festen Platz. In den letzten Jahren sind die Grenzen zwischen Kunst, Naturwissenschaft, Gesellschaftskritik immer durchlässiger geworden. Die Ausstellung ‹Balance. 1970–1990: Kunst, Gesellschaft, Umwelt› im Kunstmuseum Solothurn geht der Entwicklung dieses künstlerischen Engagements nach. Als Auslöser definiert Direktorin Katrin Steffen zusammen mit Gastkuratorin Marianne Burki den ersten Bericht des Club of Rome, der 1972 «die Grenzen des Wachstums» verkündete. Eine Auswahl an Arbeiten von 15 Kunstschaffenden, die meisten weiblich, will zeigen, wie Kunst sich Themen aus Politik, Gesellschaft, Ökologie angeeignet hat, und welch tragende Rolle Frauen dabei einnahmen.
Zu den deprimierenden Erkenntnissen, die sich beim Rundgang durch die Ausstellung einstellen können, gehört, dass unsere Gesellschaft in Umweltfragen offenbar seit einem halben Jahrhundert auf der Stelle tritt. Obwohl man es besser wüsste. Arbeiten wie Miriam Cahns unheilvolle Zeichnung ‹baum (bl.arb) (gift)› aus dem Jahr 1992 oder Hans Haackes ‹Denkmal der Strandverschmutzung› von 1970 zeigen, dass Probleme wie Littering, Bodenverschmutzung, Gift im Grundwasser und die dadurch entstehenden Folgen für Pflanzen- und Tierwelt seit Langem bekannt sind.
Die Schau zeigt zudem, dass nicht nur bestimmte Fragen, die von der Kunst aufgeworfen werden, sich im Lauf der Jahrzehnte kaum verändert haben. Auch der Blickwinkel ist ähnlich: Aus Bildern wie ‹Le Sacre du Printemps›, 1980, oder ‹Rauchhexe›, 1977, von Agnes Barmettler oder Maria Dundakovas Video ‹Sun Rite›, 1991, spricht eine Mythologisierung von Natur und Weiblichkeit, die heute wieder aktuell ist. Dass eine esoterische Komponente in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft und handfestes politisches Engagement sich nicht gegenseitig ausschliessen müssen, zeigen Werke von Doris Stauffer. Installationen wie ‹schneewittchen und die acht geisslein›, 1966, Fotos, Handzettel, die für ihre ‹Hexenkurse› an der von ihr mitbegründeten F+F Schule für experimentelle Gestaltung warben, vermitteln ein Bild der fantasievoll kämpferischen Künstlerin, die sich selbst als «Fotografin, Musikerin, Mannequin, Babyschwester, Erzieherin, Verkäuferin, Hausfrau, Hausfrau, Hausfrau, Hausfrau, Hausfrau, Demonstrantin!» bezeichnete. Ihre künstlerischen Lebenszeugnisse sind eine echte Wiederentdeckung. Im Graphischen Kabinett des Museums sind sie in Nachbarschaft zu Dokumenten zu Joseph Beuys zu sehen – einem der gros­sen Kunst-Polit-Umwelt-Aktivisten der 1970er- und 1980er-Jahre. 

Until 
31.07.2022

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