Su Yu Hsin — There is no before and after in waves

Tidal Variations, 2021, Videostill, 1-Kanal-Videoinstallation, 14’’40’, Loop, Masse variabel, Courtesy Galerie Alexander Levy, Aussstellungsansicht Kunsthalle Winterthur

Tidal Variations, 2021, Videostill, 1-Kanal-Videoinstallation, 14’’40’, Loop, Masse variabel, Courtesy Galerie Alexander Levy, Aussstellungsansicht Kunsthalle Winterthur

frame of reference I, 2020, und frame of reference II, 2020, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur

frame of reference I, 2020, und frame of reference II, 2020, Ausstellungsansicht Kunsthalle Winterthur

Fokus

Die taiwanesische Künstlerin Su Yu Hsin untersucht, wie wir wahrnehmen, erforschen und Schlüsse ziehen. In ihren essayistischen Videoinstallationen stellt sie Fragen nach Machtverhältnissen und Glaubenssätzen – und welchen Einfluss diese auf die Vorstellung «wissenschaftlicher Objektivität» haben. Dies zeigt ihre Ausstellung in der Kunsthalle Winterthur. 

Su Yu Hsin — There is no before and after in waves

Wir sehen Kameras, Wetterstationen und Seismografen auf einem länglichen Bildschirm, der sich horizontal durch den ersten Raum der Kunsthalle zieht. Die Instrumente ragen aus der grünen Landschaft des Taroko National Park empor, registrie­ren tektonische Bewegungen oder den Einfluss klimatischer Bedingungen auf Erdrutsche. Die Aufnahmen werden collageartig neben- und übereinandergelagert, von Bildern des Flusses Liwu flankiert, der sich durch den Park im Osten von Taiwan schlängelt. Wir folgen ihm aus der Vogelperspektive, dann von Nahem, wie er sich den Weg durch das Dickicht bahnt, tauchen schliesslich ein. Blasen steigen auf, das Tageslicht schimmert noch tief im Wasser.
Diese poetischen Szenerien ergänzt Su Yu Hsin in ihrer Videoinstallation in Winterthur mit dem Material jener Kameras, welche die Umgebung monitoren. Die taiwanesische Künstlerin widmet sich der Frage, wie wissenschaftliche Daten erfasst und ausgewertet werden.

Situiertes Wissen
In der zweiteiligen Videoinstallation ‹frame of reference› verweist Su Yu Hsin auf den Prozess, den wissenschaftliche Erkenntnisse durchlaufen, dem vermeintlich «objektive» Entscheidungen zugrunde liegen. «Schon die Positionierung einer Kamera geht mit der Auswahl eines Ausschnittes einher», sagt Su. «Unsere Sicht ist immer einseitig, immer fragmentarisch.»
Während wir uns also um den Bildschirm in der Kunsthalle bewegen, wird unweigerlich deutlich, wie subjektiv auch unsere Wahrnehmung ist; wir richten unsere Aufmerksamkeit auf ein Bild, fokussieren dann auf ein nächstes und verpassen andere Aufnahmen, die zwischenzeitlich eingeblendet wurden. Bei dieser Überlegung bezieht sich Su Yu Hsin auf die US-amerikanische Biologin und Philosophin Donna Haraway. In ihrem Essay ‹Situated Knowledges› von 1988 schreibt Haraway, dass Sehen – und die daraus resultierende Erkenntnis – immer eine Frage der Perspektive sei. Entsprechend gilt es die eigene Position zu reflektieren, aus der beobachtet und bewertet wird. Unsere Verortung in einem gesellschaftspolitischen Kontext wirft nicht nur Fragen nach wissenschaftlicher Objektivität auf, sondern auch nach den jeweiligen Machtverhältnissen, in denen Wissen entsteht und etabliert wird. Auch auf diesen Aspekt ging Haraway ein, als sie schrieb: «Vision is always a question of the power to see – and perhaps of the violence implicit in our visualizing practices.» Damit knüpft sie an den Begriff der epistemischen Gewalt an, der etwa von der postkolonialen Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak geprägt wurde. Darauf geht Spivak in ihrem einflussreichen Essay ‹Can the Subaltern Speak?› ein, das 1988 erstmals veröffentlicht wurde.

Wechselseitige Beziehungen
Su Yu Hsin richtet in ihrer künstlerischen Praxis das Schlaglicht auf das Bezugssystem, innerhalb dessen einer Forschungsfrage nachgegangen wird, auf die bewussten und unbewussten Glaubenssätze. Dabei spielt auch unser Verständnis von «Natur» eine Rolle. Denn die Kameras, Wetterstationen und Seismografen, die im Park aufgestellt wurden, scheinen über die jeweiligen Vorgänge zu wachen, ohne darin eingebunden zu sein. Mit dieser Überlegung schliesst Su neben Donna Haraway auch an den französischen Philosophen Bruno Latour an. In seiner «Akteur-Netzwerk-Theorie», die er Ende der 1980er-Jahre formulierte, besteht eine Umgebung, etwa der Taroko National Park, aus verschiedenen Akteurinnen und Akteuren, die in wechselseitigen Beziehungen zueinander stehen. Das können Pflanzen oder Tiere sein, aber auch Technologien wie Kameras oder die Vorstellungen der jeweiligen Forscherinnen und Forscher, die diese platziert haben.
Anhand der Ausführungen von Latour wird die Komplexität deutlich, die unserer unmittelbaren Umgebung innewohnt. Darauf bezieht sich Su Yu Hsin im zweiten Teil von ‹frame of reference›. Auf einem länglichen, diesmal vertikal ausgerichteten Bildschirm fährt eine Kamera einem Bohrloch entlang. Wir folgen dem Objektiv, sehen die verschiedenen Schichten, spüren die Zeit, die dort gespeichert ist – und wie sie sich unserer Vorstellungskraft entzieht. «Materie ist ein Archiv vergangener Ereignisse», fügt Su an. «Sie ist lebendig, speichert und erinnert.» Durch die Nähe der Aufnahme und das grosse Format verlieren wir bei der Betrachtung jegliche Orientierung. Es ist schwer vorstellbar, welche Fülle an Information dort enthalten ist.

