Christoph Rütimann — Kulturkeulen, ein Langzeitprojekt

Kulturkeulen, 2018 © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Kulturkeulen, 2018 © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Kulturkeulen und Sonnenblumen, 2019 © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Kulturkeulen und Sonnenblumen, 2019 © ProLitteris. Foto: Stefan Rohner

Fokus

In den weitläufigen Arbeitsräumen von Christoph Rütimann im thurgauischen Müllheim stapeln sich weit über hundert Holz­objekte. Es sind geschälte, polierte und lackierte Stämme mit Knollenbildungen. Der Künstler steht mitten in einem vielschichtigen Langzeitprojekt. Er spricht von ‹Kulturkeulen›. In der Galleria Periferia in Luzern stellt er das Projekt vor. 

Christoph Rütimann — Kulturkeulen, ein Langzeitprojekt

Die Holzobjekte sind alle von ähnlicher Struktur. Sie weisen alle am unteren Ende knollenartige Wucherungen auf. Nur in den Dimensionen und den Details sind sie verschieden: einmal schmal und schlank, dann dick und gedrungen. Auch die Wucherungen unterscheiden sich: Einmal wirken sie wie Wundnarben, dann wie Geschwüre. Es gibt schwere Exemplare, die sich kaum handhaben lassen, und handkehrum sind sie zierlich und leicht. Im kleinen Hof neben dem Atelier stehen und liegen weitere Holzstücke. Hier treibt Christoph Rütimann seine Beschäftigung mit den ‹Kulturkeulen› weiter – einem Langzeitprojekt, das er vor mehr als zwei Jahren begonnen hat. Die ‹Kulturkeulen› wurzeln im modernen Obstbau, welcher in den vergangenen mehr als fünfzig Jahren die Thurgauer Landschaft, in der Rütimann seit zwanzig Jahren lebt, entscheidend verändert hat: Die unrentablen Hochstammbäume mussten langen Reihen von Niederstammbäumen weichen. Die neue Form der Obstkultur gestattet den Einsatz von technischen Hilfsmitteln und führt zu schönen Äpfeln von gleichmässiger Qualität. Die Lebensdauer dieser neuen Niederstammbäume beträgt rund zwanzig Jahre. Dann werden sie gehäckselt.

Reizvolle Veredelungen
Christoph Rütimann entdeckte auf Erkundungstouren durch den Thurgau diese Abfälle moderner Obstkultur. Ihm fielen die Verdickungen am unteren Ende der Stämme auf. Diese Knollen sind eine Reaktion der Pflanze auf den Eingriff der Veredelung. Dort, wo der Fachmann die Rinde des jungen Stocks einschneidet und die von einem anderen Baum gewonnenen Edelreiser einfügt, wächst jener Knollen heran, der dem geschälten und fein bearbeiteten Baumstamm das Aussehen einer Keule gibt. Darum der Name «Kulturkeulen». Die Keulen sind organisch in ihrer Form und zugleich vielgestaltig. Sie bezeugen Harmonie und tragen Spuren von Leben und Wachstum. Ihre Oberfläche hat die sinnliche Qualität menschlicher Haut. Es reizt, sie zu befühlen. Sie können in durchaus populärem Sinne schön sein. Die Veredelung ist ein wesentlicher Prozess in der Obstkultur und, in ganz unterschiedlichen Formen, in der ganzen Agrikultur. Um beim Obstbau zu bleiben: Ohne diese Veredelung – eigentlich eine Transplantation: das Aufpfropfen der Edelreiser auf die jungen Wurzelstöcke – kann ein Baum keine edlen Früchte tragen. Mit diesen Prozessen setzt sich Christoph Rütimann auseinander. Wie auch bei früheren Werk serien – zum Beispiel seiner lange Jahre andauernden Beschäftigung mit Waagen oder mit Grundfragen der Malerei – stellen sich ihm auch hier bei intensiven Recherchen stets neue Fragen. Und immer wieder eröffnen sich neue Denkräume, die er mit seiner Arbeit auch für Betrachterinnen und Betrachter erschliesst. Der künstlerische Prozess, der hinter dem Projekt ‹Kulturkeulen› steht, führt weit über Aspekte der Agrikultur hinaus – zum Beispiel in den Bereich der Sprache und der Wortbedeutungen: Die Holzobjekte mit Schaft und dickem Ende sind offensichtlich Keulen. Doch was ist eine Keule? Eine Schlagwaffe: Sie verstärkt die Schlagkraft des Armes und hält den Gegner auf Distanz. Wer sie schwingt, setzt auf Gewalt. Vielleicht schlägt er aber nur auf weiches Material ein und hinterlässt damit eine Kuhle, die Hohlform einer Kugel. So konstatiert Rütimann: «Eine Aktion mit der Keule endet als Kuhle oder Beule.» Die Wörter gehen auf den gleichen indogermanischen Wortstamm zurück, greifen ineinander, meinen aber ganz Verschiedenes. Eindeutigkeit ist jedenfalls auch da nicht gegeben. In übertragenem Sinn kennen wir das Wort von Begriffspaaren wie Nazi-Keule: Wer sie schwingt, schwingt keine Keule, sondern unterstellt seinem Gegner Nazi-Methoden.

