Varlin/Moser — Wild und expressiv

Varlin · Das geschlachtete Schwein, 1972, Öl und Kohle auf ungrundierter Leinwand, auf Sperrholz aufgeklebt, 180 x 140 cm, Sammlung Sonzogno, Italien

Varlin · Das geschlachtete Schwein, 1972, Öl und Kohle auf ungrundierter Leinwand, auf Sperrholz aufgeklebt, 180 x 140 cm, Sammlung Sonzogno, Italien

Wilfrid Moser · Aux Halles, 1962, Öl und Collage auf Papier auf Leinwand, 97 x 120 cm, Privatbesitz

Wilfrid Moser · Aux Halles, 1962, Öl und Collage auf Papier auf Leinwand, 97 x 120 cm, Privatbesitz

Besprechung

Der Titel passt. Denn ‹Exzessiv!› steht für die «exzessiven Wahrheitssucher» Varlin und Wilfrid Moser, die sich ein Leben lang ihre Wildheit bewahrt haben und im Museum zu Allerheiligen beweisen, wie aktuell ihr Schaffen ist. In ausgesuchten Werken begegnen uns zwei Zürcher von europäischem Rang.

Varlin/Moser — Wild und expressiv

Schaffhausen — Zum Glück für alle ist die Schau viel grösser geworden als geplant: sieben Räume für Varlin und Moser, darin gut hundert Werke zu sieben Themenblöcken gruppiert; und die Begeisterung von Gastkurator Matthias Frehner, der sich für die beiden Künstler engagiert, ist ansteckend. Denn auch das wird deutlich: Da geht es nicht nur um die Entdeckung von Gemeinsamkeiten, die Willy Guggenheim (1900–1977) alias Varlin und Wilfrid Moser (1914–1997) verbinden, sondern, wie in der Begleitpublikation vertiefend dargelegt, auch um die Bedeutung dieser «Schlüsselfiguren der Schweizer Kunst des 20. Jahrhunderts», die hierzulande und in der internationalen Kunstgeschichte einen besseren Platz verdienten. Ihre «Gegenständlichkeit» – sogar Mosers informelle Malerei bleibt wirklichkeitsbezogen, stellt Frehner fest – mag dem entgegenstehen. Beim Gang durch die sehr sinnlich wirkende Ausstellung rücken theoretische Fragen in den Hintergrund. Im vergleichenden Schauen sind zwei absolute Vollblutkünstler zu erleben, die sich der Wirklichkeit stellen, sich und ihre Zeit und die Conditio humana reflektieren, unheimlich dynamisch, schonungslos nach allen Seiten, bedrohlich lebendig; explosiv. Manche Werke behaupten eine abgrundtiefe, aus weiten Echoräumen hallende und zugleich körperliche Präsenz. Ihre Energie, ihre Ausdrucksfülle schwingt lange nach.
Die Einzelgänger Varlin und Moser sind sich früh begegnet. Unabhängig von einander haben sie zu ähnlichen Motiven gefunden, die charakteristisch sind für ihr Werk: Metzgereien mit ihren Fleischauslagen, Fleischhallen und geschlachtete Körper; blutige Opfer, Zeugen des Todes. Dazu Plätze, Strassen, Hausfassaden – «Fassaden mit Gesicht», wie Varlin sagte –, Kirchen, auf- und abwärts Stürzendes, eine Fülle von Bildthemen, in denen sich der existenzialistische Realismus der beiden Künstler manifestiert. Beide haben auf der Suche nach Existenzbewältigung auch ihre ganz individuellen Motive entwickelt: bewegend Varlins Atelier- und Friedhofsbilder, beeindruckend seine Goya-Paraphrasen, dazu Varlin der Porträtist, der mit hingehauenen Pinselstrichen Menschen erkennt. Moser, der Intellektuellere der beiden, kein Porträtmaler, aber einer, der in seinen ‹Maisons ouvertes› oder den Labyrinthen der Métro den Menschen als panisch Getriebenen, Ausgelieferten, Verlorenen zeigt, besticht zudem mit Stein- und Felsbildern und packender Mythennähe. Beruhigt ist da, wie bei Varlin, gar nichts. Stattdessen Aufruhr, in jeder Hinsicht. 

Until 
25.09.2022
Exhibitions/Newsticker Date Type City Country
Varlin/Moser — Exzessiv! 08.04.2022 to 25.09.2022 Exhibition Schaffhausen
Schweiz
CH
Author(s)
Angelika Maass
Artist(s)
Wilfrid Moser
Varlin

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