Wird es heute regnen?
Während im ersten Raum der Kunsthalle der Fokus darauf liegt, wie wissenschaftliche Daten entstehen, geht es im zweiten und letzten Raum um den Bezug zu den jeweiligen Technologien, die uns diese Informationen übermitteln. «Wird es heute regnen?» haben wir uns vermutlich schon oft gefragt, während wir den Blick auf unser Smartphone warfen, ohne ihn vorher aus dem Fenster schweifen zu lassen. Das ist das zugrundeliegende Thema der Videoinstallation ‹Tidal Variations›. Zu sphärischen Klängen und digital programmierten Bildern, die an elektromagnetische Wellen oder an das weite Meer denken lassen, spricht eine ruhige Stimme aus dem Off. Sie schildert, wie wir mit den Informationen umgehen, die auf unserem Endgerät angeschwemmt werden; wie wir uns durch die vielen Tabs klicken, die wir im Browser geöffnet haben, einem Link nach dem anderen folgen. «There is no before and after in waves», sagt die Stimme. «No beginning and no end. Only the dynamic movement of an ongoing system.» Ähnlich wie die Erdschichten, die uns zuvor begegnet sind, kann auch Wasser Träger von Informationen sein, wenn wir etwa an die im Meer verlegten Tiefseekabel denken. Damit stellt sich unweigerlich die Frage nach der Kolonisierung von Lebensräumen, womit wir weg von Bruno Latour und wieder bei der anthropozentrischen Ordnung angelangt sind.

Fehler im System
Nicht zuletzt thematisiert Su Yu Hsin auch die Informationsarchitektur, in die wir eingebunden sind, und wie die Grenze zwischen analogen und digitalen Räumen unschärfer wird. Hier findet auch der Glitch seine Erwähnung. Der Glitch, der eigentlich als Fehler im System gilt, hat das Potenzial, jene Infrastruktur sichtbar zu machen, die oft unbemerkt bleibt. Wir wissen genau, wo unser Daumen auf dem Smartphone zu platzieren ist, um es zu entsperren. Wir sehen gar nicht erst hin, können die Stelle haptisch von der restlichen glatten Oberfläche unterscheiden. Erst, wenn es nicht funktioniert, wird uns bewusst, wie automatisch sich diese Handlung ereignet.
In ihren essayistischen Videoinstallationen verpasst es Su Yu Hsin nicht, auf den Körper zurückzukommen, auf die Muster, die dort eingeschrieben werden. Entsprechend sind in ‹Tidal Variations› Aufnahmen der Tänzerin und Choreografin Angela Goh zu sehen. Ihr Gesicht wird in einigen Szenen von Nahem gefilmt; wir sehen ihre braunen Augen, die schnell blinzeln, um sich von den Emissionen der Bildschirme zu erholen. Das lässt uns nicht zuletzt daran denken, wie unser Blick durch den schnell getakteten Content der sozialen Netzwerke wie Instagram oder TikTok geschwemmt wird. Wir treiben mit diesen Inhalten mit, fünf Sekunden hier, sechs Sekunden dort. Unweigerlich verändern sich dadurch auch unsere Sehgewohnheiten. Vielleicht lassen wir inmitten dieser Informationsflut unsere Augen nicht geöffnet, um uns auf etwas zu fokussieren, sondern schliessen sie.

Giulia Bernardi ist freischaffende Kulturpublizistin und lebt in Zürich. giulia.bernardi@outlook.com
 

Until 
24.07.2022

Su Yu Hsin (*1989, Taichung) lebt in Berlin
Seit 2019 Studium in Medienkunst ‹Expanded Cinema›, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
2017–2019 Vordiplom in Medienkunst, Hochschule für Grafik und Buchkunst, Leipzig
2012/13 ‹Post Experience Programme› in visueller Kommunikation, Royal College of Art, London
2008–2012 Bachelor in Kommunikationsdesign und 3D-Animation, Universität Shih Chien, Taipeh

Einzelausstellungen (Auswahl)
2021 ‹frame of reference›, Alexander Levy, Berlin
2019 ‹Another Order of Time›, Taipei Artist Village

Gruppenausstellungen (Auswahl)
2022 ‹Futur 21 – kunst industrie kultur›, Henrichshütte Hattingen
2021 ‹Sustainable Museum – Art and Environment›, Busan Museum of Art; ‹Toi et moi, on ne vit pas sur la même planète›, Centre Pompidou-Metz; ‹The Rearview Landscape, or a Trip of Ownership›, UCCA Dune Art Museum, Qinhuangdao
2020 ‹You and I Don’t Live on the Same Planet›, Taipei Biennial; ‹Critical Zones›, Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe; ‹In the Era of Asia’s Post-LCC›, Kyoto Art Center
 

Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Wet Mechanics of Seeing — Su Yu Hsin 29.05.2022 to 24.07.2022 Exhibition Winterthur
Schweiz
CH
Author(s)
Giulia Bernardi
Artist(s)
Su Yu Hsin

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