Roger Buergel — Ästhetik lebt von Umwegen

Das Jacobs Haus, Halle mit Fries, Johann Jacobs Museum Zürich

Das Jacobs Haus, Halle mit Fries, Johann Jacobs Museum Zürich

 Adolf Menzel, Indianer-Café auf der Wiener Weltausstellung 1873, Gouache auf Papier, 1873, Sammlung Johann Jacobs Museum, alle Aufnahmen Courtesy Johann Jacobs Museum

 Adolf Menzel, Indianer-Café auf der Wiener Weltausstellung 1873, Gouache auf Papier, 1873, Sammlung Johann Jacobs Museum, alle Aufnahmen Courtesy Johann Jacobs Museum

Mundverschluss, Kaffee aus Helvécia: Afrikanisches Brasilien, St. Galler Stickerei und eine modernistische Utopie, Ausstellungsansicht Johann Jacobs Museum Zürich

Mundverschluss, Kaffee aus Helvécia: Afrikanisches Brasilien, St. Galler Stickerei und eine modernistische Utopie, Ausstellungsansicht Johann Jacobs Museum Zürich

Weltausstellung, 2019, Ausstellungsansicht Johann Jacobs Museum Zürich

Weltausstellung, 2019, Ausstellungsansicht Johann Jacobs Museum Zürich

Bibliothek, Johann Jacobs Museum Zürich

Bibliothek, Johann Jacobs Museum Zürich

Aiko Tezuka · Do You remember me – I was about to forget, 2018

Aiko Tezuka · Do You remember me – I was about to forget, 2018

Aiko Tezuka · Do You remember me – I was about to forget, 2018, Installationsansicht Johann Jacobs Museum Zürich

Aiko Tezuka · Do You remember me – I was about to forget, 2018, Installationsansicht Johann Jacobs Museum Zürich

Portrait Roger Martin Buergel

Portrait Roger Martin Buergel

Fokus

Roger M. Buergel, der Direktor des Johann Jacobs Museums in Zürich, spürt in seinem Ausstellungsprogramm seit 2013 «den weltumspannenden Verflechtungen unserer Lebenswelt» nach. Damit knüpft er an einen kuratorischen Ansatz an, den er als künstlerischer Leiter der documenta 12 (2007) in einem grösseren Rahmen erprobt hatte. 

