Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme — Fragmente des Widerstands

Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme · May amnesia never kiss us on the mouth: Only sounds that tremble through us, 2020–2022 (Detail), 4-Kanal-Videoprojektion (HD, Farbe, Ton) auf Stellwand, ­Metall- und Betonplatten, Gel-Filterfolie, Performer:innen: Rima Baransi, Haykal, Julmud, Makimakkuk. Foto: Stefan Altenburger

Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme · May amnesia never kiss us on the mouth: Only sounds that tremble through us, 2020–2022 (Detail), 4-Kanal-Videoprojektion (HD, Farbe, Ton) auf Stellwand, ­Metall- und Betonplatten, Gel-Filterfolie, Performer:innen: Rima Baransi, Haykal, Julmud, Makimakkuk. Foto: Stefan Altenburger

Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme · Where the soil has been disturbed, 2022 (Detail), Archiv-Tintenstrahldrucke auf Metall- und Betonplatten, getrocknete syrische Disteln und Mariendisteln, Ziegelsteine. Foto: Stefan Altenburger

Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme · Where the soil has been disturbed, 2022 (Detail), Archiv-Tintenstrahldrucke auf Metall- und Betonplatten, getrocknete syrische Disteln und Mariendisteln, Ziegelsteine. Foto: Stefan Altenburger

Besprechung

Das künstlerische Archiv von Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme bringt Kunstwerke hervor, spinnt Netzwerke und verschafft Kulturschaffenden Zugang zu Ressourcen. Diesen Sommer ist es im MoMA, an der Berlin Biennale und im Migros Museum zu sehen.

Basel Abbas & Ruanne Abou-Rahme — Fragmente des Widerstands

Zürich — Wie kann aus einem Fragment etwas Politisches entstehen? Die Frage treibt das Schaffen von Basel Abbas (*1983, Nikosia, Zypern) und Ruanne Abou-Rahme (*1983, Boston) an. Seit dem Arabischen Frühling vor über zehn Jahren sammelt das zwischen New York und Ramallah arbeitende Künstlerduo im Internet Materialien aus politisch instabilen Regionen. Sie schauen auf Menschen, die singend und tanzend ihrer Kultur Ausdruck verleihen, aber auch von Verlust und Trauer erzählen. Es sind Fragmente des Widerstands, die sie vor dem «Internet des Vergessens» retten und in einen künstlerischen Echoraum überführen. Aus den vorgefundenen Themen entstehen poetische Texte oder Zeichnungen; eingeladene Tänzer:innen und Musiker:innen greifen Melodien und Gesten für eigene Performances auf. ‹May amnesia never kiss us on the mouth› nennen Abbas und Abou-Rahme das Langzeitprojekt, das von der Dia Art Foundation und dem MoMA in New York produziert wurde.
Das Archiv ist das Herz dieses wachsenden Wissenskörpers. Es nimmt immer wieder neue digitale und physische Formen an. Erstmals trat es Ende 2020 als Webplattform in Erscheinung. Deren Besuch lohnt sich, um zu verstehen, wie die beiden aus der Montage von Film, Sound und Text Erzählräume schaffen. Sie fixieren die Fragmente nicht in linearen Narrationen. Das Material bleibt offen und in Bewegung. In der weitläufigen Videoinstallation im Migros Museum brechen senkrecht stehende Platten die Projektionen auf. Aus den Bildüberlagerungen entstehen dynamische Verbindungen zwischen tanzenden und singenden Körpern, schriftlicher und gesprochener Sprache. Und auch unsere Silhouetten werden für kurze Momente Teil davon.
Die Landschaft ist der einzige schweigende und ruhende Körper. Doch bleibt sie nicht unberührt. In der zweiten Installation ‹Where the soil has been disturbed› zeigt sie sich als umkämpftes Territorium. Platten, wiederum wie Stellwände montiert und mit Archivausdrücken versehen, und Ziegelsteine, in denen getrocknete Disteln stecken, beschreiben ein bruchstückhaftes Feld. Das stachelige Gewächs hilft zerstörten Böden, sich zu regenerieren. Im Nahostkonflikt vermag es bislang nicht zu heilen. Israel schränkte die Ernte der bei der palästinensischen Bevölkerung beliebten Nutzpflanze ein. Bekannt wurde das Schicksal eines Jungen, der erschossen wurde, als er durch einen Zaun kroch, um sie zu pflücken. Es ist nur eine von vielen Geschichten, die Basel Abbas und Ruanne Abou-Rahme in ihrem Archiv vor dem Verschwinden bewahren und in ihrem Werk widerhallen lassen.

Until 
11.09.2022

Advertisement