Metapher für allgemeine kulturelle Entwicklung
Doch nun spricht Christoph Rütimann von Kulturkeulen. Was hat es damit auf sich? Die Knollenbildung ist ein «Kollateralprodukt der Obstkultur», das absichtslos anfällt. Zugleich zeigt es: Der (obst-)kulturelle Mehrwert wird nur dank dieses Eingriffs in das natürliche Wachstum möglich. Eine Metapher für allgemeine kulturelle Entwicklungen: Das Erzeugen von kulturellem (und nicht nur kulturellem) Mehrwert ist begleitet von unbeabsichtigten, aber doch folgenreichen Begleiterscheinungen. Der Künstler lässt uns an seinen Beobachtungen teilhaben. Er tut das, seinem ganzen Schaffen entsprechend, mit grossem Aufwand an intellektueller und materieller Energie und bis in alle feinsten Verästelungen der Reflexion hinaus. Aber er gibt keine Antworten. Unsere Freiheit der Interpretation, des Analysierens der Mehrdeutigkeit des Kulturkeulen-Projekts, bleibt, auch als anspruchsvolle Herausforderung, intakt.

Werkzeuge der Mehrdeutigkeiten
Über diese Mehrdeutigkeiten der Metapher lohnt es sich nachzudenken. Die ­Keule ist Werkzeug, dessen Qualität sich erst in seiner Anwendung erweist. Die Art der Anwendung bleibt der Phantasie des Besitzers überlassen. Christoph ­Rütimann hat sich mehrfach mit der Idee des Werkzeugs befasst. Sein bewusster Einsatz ­ermöglicht oder verändert die Wahrnehmung, aber auch das Werkzeug selber in Aus­sehen und Funktion. Dazu drei Beispiele: 1983 warf er eine Fotokamera mit ­betätigtem Selbstauslöser einem Rapsfeld entlanglaufend mehrfach in die Höhe und ­bediente sich ihrer so wie eines Pinsels, um ein vom Gelb des Rapses und vom Blau des ­Himmels bestimmtes «Gemälde» entstehen zu lassen. Seine Fahrten mit der Videokamera verbinden Stadträume oder Landschaftsteile, die wir ohne dieses Werkzeug nicht als etwas Zusammenhängendes erkennen könnten. Im Kunstmuseum des Kantons Thurgau in Warth befindet sich seine Arbeit ‹Basta aver uno strumento›, 1989: eine weisse zerkratzte Marmorsäule. Die Kratzer rühren daher, dass der Künstler mit einer Machete wild auf sie einschlug, als wolle er, Michelangelos Dictum entsprechend, eine Skulptur aus dem Steinblock befreien. Allerdings blieben die Spuren im Marmor gering, während sich die Machete zur Skulptur verformte.