Roger Buergel — Ästhetik lebt von Umwegen

Rosenmeyer: Wie entwickelte sich das Kaffeemuseum zum aktuellen Johann Jacobs Museum? Woher kam die Motivation, mit dem Kaffeemuseum das Format «Museum» neu zu erfinden?
Buergel: Nach dem Ableben von Klaus J. Jacobs erhielt ich von seinen Kindern die Einladung, über die künftige Ausrichtung des Museums nachzudenken. Sie wollten das Haus am Seefeldquai, das ja auch Sitz der Jacobs Foundation ist, stärker an zeitgenössische Fragen anbinden. Die Inspiration für das neue Programm verdankt sich paradoxerweise alten Büchern. Jacobs hatte eine ganze Bibliothek angelegt, die zwar vom Kaffee handelt, dabei aber in alle erdenklichen Richtungen ausschweift. Neben Polizeiberichten aus dem vorrevolutionären Paris finden sich Debatten aus dem englischen Unterhaus zur Abschaffung der Sklaverei, Engelbert Kaempfers berühmte Enzyklopädie Japans aus dem späten 17. Jahrhundert oder Tschudis Beschreibungen des Schicksals Schweizer Auswanderer nach Brasilien. Diese Bücher (rund 6000 Bände) eröffnen faszinierende Perspektiven auf die dramatischen Entstehungsprozesse der modernen Welt. Mir persönlich kam ein solcher Ansatz entgegen. Bereits im Rahmen der documenta 12 (2007) hatte ich mich an einer Archäologie der globalen Moderne versucht, nur fehlte damals die Zeit, diesen Ansatz systematisch zu verfolgen. Wenn man mit Kunstschaffenden aus nicht-westlichen kulturellen Geografien arbeitet, merkt man schnell, dass die Begriffe des westlichen Kunstsystems stumpf werden, dass sie sich nicht universalisieren lassen - das fängt schon beim Begriff «Kunst» selbst an. Nimmt man dann noch Produktgeschichten dazu, nicht nur Kaffee, sondern auch Schokolade, Rohöl, Gummi, Opium und so weiter und folgt den Handelswegen dieser Produkte sowie den politischen und kulturellen Verwerfungen entlang dieser Wege, die Asien, Afrika, Amerika und Europa verbinden, dann sieht man sich bald einer interessanten Aufgabe gegenüber: Wie lassen sich diese Zusammenhänge denken, wie in Bilder übersetzen, wie für ein Publikum erschliessen? Zur künstlerischen Forschung und Formalisierung tritt bei uns noch die wissenschaftliche Betrachtung hinzu.
Rosenmeyer: Hat das Museum für Sie eine Dienstleistungsfunktion?
Buergel: Die Kunst leistet gewisse Dienste, diese aber sind nicht produktförmig und unterstehen keinem Kosten-Nutzen-Kalkül. Unser Museum wird von einer privaten Stiftung finanziert und das scheint mir für den experimentellen Ansatz und die Autonomie, die ein solcher braucht, unerlässlich. Darüberhinaus nehmen wir unseren Bildungsanspruch ernst.
Rosenmeyer: Verstehen Sie ein Museum als ein Angebot, mit definiertem Publikumszugang, oder soll das Museum nach draussen gehen, um sein Publikum zu suchen?
Buergel: An Outreach-Programme glaube ich persönlich nicht, sondern denke eher, dass ein Museum wie das unsere von seinem Publikum lernen kann. Mit einer Zürcher Schule arbeiten wir im Rahmen eines Programms, wo sich Schülerinnen und Schüler bei der Präsentation unserer Exponate wissenschaftlich und ästhetisch vorwagen. Dabei bringen sie ihre Mediengewohnheiten ebenso ein wie ihre Migra­tionsgeschichten oder ihre Wertevorstellungen. Solche Prozesse, die das Museum und seine Abläufe von innen umkrempeln, erscheinen mir wichtig.

Sprechende Kunstobjekte
Rosenmeyer: Sammelt das Museum?
Buergel: Aus der ehemaligen Kaffeesammlung haben wir Schlüsselstücke behalten, beispielsweise Menzels «Indianerzelt» von der Wiener Weltausstellung 1873 mit seinen afrikanischen Kellnern. Einige Objekte, chinesisches Exportporzellan beispielsweise, zeigen wir in der Halle. Dazu kommen Werke, die wir aus unseren Ausstellungen heraus erwerben. Aiko Tezuka hatten wir um einen Beitrag gebeten für eine Ausstellung, die sich um Zucker drehte und um die Ausdehnung Japans im pazifischen Raum. Dieses Werk, 10 Stickereien nach fotografischen Motiven zur japanischen Auswanderung nach Hawaii, ist in die Architektur des Museums integriert. Wir sammeln also nicht um des Sammelns willen, sondern erwerben Bausteine für unser Programm.
Rosenmeyer: Auf Ihrer Website ist die Rede von der «Migration der Form», einer Methode des Umgangs mit Objekten, um globale Verflechtungen offenzulegen. Es scheint mir, dass gewisse Objekte in Ausstellungen als Platzhalter funktionieren.
Buergel: Die «Migration der Form» beschäftigt uns, doch geht es dabei um mehr als nur künstlerische Formen. Nicht nur Objekte wandern, sondern auch soziale Formen (Clans, Familien, ganze Gesellschaftssysteme), Denkformen und Glaubensformen. Aber es stimmt, dass manche Objekte den Blick auf diese verschachtelten Dynamiken freigeben, dass sie zwei, drei oder mehr Sprachen sprechen und uns ähnlich der Kristallkugel einer Wahrsagerin Bezüge von Vergangenheit und Gegenwart aufzeigen können, wenn man sie denn sprechen lässt.
Rosenmeyer: Welche Einstellung haben Sie gegenüber Ausstellungstexten?
Buergel: Wenn es Texte gibt, dann meinen viele Leute, dass sie diese erst lesen müssen, bevor sie sich dem Objekt nähern dürfen. Das ist nicht gut, weil es das assoziative Vermögen und die Freiheiten der Imagination schmälert. Dennoch finden sie zu jeder unserer Ausstellungen umfangreiches Textmaterial, aber ich hoffe, dass sich die Texte anders lesen, poetischer und offener, als jene standardmässigen Erklärungen, die Angst vor Unwissen und Mehrdeutigkeit haben.
Rosenmeyer: Frustriert das nicht den Ausstellungsbesucher?
Buergel: Ein bisschen Frustration gehört dazu; man kann sich nicht alles aneignen. Europäische Museen haben das über Jahrhunderte getan und stehen jetzt völlig zu Recht vor dem Scherbenhaufen der Restitutionsforderungen. Oftmals ist Frustration aber nur ein Durchgangsstadium: Ich komme auf den angelernten Wegen nicht zu dem, was ich will, also muss ich mir einen anderen Weg suchen. Ästhetik lebt von diesen Umwegen.

