Jack Whitten — A colored life in every way

Jack Whitten · King’s Wish (Martin Luther’s Dream), 1968, Öl auf Leinwand, 172,4 x 131,4 cm. Foto: John Berens

Jack Whitten · King’s Wish (Martin Luther’s Dream), 1968, Öl auf Leinwand, 172,4 x 131,4 cm. Foto: John Berens

Besprechung

Jack Whitten hat ein Universum der Malerei und ihrer Reflexion hinterlassen, in dem es noch viel zu entdecken gibt. Erstmals sind bei Hauser & Wirth in der Schweiz seine Gemälde aus den 1960er-Jahren zu sehen. Diese vermitteln einen Eindruck seines eigenständigen Spätwerks.

Jack Whitten — A colored life in every way

Zürich — Bei aller Vielfalt dieser Ausstellung scheint es sich um rein gestische Malerei zu handeln, um in sich verschlungene, flüchtige Anspielungen auf Gesichter und Figuren in Landschaften oder auf heftige abstrakte Ereignisse in lichten, mehrfach überblendeten geometrischen Feldern. Tatsächlich waren Willem de Kooning und Franz Kline wichtige persönliche Begegnungen für den jungen Maler Jack Whitten (1939–2018), der 1960 aus Alabama in New York ankam. De Kooning erzählte ihm, wie eine Geste zur nächsten führe, sobald der Pinsel die Leinwand berühre. Und so erfahren sich Whittens Bilder als Rhythmen mit Stopps und Sprüngen, mit überraschenden Wechseln zwischen Erzählung und freier Gestik.
Raum hat für Jack Whitten nicht nur eine landschaftliche oder eine kosmische Dimension. Er ist auch ein politisches Spannungsfeld, in dem sich das «colored life» eines Schwarzen Künstlers unter «American apartheid» abspielt: Zwei Bilder erinnern im Titel an Martin Luther Kings ‹Traum› und an Kings Ermordung. Der Clash ausfliessender Farben und hektischer Striche in ‹NY Battle Ground›, 1967, reflektiert die alltägliche Gewalt der Metropole, die Bombardierungen während des Vietnamkriegs und deren massenmedialen Konsum. Eine feine, schwarz gemalte Rahmung evozierte damals den Fernsehbildschirm. Uns heute trifft diese zerrissene Landschaft wie aktuelle Szenen aus den Drohnenkriegen auf wechselnden Displays.
Whitten ringt bei der Bestimmung seiner Formate schon früh um das Bild als plastisches Objekt und als scharf ausgezeichnete Zone des Illusionismus. Ein Tondo, vier abgeschrägte Ecken, arrondierte oder rechtwinklig schwarz gemalte Rahmen und Binnenbilder definieren den multiplen Ort dieser Malerei. Bereits in den frühen Bildern finden sich Spuren jener umfassenden Reflexion des malerischen Vorgehens, die Jack Whitten schliesslich zur grossflächigen abstrakten Malerei mit Rakel – Jahre vor Gerhard Richter – und zur Acrylfarbe als Rohstoff für farbige Bildmosaike geführt hat, stets auch begleitet von plastischen Arbeiten in stupend diversen Materialien.
Die Bilder der 1960er-Jahre sind noch eher erzählerisch und bestimmt von den Beziehungen zwischen Figuren und Objekten, Objekten und Raum. Später wird das Verhältnis zwischen Licht, Materie und Raum dominieren. Doch immer werden wir bei Jack Whitten an die Dynamik der Raumzeit erinnert. Die Statik seiner Malerei ist eine vibrierende Fusion aus Farbstoff und Energie, die fesselt, die keine abgeklärte Distanz erlaubt. 

Until 
20.08.2022
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Jack Whitten 10.06.2022 to 20.08.2022 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Author(s)
Hans Rudolf Reust
Artist(s)
Jack Whitten

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