Auszeichnung und Appell
Die Mehrdeutigkeit des Werkzeugs Keule zeigt sich auch in der Verwendung dieser Objekte, die Christoph Rütimann Persönlichkeiten der Kunst oder der Kulturpolitik verlieh, was durchaus irritieren und auch Vorurteile zurechtrücken konnte. Am 26. Oktober 2016 übergab er, eben mit dem Kunstpreis des Kantons Thurgau ausgezeichnet, seinem Laudator Beat Wismer (damals Direktor des Museums Kunstpalast Düsseldorf) und Monika Knill (Regierungsrätin des Kantons Thurgau) eine Kulturkeule. Eine Keule für die Politikerin? Keulen für Wismer und Knill, weil der Einsatz beider, des Museumsmannes und der Politikerin, eine Auszeichnung verdient? Weil beide in ihrer Arbeit, wollen sie Veränderungen herbeiführen, mitunter zur Keule greifen sollen oder gar müssen? Was auch vom Künstler selber und seiner Arbeit gelten mag. An den Ausstellungen ‹Heimspiel›, 2018/19 der Kantone St. Gallen, Appenzell, Glarus und Thurgau sowie Liechtenstein und Vorarlberg unterstrich Christoph Rütimann mit ‹7 Kulturkeulen für 7 Regionen› die Vernetzung deren kulturellen und politischen Institutionen. Er vergab die Keulen übers Kreuz: Vorarlberg erhielt die Keule von Appenzell-Innerrhoden; Appenzell-Innerrhoden erhielt jene von St. Gallen usw. Wie sich das Langzeitprojekt ‹Kulturkeulen› weiterentwickelt, wusste Christoph Rütimann bei meinem Besuch in seinem Atelier in Müllheim noch nicht zu sagen: Das Ende bleibt offen. Die Ausstellung in der Galerie Periferia in Luzern ist ein erster Schritt hin zu einem neuen Umgang mit dem Projekt, mit dem der Künstler bisher nur in kulturpolitischem Kontext und im Zusammenhang mit Verleihungen an die Öffentlichkeit getreten ist. In der Ausstellung spielt Christoph Rütimann verschiedene Präsentationsformen der ‹Kulturkeulen› durch. Viele Keulen zusammen werden als raumbezogene Installation gezeigt. Andere werden zu Bestandteilen von Mobiliar, eines Keulenbein-Tisches zum Beispiel. In Vitrinen sind Querschnitte durch die Keulen ausgelegt, dünne Holzscheiben von warmer, gelblich-brauner Farbe und von einem wunderbaren Reichtum an Strukturen und Formen.

Niklaus Oberholzer ist Publizist und lebt in Horw bei Luzern. niklausoberholzer@bluemail.ch

Christoph Rütimann, Galleria Perferia Luzern, jeweils samstags 12 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung, 24.8.–21.9.; mit Publikation in der Edizioni Periferia, Collection Minimono; Performance am 31.8., 18.00 Uhr im Rahmen von Kunsthoch Luzern ↗ www.periferia.chwww.kulturkeule.ch
→ ‹Villa Bleuler Gespräch›, mit Christoph Rütimann und Martina-Sofie Wildberger, SIK-ISEA/Villa ­Bleuler, Zollikerstrasse 32, Zürich, am 22.10., 18.30–20.00 Uhr, mit Apéro ↗ www.sik-isea.c

Until 
21.09.2019

Christoph Rütimann (*1955, Zürich), lebt in Müllheim im Thurgau
Aufgewachsen in Schiers, Lehrerpatent, Besuch der Schule für Gestaltung in Luzern
Ab 1999 Wohnsitz zusammen mit seiner Partnerin, der Schriftstellerin Zsuzsanna Gahse, in Müllheim

Einzelausstellungen (Auswahl)
2016 Kunstmuseum Solothurn
2012 Kunsthaus Zug
2011 Galerie Mai 36, Zürich
2008 Kunstmuseum Bonn
2007 Kunstmuseum St. Gallen; Kunstmuseum des Kantons Thurgau, Kartause Ittingen
2002 Aargauer Kunsthaus Aarau; Kunstmuseum Luzern
1999 Kunsthalle Bern
1995 Westfälischer Kunstverein, Münster
1993 Biennale Venedig, Kirche San Staë
1991 Kunstverein Freiburg i.B.

Advertisement