Widersprüchliche Vergangenheit
Rosenmeyer: Ihr Motto ‹zur Geschichte und Gegenwart der globalen Handelswege› und die Jacobs-Geschichte reichen mindestens bis 1895 zurück. Höchstwahrscheinlich stecken dahinter – aus unserer heutigen Sicht – ungleiche Beziehungen. Wie gehen Sie damit um?
Buergel: Die widersprüchliche Historie bildet die Voraussetzung unserer Arbeit hier im Museum. Die Beziehungen zwischen dem Westen und dem globalen Süden sind struktureller Natur und hochkomplex; hier ist niemand sauber, auch nicht der Bergbauer, der seine Milch an den Schokoladenhersteller verkauft. Bei der Ausstellung ‹Kaffee aus Helvécia› ging es explizit um den Schweizer Besitz an Versklavten im Rahmen der Plantagen-Kolonie. Wir stricken an einem Netzwerk aus Künstlerinnen und Künstlern und dem, was im Französischen «savants» heisst: Leute, die wissen, beobachten, erinnern und erzählen, um beispielsweise die Verflechtungen bestimmter afrikanischer Regionen mit dem Westen, aber auch mit China zu begreifen.
Rosenmeyer: Sie haben von den Privilegien Ihrer Position in einem Privatmuseum gesprochen. Was sind diese?
Buergel: Dass es keine schnellen Ergebnisse geben muss. Der lange Atem ist wichtig und der Raum für Experimente, um Alternativen zu den ausgetretenen Pfaden der westlichen Museumswelt zu entwickeln.

Aoife Rosenmeyer ist nordirische Kritikerin und Übersetzerin und wohnt in Zürich. aoife@rosenmeyer.ch

Until 
03.11.2019

Roger Martin Buergel (*1962, Berlin), lebt in Zürich und Berlin

2007 Künstlerische Leitung der documenta 12 in Kassel
2012 ‹Garden of Learning›, Busan Biennale
seit 2013 Gründungsdirektor und Leiter des Johann Jacobs Museum

Ausstellungen im Rahmen der globalen Ausrichtung des Johann Jacobs Museum:
2016 ‹Dokumente aus Suzhou›, Kunstmuseum Suzhou, China
2018 ‹Mobile Welten›, (mit Sophia Prinz), Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg

Exhibitions/Newsticker Datesort ascending Type City Country
Weltausstellung 16.05.2019 to 03.11.2019 Exhibition Zürich
Schweiz
CH
Author(s)
Aoife Rosenmeyer
Artist(s)
Aiko Tezuka

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